Fiktive Gespräche

Der behauste Mensch

Virtuelle Gespräche mit Persönlichkeiten der Geistesgeschichte

Fraglos: der „behauste Mensch“ ist ein Sinnbild unserer Kultur und Zivilisation im Spannungsfeld von Idealem und Realen. Mit Persönlichkeiten der Geistesgeschichte führe ich deswegen für Sie fiktive Gespräche zu Themen im Umfeld von Architektur, Stadtplanung und Immobilienwirtschaft. Quellen sind jeweils bedeutende Texte meiner virtuellen „Gesprächspartner“.

Gespräch mit Hannah Arendt

Der Fortschrittsglaube bedroht die Menschheit

Kurt E. Becker im Gespräch mit Hannah Arendt

KEB: Sie zitieren George Wald, Frau Professor Arendt, seines Zeichens Nobelpreisträger für Physik, mit dem Satz: „Womit wir konfrontiert sind, ist eine Generation, die in keiner Weise sicher ist, dass sie eine Zukunft hat.“ Das Zitat klingt bedrückend aktuell und bringt Ihre eigene Skepsis hinsichtlich des Fortschrittsglaubens auf den Punkt. Lassen Sie uns deswegen Bauen und Wohnen, den Typus des behausten Menschen, das Generalthema in dieser Gesprächs-Reihe also, aus einer übergreifenden Perspektive in den Blick nehmen. Sie befürchten, „dass gerade der Fortschritt in mancherlei Hinsicht das Leben auf der Erde katastrophal bedroht.“

Hannah Arendt: Die Vorstellung, dass der wirtschaftliche Stand eines Landes an der Wachstumsrate der Produktion und des Nationaleinkommens abzulesen ist, ist das A und O aller Wirtschaftstheorien; sie beruht auf einem blinden Glauben an Fortschritt, den alle teilen… Kurz, der anscheinend unwiderstehliche technische Fortschritt, der im Verlaufe der industriellen Revolution nur bestimmte Volksschichten mit Erwerbslosigkeit bedrohte und die Maschinenstürmerei auslöste, bedroht heute die Existenz ganzer Volksgruppen und potentiell die der Menschheit, ja des organischen Lebens überhaupt.

KEB: Hinsichtlich fortschreitender naturwissenschaftlicher Forschung bedeutet dies konkret was?

Hannah Arendt: Nicht nur fällt der Fortschritt der Naturwissenschaften nicht mehr mit dem Fortschritt der Menschheit (was immer man darunter verstehen mag) zusammen, er könnte das Ende der Natur und der Menschengattung bedeuten, so wie der weitere Fortschritt in den Geisteswissenschaften schließlich mit der Zerstörung des geistigen Gutes enden könnte, um dessentwillen die Forschung sich erst auf den Weg gemacht hatte. Kurz, Fortschritt kann auf keinem wissenschaftlichen Feld mehr als Maßstab und Kriterium dienen, mit denen man die von uns entfesselten, reißenden Veränderungsprozesse messen oder beurteilen könnte…

KEB: Ihre Schlussfolgerungen?

Hannah Arendt: Wenn Macht im Unterschied zum bloßen Können meint: wir-wollen-und-wir-können, dann liegt in der heutigen sich ständig noch steigernden Macht der Menschen auf der Erde ein seltsames Element der Ohnmacht; denn der Fortschritt der Wissenschaft ist von dem, was wir tun wollen fast unabhängig geworden; seine Rasanz ist, wie die Wissenschaftler uns immer wieder erklären, nicht mehr zu stoppen, so wenig wie die scheinbar unaufhaltsame Entwicklung der Technik. Der Fortschritt folgt seinen eigenen unerbittlichen Gesetzen und zwingt uns, ohne Rücksicht auf die Folgen zu tun, was immer wir tun können.

KEB: Als Politikwissenschaftlerin sehen Sie dieses Horror-Szenario begleitet von der „furchtbarsten Herrschaftsform“, die Sie sich vorstellen können: die Bürokratie nämlich...

Hannah Arendt: … oder die Herrschaft, welche durch ein kompliziertes System von Ämtern ausgeübt wird, mit der man keinen Menschen mehr, weder den Einen noch die Wenigen, weder die Besten noch die Vielen verantwortlich machen kann, und die man deshalb am besten als Niemandsherrschaft bezeichnet… Denn in einer vollentwickelten Bürokratie gibt es, wenn man Verantwortung verlangt oder auch Reformen, nur den Niemand. Und mit dem Niemand kann man nicht rechten, ihn kann man nicht beeinflussen oder überzeugen, auf ihn keinen Druck der Macht ausüben. Die Bürokratie ist diejenige Staatsform, in welcher es niemanden mehr gibt, der Macht ausübt; und wo alle gleichermaßen ohnmächtig sind, haben wir eine Tyrannis ohne Tyrannen.

KEB: Danke für dieses Gespräch.

Hannah Arendt: Geboren am 14. Oktober 1906 als Johanna Arendt in Hannover, gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City, war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Philosophin. Sie war eine überzeugte Anhängerin vom Räte-System sowie von Formen direkter Demokratie. Ihre besondere Verachtung galt deutschen Intellektuellen, die ab 1933 Adolf Hitler folgten.
Gespräch mit Aristoteles

Ökonomie ist - Hauswirtschaft

Kurt E. Becker im Gespräch mit Aristoteles

KEB: Die „Ökonomie“, in Ihrer Terminologie die Hauswirtschaft (von oikos: das Haus und nomos: die Lehre bzw. das Gesetz), hat in Ihrem Denken eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Sie gelten sogar als einer der Begründer des modernen ökonomischen Denkens. Was ist denn das Besondere an der Hauswirtschaft?

Aristoteles: Die für das tägliche Zusammenleben bestehende natürliche Gemeinschaft ist das Haus. Die erste Gemeinschaft, die aus mehreren Häusern und nicht nur um des augenblicklichen Bedürfnisses willen besteht, ist das Dorf. Endlich ist die aus mehreren Dörfern bestehende vollkommene Gemeinschaft die Stadt. Sie hat gewissermaßen die Grenze der vollendeten Autarkie erreicht, zunächst um des bloßen Lebens willen entstanden, dann aber um des guten Lebens willen bestehend.

KEB: Hauswirtschaft wäre heute etwa gleichbedeutend mit Immobilien-Management. Können Sie noch ein bisschen präzisieren, was Sie konkret unter Hauswirtschaft verstehen?

Aristoteles: Die Hausverwaltungskunst muss vorhanden sein oder beschafft werden, damit von den Gütern, die in der Gemeinschaft der Stadt oder des Hauses für das Leben notwendig und nützlich sind, diejenigen zur Verfügung stehen, die aufgespeichert werden können.

KEB: Sie unterscheiden sehr nachdrücklich zwischen der Erwerbskunst eines Hausverwalters und eines Kaufmanns…

Aristoteles: Die rechte Erwerbskunst ist die Hausverwaltungskunst. Die Kaufmannskunst dagegen produziert zwar Vermögen, aber nicht schlechthin, sondern nur durch den Umsatz von Gegenständen; und nur sie scheint sich um das Geld zu drehen. Denn das Geld ist das Element und die Grenze des Umsatzes. Alle, die sich mit Erwerb befassen, vermehren ihr Geld ins Unbegrenzte.

KEB: Eine noch schlechtere Meinung als über die Kaufleute hatten Sie nur über die – wie wir heute sagen würden – Banker…

Aristoteles: Es gibt eine doppelte Erwerbskunst, die des Kaufmanns und die des Hausverwalters, und da diese notwendig und lobenswert ist, die Tauschkunst dagegen mit Recht getadelt wird, so ist erst recht der Wucher hassenswert, der aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber durch sich selbst. Daher hat es auch seinen Namen: Das Geborene ist gleicher Art wie das Gebärende, und durch den Zins entsteht Geld aus Geld. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur.

KEB: Nun ist Geld auch in Ihrer Philosophie durchaus ein sinnvolles Mittel zum Zweck.

Aristoteles: Als eine Art austauschbarer Stellvertreter des Bedarfs ist das Geld geschaffen worden, aufgrund gegenseitiger Übereinkunft. Es trägt den Namen „Geld“ (nomisma), weil es sein Dasein nicht der Natur verdankt, sondern weil man es als „geltend“ gesetzt (nomos) hat und es bei uns steht, ob wir es ändern oder außer Kurs setzen wollen. Das Geld wird im gewissen Sinn zu einer Mittelinstanz, denn alles lässt sich an ihm messen, auch das Zuviel also und das Zuwenig, wie viel Schuhe denn etwa einen Haus oder Nahrungsmitteln gleichwertig sind.

KEB: Übertragen wir das alles bitte mal auf das Bau- und Immobiliengeschäft.

Aristoteles: Nehmen wir einen Baumeister A, einen Schuhmacher B, ein Haus C und Schuhzeug D. So muss der Baumeister vom Schuhmacher dessen Erzeugnis bekommen und er dem Schuhmacher zum Ausgleich das seinige geben. Wenn nun proportionale Gleichheit der Erzeugnisse gegeben ist und dann der Ausgleich stattfindet, so kommt das genannte Ergebnis heraus. Ist dies nicht der Fall, so ist der Handel nicht gleich und hat keinen Bestand, denn es steht nichts im Wege, dass das Erzeugnis des einen hochwertiger als das des anderen.

KEB: Woran machen Sie denn die Wertigkeit fest? Und was sind die Voraussetzungen dafür, dass überhaupt Qualität im Immobiliengeschäft und am Bau zustande kommen kann?

Aristoteles: Was man erst lernen muss, bevor man es ausführen kann, das lernt man, indem man es aufführt. Baumeister wird man, indem man baut. Werkgerechtes Bauen wird gute, das Gegenteil schlechte Baumeister hervorbringen. Gleichwohl aber wird man zu erwarten haben, dass jemand, der in Praxis oder Theorie ein Fachmann werden will, die Richtung auf das Allgemeine einschlägt und es so vollkommen wie möglich erkennt, denn die Wissenschaft hat als Gegenstand das Allgemeine.

KEB: Was halten Sie von Bauwerken im Allgemeinen?

Aristoteles: Wer Gutes geschaffen hat, dem bleibt das Werk bestehen. Denn das Schöne und Edle hat lange Dauer.

KEB: Unsere Bewunderung für Ihre Architektur auch in der Moderne, lieber Herr Aristoteles, gibt Ihrer Prognose Recht. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Aristoteles, geboren 384 vor Christus in Stagira auf der Halbinsel Chalkidike, gestorben 322 vor Christus in Chalkis auf der Insel Euboea, einer der einflussreichsten Denker der okzidentalen Geistesgeschichte, Schüler Platos und Lehrer Alexander des Großen.
Gespräch mit Erich Fromm

Die industrielle Gesellschaft verachtet die Natur

Kurt E. Becker im Gespräch mit Erich Fromm

KEB: Herr Professor, lassen Sie uns den behausten Menschen der Moderne unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten in den Blick nehmen – und zwar in Gestalt jenes von Ihnen ironisierten Ideals eines bürgerlichen Lebens...

Erich Fromm:der universale Bourgeouis als Mann und Frau der Zukunft. Leben erst alle in Reichtum und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein. Diese Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen Fortschrittsreligion, und eine neue irdische Stadt des Fortschritts ersetzte die „Stadt Gottes".

KEB: Diese „irdische Stadt des Fortschritts“ und deren Entwicklung wurde und wird befördert durch eine bestimmte Form des Wirtschaftens…

Erich Fromm: Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? Die Schärfe dieses Konflikts versuchte man durch die These zu verschleiern, dass alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere …

KEB: Diese Art des Wirtschaftens hatte auch Einfluss auf unseren Umgang mit der Natur?

Fromm: Das Verhältnis des Menschen zur Natur wurde zutiefst feindselig. Die Menschen sind eine „Laune der Natur“, denn aufgrund unserer Existenzbedingungen sind wir Teil der Natur, doch aufgrund unserer Vernunftbegabung transzendieren wir sie. Wir haben versucht, dieses Problem unserer Existenz dadurch zu lösen, dass wir die messianische Vision der Harmonie zwischen Menschheit und Natur aufgaben, indem wir uns die Natur untertan machten und für unsere eigenen Zwecke umgestalteten, bis aus der Unterjochung der Natur mehr und mehr deren Zerstörung wurde. Unser Eroberungsdrang und unsere Feindseligkeit haben uns blind gemacht für die Tatsache, dass die Naturschätze begrenzt sind und eines Tages zur Neige gehen können und dass sich die Natur gegen die Raubgier der Menschen zur Wehr setzen wird.

Die industrielle Gesellschaft verachtet die Natur ebenso wie alles, was nicht von Maschinen hergestellt worden ist – und alle Menschen, die keine Maschinen produzieren (die farbigen Rassen, seit neuestem mit Ausnahme der Japaner und Chinesen). Die Menschen sind heutzutage fasziniert vom Mechanischen, von der mächtigen Maschine, vom Leblosen und im zunehmenden Maß von der Zerstörung.

KEB: Sie befürchten, dass der stärkste aller menschlichen Instinkte, der Selbsterhaltungstrieb, nicht mehr funktioniert.

Erich Fromm: Eine der naheliegendsten Erklärungen ist, dass die Politiker mit vielem, was sie tun, vorgeben, wirksame Maßnahmen zur Abwendung der Katastrophe zu ergreifen. Endlose Konferenzen, Resolutionen und Abrüstungsverhandlungen erwecken den Eindruck, als habe man die Probleme erkannt und unternehme etwas zu ihrer Lösung. De facto geschieht zwar nichts, was uns wirklich weiterhilft, aber Führer und Geführte betäuben ihr Gewissen und ihren Überlebenswunsch, indem sie sich den Anschein geben, den Weg zu kennen und in die richtige Richtung zu marschieren.

KEB: Herr Professor, ich danke für das Gespräch.

Erich Fromm, geboren am 23. März 1900 in Frankfurt am Main, gestorben am 18. März 1980 in Muralto, Schweiz, war ein deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Philosoph, Theoretiker des sogenannten Freudomarximus und überzeugter und überzeugender Vertreter eines normativen Humanismus.
Gespräch mit Jean Gebser

Raum-Zeit-Kontinuum in der Architektur

Kurt E. Becker im Gespräch mit Jean Gebser

KEB: Aufgrund Ihrer kulturphänomenologischen Betrachtung vergangener Epochen, Herr Gebser, sind Sie der Überzeugung, vier aufeinanderfolgende Bewusstseinsstrukturen des europäischen Menschen nachweisen zu können – die magische, die mythische, die mentale, alle mündend qua Mutation im integralen Bewusstsein und der damit verbundenen Überwindung des linearen Verhaftet-Seins in Raum und Zeit. Die daraus für Sie resultierende aperspektivische Weltsicht findet sich Ihrer Überzeugung nach auch im Bauen und in der Architektur wieder – zum Beispiel bei Frank Lloyd Wright.

Jean Gebser: In der Architektur müsste, wie bereits Frank Lloyd Wright hervorgehoben hat, eine weitere Wolkenkratzer- und Wohnmaschinen-Bauerei zur Katastrophe führen. Das rauschhafte Quantitative würde einer Verbauung des Menschen gleichkommen, seiner Verameisung, seiner soziologischen Atomisierung, statt ihm Freiheit zu geben.

KEB: Unter „Atomisierung“ verstehen Sie genau was?

Gebser: Im Alltag zwingt die Motorisierung, Maschinisierung, Technisierung den Menschen in quantitätsbedingte Abhängigkeiten, wobei das Unmaß an Freiheitspreisgabe den wenigsten bewusst wird. Maschine, Film, Presse, Radio: Meistens führen sie zu nivellierenden Abhängigkeitsverhältnissen und zu zunehmender Entindividualisierung, also zur Ich-Atomisierung.

KEB: Lassen Sie uns über das Achrononon, die Zeitfreiheit in der aperspektivischen Welt sprechen. Wie muss ich mir diese Zeitfreiheit vorstellen?

Gebser: Der Zeitbegriff ist lediglich das Initialthema für die Bewusstwerdung der aperspektivischen Welt. Solange es Geltung hat, gilt noch das Teilende, Zerstörende, Auflösende, das aber teilend, zerstörend und auflösend den Weg für eine neue Wirklichkeit freilegt. Was aber freigelegt wird, das ist mehr als der bloße Begriff „Zeit“: Es ist das Achronon, also das Frei- und Befreit-Sein von jeder Zeitform; es ist die Zeitfreiheit.

KEB: Und dieses Achronon äußert sich auch in der Architektur?

Gebser: Da … in der Architektur der Zeitaspekt sich nur als Dynamik und Bewegung äußern kann, ist es aufschlussreich zu wissen, dass ein bestimmter Bautyp auch in Amerika von nachhaltiger Wirkung gewesen ist, der mit der statischen, nur raumgebundenen Bauweise bisheriger Art brach. Es handelt sich um den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona (1929), der von Mies van der Rohe erstellt wurde.

KEB: In diesem Pavillon entdecken Sie die Realisation des Aperspektivischen in der Architektur?

Gebser: Die festen Beziehungen weichen flexibleren: Die Berücksichtigung des Zeitelementes als Bewegung löst den starren Raum, lockert ihn, bringt ihn zum Fließen; eine Welt der Übergänge und der Zusammenhänge tritt anstelle der durch bloße Wände abgekapselten Räume; statt einer Teilung … erfolgt eine Verschmelzung, und der abstrakte Raum wird zu einem konkreten Raum-Zeit-Kontinuum, das unverhaftet Leichtigkeit ausströmt; die trennenden und teilenden Wandflächen werden klar von der Struktur unterschieden; auf ihr, nicht auf den Wänden allein, liegt jetzt die Betonung. Die durch den Einbruch der Zeit bewirkte Auflockerung des Raumes springt vielleicht nirgends so deutlich ins Auge wie in den besten Schöpfungen der neuen Architektur, die in diesem Sinne durchaus vierdimensional, also aperspektivisch ist.

Die neue Architektur baut, um es physikalisch auszudrücken, nicht nur starre, abgegrenzte Räume, sondern raumzeitliche Kontinua. Mit anderen Worten: Die Zeit, sofern sie sich architektonisch ausdrücken lässt, hat den geschlossenen dreidimensionalen architektonischen Raum in bewegte, offene Raum-Zeit verwandelt.

KEB: Herr Gebser, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Jean Gebser, geboren am 20. August 1905 in Posen, gestorben am 14. Mai 1973 in Bern, Philosoph, Privatgelehrter, Schriftsteller, Übersetzer, gilt als Vordenker eines „aperspektivischen“ Zeitalters, konzipiert in seinem Hauptwerk „Ursprung und Gegenwart“.
Gespräch mit Silvio Gesell

Das Freigeld und die Investition in Immobilien

Kurt E. Becker im Gespräch mit Silvio Gesell

KEB: Mein Freund Günter Bartsch schrieb über Sie, Sie wollten eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Dabei war ein wesentliches Element der von Ihnen konzipierten natürlichen Wirtschaftsordnung (NWO) eine spezifisch eigene Philosophie des Geldes. Welchen Zweck hat das Geld in Ihrem Verständnis?

Gesell: Das Geld ist Tauschmittel, nichts anderes. Es soll den Austausch der Waren erleichtern, die Schwierigkeiten des Tauschhandels umgehen. Der Tauschhandel war unsicher, schwerfällig, kostspielig und versagte wohl auch oft; das Geld, das ihn ablösen soll, muss darum den Austausch der Waren sichern, beschleunigen, verbilligen.

KEB: Ihre Idee war, wie wir heute sagen würden, eine Rückkoppelung des Geldes an die Realwirtschaft zu versuchen.

Gesell: Das Geld hat nun aufgehört, ein Abstrakt zu sein. Das Freigeld bringt zum ersten Mal einen Vergleichspunkt für die Betrachtung des Geldes. Das Geld hat einen Hintergrund bekommen … Das Freigeld schafft das Lot zum Bau der Geldtheorie, an dem alle Abweichungen von der Senkrechten unmittelbar wahrnehmbar sind… Das Geld büßt seine zinstragende Eigenschaft ein und wird auf die Rangstufe von Ware und Arbeit herabgesetzt.

KEB: Mit revolutionären Konsequenzen.

Gesell: Wir müssen … das Geld als Ware verschlechtern, wenn wir es als Tauschmittel verbessern wollen. Da die Besitzer der Waren es mit dem Tausch stets eilig haben, so will es die Gerechtigkeit, dass auch die Besitzer des Tauschmittels es eilig haben sollen. Das Angebot steht unter unmittelbarem, eigengesetzlichem Zwang, so soll auch die Nachfrage unter gleichen Zwang gestellt werden.

KEB: Dieses „Schrumpfgeld“, wie es ironisch auch bezeichnet wurde, funktioniert genau wie?

Gesell: Das Freigeld verliert wöchentlich ein Tausendstel … an Zahlkraft, und zwar auf Kosten der Inhaber… Durch den Kursverlust von 5,2% jährlich dürfte die umlaufende Geldmasse um jährlich 200 - 300 Millionen abnehmen. Damit aber daraus kein Geldmangel entsteht, muss das Währungsamt diese Millionen immer durch neu herzustellendes Geld jährlich ersetzen.

KEB: Speziell für die Nutzer von Immobilien hat Ihr Freigeld interessante Konsequenzen.

Gesell: Was ich heute spare, das ist das, was mir von meinem Lohn übrigbleibt, nachdem ich in meinen persönlichen Ausgaben meinen Teil entrichtet habe von den Zinsen, die der Staat und die Gemeinde ihren Gläubigern zahlen müssen, und die von den Kapitalisten gefordert werden für die Benutzung der Häuser, Maschinenanlagen, Vorräte, Rohstoffe, Eisenbahnen, Kanäle, Gas- und Wasser-Anlagen usw.. Fällt der Zins, so wird alles entsprechend billiger, und ich werde entsprechend größere Summen sparen können. Meinen Verlust an Zinsen auf die schon gesparten Summen werde ich also tausendfach wiedergewinnen durch meine größeren Ersparnisse. Meine Wohnungsmiete beträgt 25% meines Lohnes und besteht zu zwei Dritteln aus Zins für das Baugeld. Geht nun der Zinsfuß von 4 auf 3, 2, 1 oder 0 von Hundert zurück, so spare ich dann 1/4, 1/2, 3/4, usw. der Wohnungsmiete, oder 4-16% meines Lohnes – allein am Hauszins!

KEB: Der Sparer wird aber auch zum Investor.

Gesell: … und das erreichen sie eben damit, dass sie von den jährlichen Abschreibungen ihres Kapitals nur einen Teil für eigenen Bedarf ausgeben, den Rest aber wieder für den Bau neuer Häuser, …, die ihnen keinen Zins, wohl aber Sicherheit gegen unmittelbaren Verlust bieten. Wenn sie das Geld (Freigeld) behielten, so würden sie nicht nur keinen Zins, sondern noch einen Verlust haben. Durch den Bau neuer Häuser vermeiden sie diesen Verlust

KEB: Das Haus wiederum wird in Ihrem Denken zur besten Kapitalanlage überhaupt.

Gesell: Es ist also nicht nötig, dass die Häuser ... Zins abwerfen, um die Mittel zu ihrer Herstellung von allen Seiten heranzulocken. Diese Dinge erweisen sich nach Einführung des Freigeldes für alle Sparer als das beste Aufbewahrungsmittel für die Ersparnisse. Indem die Sparer die Überschüsse in Häusern … anlegen, die keinen Zins eintragen, wohl aber sich in Abschreibungen wieder auflösen, sparen sie die Kosten der Wartung und Lagerung dieser Überschüsse, und zwar vom Tage an, wo der Überschuss gemacht wurde, bis zum Tage, wo er verzehrt werden soll; und da zwischen diesen beiden Tagen oft Jahrzehnte liegen …, so sind es große Vorteile, die die genannten Geldanlagen den Sparern bieten.

KEB: Und besonders interessant aus Ihrer Sicht ist die Investition in eine Wohnanlage, wie wir es heute bezeichnen würden.

Gesell: Will aber unser Sparer sich gegen … Verluste sichern, so baut er mit seinen Ersparnissen ein Mietshaus, und der Mieter bezahlt ihm in den jährlichen Abschreibungen, die auch heute immer im Mietzins enthalten sind, die Kosten des Baues nach und nach zurück.

KEB: Herr Gesell, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Johann Silvio Gesell, geboren am 17. März 1862 in St. Vith, gestorben am 11. März 1930 in der Obstbau-Genossenschaft Eden bei Oranienburg, war ein deutscher Kaufmann, Finanz-Theoretiker, Sozialreformer und Begründer der Freiwirtschaftslehre, genannt auch natürliche Wirtschaftsordnung „NWO“. John Maynard Keynes schrieb über Gesells Werk: „Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.“ Und Albert Einstein urteilte: „Die Schaffung eines Geldes, das sich nicht horten lässt, würde zur Bildung von Eigentum in wesentlicherer Form führen.“
Gespräch mit Martin Heidegger

Der Grundzug des Wohnens ist Schonen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Martin Heidegger

KEB: Herr Professor Heidegger, als Philosoph des durch die Zeit geprägten Seins pflegen Sie in sokratischer Tradition das Fragen als „die Frömmigkeit des Denkens“. In genau diesem Sinn greife ich gern eine Ihrer grundlegenden Fragen auf: Was ist das Wohnen?

Martin Heidegger: Zum Wohnen, so scheint es, gelangen wir erst durch das Bauen. Dieses, das Bauen, hat jenes, das Wohnen zum Ziel … Bauten behausen den Menschen. Er bewohnt sie und wohnt gleichwohl nicht in ihnen, wenn Wohnen nur heißt, dass wir eine Unterkunft innehaben.

KEB: Bitte etwas weniger rätselhaft.

Heidegger: Bei der heutigen Wohnungsnot bleibt … dies schon beruhigend und erfreulich; Wohnbauten gewähren wohl Unterkunft, die Wohnungen können heute sogar gut gegliedert, leicht zu bewirtschaften, wünschenswert billig, offen gegen Luft, Licht und Sonne sein, aber: bergen die Wohnungen schon die Gewähr in sich, dass ein Wohnen geschieht? … Bauen ist nämlich nicht nur Mittel und Weg zum Wohnen, das Bauen ist in sich selber bereits Wohnen.

KEB: Daraus folgt zwingend eine Ihrer folgenden Fragen, die ich ebenfalls aufgreife: Was heißt denn nun Bauen?

Heidegger: Das althochdeutsche Wort für bauen, „buan“, bedeutet wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten. Die eigentliche Bedeutung des Zeitwortes bauen, nämlich wohnen, ist uns verlorengegangen. Eine verdeckte Spur hat sich noch im Wort „Nachbar" erhalten. Der Nachbar ist der „Nachgebur", der „Nachgebauer", derjenige, der in der Nähe wohnt. … Bauen heißt ursprünglich wohnen. Wo das Wort bauen noch ursprünglich spricht, sagt es zugleich, wie weit das Wesen des Wohnens reicht. Bauen … ist nämlich unser Wort "bin" in den Wendungen: ich bin, du bist, die Imperativform bis, sei.

KEB: Was heißt dann in dem von Ihnen gebrauchten Sinn: ich bin?

Heidegger: Das alte Wort bauen, zu dem das "bin" gehört, antwortet: "ich bin", "du bist" besagt: ich wohne, du wohnst. Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen.

KEB: Daraus leiten Sie auch eine Verpflichtung des Menschen existentieller Art für das „auf der Erde Sein“ an sich ab?

Heidegger: Was das Bauen von Bauten in seinem Wesen sei, können wir nicht einmal zureichend fragen, geschweige denn sachgemäß entscheiden, solange wir nicht daran denken, dass jedes Bauen in sich ein Wohnen ist. Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen, das heißt als die Wohnenden sind. Doch worin besteht das Wesen des Wohnens? Hören wir noch einmal auf den Zuspruch der Sprache: Das altsächsische „wunon“, das gotische „wunian“ bedeuten ebenso wie das alte Wort bauen das Bleiben, das Sich- Aufhalten. Aber das gotische „wunian“ sagt deutlicher, wie dieses Bleiben erfahren wird. Wunian heißt: zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben. Das Wort Friede meint das Freie, das Frye, und fry bedeutet: bewahrt vor Schaden und Bedrohung, bewahrt — vor … das heißt geschont. Freien bedeutet eigentlich schonen. Das Schonen selbst besteht nicht nur darin, dass wir dem Geschonten nichts antun. Das eigentliche Schonen ist etwas Positives und geschieht dann, wenn wir etwas zum Voraus in seinem Wesen belassen, wenn wir etwas eigens in sein Wesen zurückbergen, es entsprechend dem Wort freien: einfrieden. Wohnen, zum Frieden gebracht sein, heißt: eingefriedet bleiben in das Frye, d. h. in das Freie, das jegliches in sein Wesen schont. Der Grundzug des Wohnens ist dieses Schonen. Er durchzieht das Wohnen in seiner ganzen Weite. Sie zeigt sich uns, sobald wir daran denken, dass im Wohnen das Menschsein beruht und zwar im Sinne des Aufenthalts der Sterblichen auf der Erde.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Martin Heidegger, geboren am 26. September 1889 in Messkirch, gestorben am 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau, war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit seinem ersten Hauptwerk „Sein und Zeit“ beabsichtigte er die denkerische Grundlegung für ein neues Weltverständnis. Dazu gehörte nicht zuletzt ein besonderes Verständnis von „Wohnen“, das er in einem existentiellen Sinn deutete: Der Mensch solle nicht über die Erde herrschen, sondern in ihr als sterblicher Gast wohnen und sie schonen. Entsprechend kritisch Heideggers Ausführungen zum Thema „Technik“, deren globale Verbreitung und ihre damit verbundene schonungslose „Vernutzung“ natürlicher Ressourcen er unabweisbar als existentielles Risiko der Menschheit deutete.
Gespräch mit Hans Jonas

„Das Prinzip Verantwortung“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Hans Jonas

KEB: Herr Professor Jonas, Sie gelten als einer der bedeutendsten Umweltethiker des 20. Jahrhunderts. In Ihrem epochalen Hauptwerk, „Das Prinzip Verantwortung“ haben Sie weitreichend Zeichen gesetzt bis in unser Jahrhundert hinein und über dieses hinaus. Unter anderem haben Sie „die universale Stadt“ als „zweite Natur des Menschen“ bezeichnet. Was genau heißt das?

Hans Jonas: Die Stadt der Menschen, einstmals eine Enklave in der nichtmenschlichen Welt, breitet sich über das Ganze der irdischen Natur aus und usurpiert ihren Platz. Der Unterschied zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen ist verschwunden, das Natürliche ist von der Sphäre des Künstlichen verschlungen worden; und gleichzeitig erzeugt das totale Artefakt, die zur Welt gewordenen Werke des Menschen, die auf ihn und durch ihn selbst wirken, eine neue Art von „Natur“, das heißt eine eigene dynamische Notwendigkeit, mit der die menschliche Freiheit in einem gänzlich neuen Sinn konfrontiert ist.

KEB: Das Zugrundegehen des Ganzen, die Auslöschung allen Lebens durch Taten des Menschen beschreiben Sie als reale Möglichkeit, deren Eintreten es zu verhindern gilt. Aber wie?

Hans Jonas: Fragen, die nie zuvor Gegenstand der Gesetzgebung waren, treten in den Umkreis der Gesetze ein, die die globale „Stadt“ sich geben muss, auf dass es eine Welt für die kommenden Geschlechter der Menschen gebe.

Dass es in alle Zukunft eine solche Welt geben soll – eine Welt geeignet für menschliche Bewohnung – und dass sie in alle Zukunft bewohnt sein soll von einer dieses Namens würdigen Menschheit, wird bereitwillig bejaht werden als ein allgemeines Axiom oder als überzeugende Wünschbarkeit spekulativer Phantasie (so überzeugend und so unbeweisbar wie der Satz, dass die Existenz einer Welt überhaupt besser sei als die Existenz keiner): aber als moralische Proposition, nämlich, als eine praktische Verpflichtung gegenüber der Nachwelt einer entfernten Zukunft und als Prinzip der Entscheidung in gegenwärtiger Aktion, ist der Satz sehr verschieden von den Imperativen der früheren Ethik der Gleichzeitigkeit; und er hat die sittliche Bühne erst mit unseren neuartigen Kräften und der neuen Reichweite unseres Vorherwissens betreten. Die Anwesenheit des Menschen in der Welt war ein erstes und fraglos Gegebenes gewesen, von dem jede Idee der Verpflichtung im menschlichen Verhalten ihren Ausgang nahm: jetzt ist sie selber ein Gegenstand der Verpflichtung geworden – der Verpflichtung nämlich, die erste Prämisse aller Verpflichtung, das heißt eben das Vorhandensein bloßer Kandidaten für ein moralisches Universum in der physischen Welt, für die Zukunft zu sichern; und das heißt unter anderem, diese physische Welt so zu erhalten, dass die Bedingungen für ein solches Vorhandensein intakt bleiben; und das heißt, ihre Verletzlichkeit vor einer Gefährdung dieser Bedingungen zu schützen.

KEB: Daraus leiten Sie eine Art „Nachhaltigkeitsimperativ“ ab – konkret bezogen auf den einzelnen Menschen. Was sind Ihre Handlungs-Maximen?

Hans Jonas: „Handle so, dass die Wirkung deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“; oder negativ ausgedrückt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens“; oder einfach: „Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden“; oder, wieder positiv gewendet: „Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein“.

KEB: Dieser Imperativ ist ein Imperativ des künftigen Seins der Menschen auf ihrem Planeten Erde.

Hans Jonas: … der neue Imperativ sagt eben, dass wir zwar unser eigenes Leben, aber nicht das der Menschheit wagen dürfen; und dass Achill zwar das Recht hatte, für sich selbst ein kurzes Leben ruhmreicher Taten vor einem langen Leben ruhmloser Sicherheit zu wählen (unter der stillschweigenden Voraussetzung nämlich, dass eine Nachwelt da sein wird, die von seinen Taten zu erzählen weiß); dass wir aber nicht das Recht haben, das Nichtsein künftiger Generationen wegen des Seins der jetzigen zu wählen oder auch nur zu wagen…

Homo faber kehrt seine Kunst auf sich selbst und macht sich dazu fertig, den Erfinder und Verfertiger alles Übrigen erfinderisch neu zu fertigen. Diese Vollendung seiner Gewalt, die sehr wohl die Überwältigung des Menschen bedeuten kann, diese letzte Einsetzung der Kunst über die Natur, fordert die letzte Anstrengung ethischen Denkens heraus, das nie zuvor wählbare Alternativen zu dem was für die definitiven Gegebenheiten der Menschenverfassung galt, ins Auge zu fassen hatte.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Hans Jonas, geboren am 10. Mai 1903 in Mönchengladbach, gestorben am 5. Februar 1993 in New Rochelle/USA, lehrte von 1955 bis 1976 als Professor an der New School for Social Research in New York, war ein jüdisch deutsch-amerikanischer Philosoph und als solcher einer der bedeutendsten Umweltethiker des 20. Jahrhunderts.
Gespräch mit Nicollò Macchiavelli

Den Wohlstand seiner Stadt befördern

Kurt E. Becker im Gespräch mit Nicollò Macchiavelli

KEB: Herr Macchiavelli, Sie gelten als einer der ersten „Consultants“, wie man heute sagen würde, und sind in Ihrem Wirken mittendrin in einer Epoche, die den modernen Individualismus begründet hat. Dieser Individualismus steckt heute, so sieht es aus, in einer Sackgasse. Was wäre Ihr Rat?

Macchiavelli: Es ist notwendig, dass die Menschen, die in irgendeiner Gesellschaftsordnung miteinander leben, häufig zur Selbsterneuerung gebracht werden – gleichgültig, ob aus Anlass äußerer oder innerer Ereignisse. Dies geschieht entweder durch ein Gesetz, das die Menschen, die zur gleichen Gemeinschaft gehören, immer wieder unter Kontrolle hält, oder durch einen wirklich tüchtigen Mann, der aus ihrer Mitte hervorgegangen ist und durch sein Beispiel und sein treffliches Wirken die gleiche Wirkung hervorbringt wie das Gesetz.

KEB: Leistung steht im Mittelpunkt unserer Wirtschaftsordnung. Wie war das zu Ihrer Zeit?

Macchiavelli: Ein Herrscher soll seine Mitbürger ermuntern, ruhig ihre Arbeit zu verrichten im Handel, in der Landwirtschaft und in jedem anderen Gewerbe, damit sich der eine nicht scheut, seinen Besitz zu mehren aus Furcht, er könnte ihm wieder genommen werden, und der andere sich aus Furcht vor Steuer nicht scheut, ein Handelgeschäft zu eröffnen. Er sollte vielmehr Belohnungen aussetzen für jeden, der solches unternehmen will und der die Absicht hat, in irgendeiner Weise den Wohlstand seiner Stadt oder seines Landes zu fördern.

KEB: Gab’s sonst noch Tipps für Ihren „Principe“ zur Beförderung der Wirtschaft und des Wohlstands einer Stadt?

Macchiavelli: In ihren öffentlichen Magazinen halten gute Herrscher stets einen Jahresbedarf an Getränken, Nahrungsmitteln und Brennholz; außerdem haben sie immer für ein Jahr Arbeitsgelegenheiten in den öffentlichen Gewerbebetrieben, die der Lebensnerv der Stadt sind und von denen das niedere Volk lebt.

KEB: Tugend war ein wichtiges Stichwort in Ihren Schriften. In diesem Zusammenhang haben Sie eine sehr pointierte Art, Ihrem Fürsten die Entfaltung menschlicher Potenziale zu empfehlen.

Macchiavelli: Die größte Kraftentfaltung zeigt sich immer da, wo der freien Wahl am wenigsten Spielraum bleibt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, Städte in unfruchtbaren Gegenden zu bauen; denn dort sind die Menschen gezwungen, tüchtig zu arbeiten, können weniger dem Müßiggang ergeben sein und müssen einiger leben, weil sie wegen der Armut der Gegend weniger Grund zu Zwistigkeiten haben.

KEB: Und wenn es doch mal zu Müßiggang kommt?

Macchiavelli: Wo aber die günstige Lage eines Landes Müßiggang zur Folge haben könnte, muss man dafür Sorge tragen, dass die Gesetze Pflichten auferlegen, zu denen die günstige Lage nicht zwingt.

KEB: In diesem Zusammenhang hatten Sie eine sehr gute Meinung von den Deutschen. Nicht zuletzt deswegen, weil die dem freien Markt abhold waren.

Macchiavelli: Diese Rechtschaffenheit in unserer Zeit findet sich eigentlich nur noch bei den Deutschen. Dies hat zwei Ursachen: die erste ist die, dass sie nur geringen Handelsverkehr mit ihren Nachbarn unterhalten haben. Sie begnügten sich stets mit den Erzeugnissen ihres Landes und kleideten sich in die Wolle, die ihnen ihre Heimat gibt. Damit war die Ursache zu jedem Verkehr und der Anfang zu jeder Verderbnis beseitigt. Die zweite Ursache ist die, dass diese Städte, die sich noch eine freie und unverdorbene Verfassung erhalten haben, keine Edelleute unter ihren Mitbürgern dulden, noch erlauben, dass einer ihrer Mitbürger ein Leben wie ein Adeliger führt. Ja mehr noch, sie achten streng auf absolute Gleichheit im Innern und sind die erbittertsten Feinde der Herren und Ritter ihres Landes, da sie den Adel für die Wurzel der Verderbnis und die Ursache jeder staatlichen Unordnung halten.

KEB: Herr Macchiavelli, sechshundert Jahre später hat sich die Welt der Deutschen sehr verändert. Wir sind zwischenzeitlich Export-Weltmeister und handeln sogar mit Immobilien. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Nicollò Macchiavelli, 1469 geboren, 1527 gestorben, war Politiker, Diplomat, Philosoph und Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit, von vielen als Theoretiker der Macht verkannt. Tatsächlich war Macchiavelli überzeugter Republikaner und betrachtete die Herrschaft eines „Principe“ lediglich als notwendiges Übergangsstadium.
Gespräch mit Karl Marx

Grundbesitz – ein Handelsartikel

Kurt E. Becker im Gespräch mit Karl Marx

KEB: Herr Marx, in der Praxis gilt Ihr „Kommunismus“ als weitestgehend gescheitert. Dennoch bescheinigen Ihnen auch Ihre Kritiker analytische Schärfe und eine bezwingende Stringenz der Gedankenführung. Was ist denn der Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen?

Karl Marx: In jeder historischen Epoche hat sich das Eigentum anders und unter ganz verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen entwickelt. Eine Definition des Eigentums als eines unabhängigen Verhältnisses, einer besonderen Kategorie, einer abstrakten und ewigen Idee geben zu wollen, kann nichts anderes sein als eine Illusion der Metaphysik oder der Jurisprudenz.

KEB: Aus dieser Einsicht folgt für Sie konkret was?

Karl Marx: Die Jeremiaden der reaktionären Parteien, die vom Grunde ihrer Seele nach der Rückkehr des Feudalismus, des schönen patriarchalischen Lebens, der einfachen Sitten und großen Tugenden unserer Vorfahren schreien. Die Unterwerfung des Bodens unter die Gesetze, die alle anderen Industrien regieren, ist und wird stets der Gegenstand interessierten Gejammers sein.

KEB: Das klingt höchst aktuell. Dieses „Gejammer“ erleben wir auch heutzutage. Aber was heißt das denn in concreto?

Karl Marx: Das Bodenkapital ist ein fixes Kapital, aber das fixe Kapital nutzt sich ebenso ab wie die zirkulierenden Kapitalien. Wäre das Bodenkapital ewig, so würden gewisse Gebiete einen ganz anderen Anblick darbieten als es heute der Fall ist. Die römische Campagna, Sizilien, Palästina, würden sich im ganzen Glanze ihrer ehemaligen Üppigkeit zeigen. Solange der Boden nicht als Produktionsmittel ausgenutzt wird, solange ist er nicht Kapital. Die Bodenkapitalien können ebenso gut vermehrt werden wie die anderen Produktionsmittel.

KEB: In diesem Zusammenhang war Ihnen ja auch durchaus das Phänomen „Globalisierung“ schon geläufig…

Karl Marx: Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt.

KEB: Als Motor dieser gesamten Entwicklung sehen Sie wesentlich die Kraft der Bourgeoisie. Auch im Blick auf die Immobilienwirtschaft ist Ihnen da einiges aufgefallen.

Karl Marx: Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen im hohen Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen.

KEB: Für die Prozesse innerhalb der Immobilienwirtschaft heißt dies konkret was?

Karl Marx: Als Rente ist der Grundbesitz mobilisiert und wird ein Handelsartikel. Die Rente ist erst von dem Moment an möglich, wo die Entwicklung der städtischen Industrie und die durch dieselbe geschaffene Organisation den Grundbesitzer zwingen, nur auf den Handelsprofit, auf den Geldertrag seiner landwirtschaftlichen Produkte zu sehen, und in seinem Grundbesitz schließlich nichts anderes zu erblicken als eine Maschine zum Geld schlagen. Die Rente hat den Grundbesitzer so vollständig vom Boden, von der Natur losgelöst, dass er nicht einmal nötig hat, seine Ländereien zu kennen, wie wir das in England sehen.

KEB: England haben Sie ja überhaupt als Paradebeispiel auch modernen immobilienwirtschaftlichen Handelns ausgemacht.

Karl Marx: In England allein ist dieses Verhältnis zwischen industriellen Kapitalisten und Grundbesitzern vollständig entwickelt.

KEB: Ein Wort zu Ihrem Begriff der „Rente“.

Karl Marx: Der Überschuss des Preises der Produkte des besseren Bodens über ihre Produktionskosten bildet eben die Rente. Die Rente stellt den Grundbesitzer gegenüber den industriellen Kapitalisten, der den Boden vermittels seiner Lohnarbeiter ausbeutet und der nur den Überschuss über die Produktionskosten, mit Einschluss des Kapitalprofits, als Part an den Grundbesitzer zahlt.
Die Lage der Grundstücke, die Nähe von Städten und noch viele andere Umstände wirken auf die Höhe der Rente ein.

KEB: Rente – das heißt Geld?!

Karl Marx: Das Geld ist nicht nur ein Gegenstand der Bereicherungssucht, es ist der Gegenstand derselben. Das Geld erscheint also ebenso sehr als Gegenstand wie Quelle der Bereicherungssucht. Was in der Tat zugrunde liegt, ist, dass der Tauschwert als solcher und damit seine Vermehrung zum Zweck wird.

KEB: Herr Marx, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Karl Heinrich Marx, geboren am 5. Mai 1818 in Trier, gestorben am 14. März 1883 in London, war Philosoph, politischer Journalist, Kritiker des Kapitalismus und gilt als einflussreichster Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. Seine Theorien werden bis heute kontrovers diskutiert.
Gespräch mit Alexander Mitscherlich

Die Stadt – ein Biotop

Kurt E. Becker im Gespräch mit Alexander Mitscherlich

KEB: Herr Mitscherlich, was sagt der Psychoanalytiker zur Entwicklung der modernen Stadt?

Mitscherlich: Der Mensch wird so, wie die Stadt ihn macht, und umgekehrt; mit fortschreitender Urbanisierung trifft das auf immer mehr Menschen zu. Oder anders ausgedrückt: Wenn Städte Selbstdarstellungen von Kollektiven sind, dann ist das, was uns hier an Selbstdarstellung begegnet, alarmierend.

KEB: Inwiefern? Was alarmiert Sie?

Mitscherlich: Eine freiheitliche Städteplanung ist so lange unmöglich, als es kein Bewusstsein ihrer Hemmnisse gibt. Nicht zu erwarten ist, dass die Institution der politischen Öffentlichkeit, also die Parteien, den Besitzstand antastende Forderungen erheben werden, solange sie nicht von der Wählerschaft unter Druck gesetzt werden.

KEB: Was hat der Besitzstand mit der von Ihnen behaupteten Unwirtlichkeit unserer Städte zu tun?

Mitscherlich: Alte Städte hatten ein Herz. Die Herzlosigkeit, die Unwirtlichkeit der neuen Bauweise hat jedoch eine ins Gewicht fallende Entschuldigung auf ihrer Seite: das Tabu der Besitzverhältnisse an Grund und Boden, welches jede schöpferische, tiefergreifende Neugestaltung unmöglich macht. Denn Privatbesitz, unbeschadet seiner unter Umständen für die Gemeinschaft tödlichen Auswirkungen, ist ein Tabu, ein Fetisch, an dem niemand zu rühren wagte. Keine der gesetzgebenden Körperschaften, keine der Parteien.

KEB: Lassen Sie uns mal ein bisschen näher auf Ihre These von der Unwirtlichkeit eingehen…

Mitscherlich: Nicht nur die ästhetische Gestalt unserer Städte ist zu bedenken, will man die Ursache ihrer Unwirtlichkeit und der verbauten Zukunft der Städter auffinden. Der Mensch und seine Umwelt sind untrennbar. Wenn es nicht nur zu einer Planung für einen enthemmten Prozess der Vermehrung und der wirtschaftlichen Produktion und des Verbrauches kommen soll, dann müssen wir ganz scharf zu sehen lernen: Was ist gelungene Anpassung und was ist Biopathologie der industriellen Massenzivilisation.

KEB: Was meinen Sie mit „Biopathologie“?

Mitscherlich: Ohne emotionelle Nachbarschaft kann keine reife Menschlichkeit entstehen. Der Mensch ist ein Sozialwesen, muss immer funktional gesehen werden; nur, wo man auf den Nachbarn angewiesen ist, macht man von ihm als Nachbarn gebrauch. In den Städten wird aber jede Anstrengung zur kommunikationslosen Bedürfnisbefriedigung unternommen. Die vollendete Auflösung der städtischen Gesellung spiegelt sich in dem Wort „Selbstbedienung“.

KEB: Was könnte Ihrer Meinung nach die Konsequenz sein?

Mitscherlich: Die Stadt ist der Geburtsort dessen, was wir bürgerliche Freiheit nennen, dieses Lebensgefühls, das sich dumpfen Herrschaftsgewalten widersetzte. Es könnte sein, dass die Struktur dessen, was wir gewohnheitsmäßig noch Stadt nennen, sich so verändert, dass sie kein Biotop mehr für freie Menschen ist, sondern eine soziale Umwelt, aus welcher, wie früher aus der natürlichen, unbegreifliche Katastrophen hereinbrechen. So optimistisch sollten wir nicht sein, zu glauben, dass der Mensch in jedem Fall am Leben bleibt. Er bleibt vielleicht am Leben, die Frage ist aber, ob als Freier, als einer also, der überhaupt mit diesem Wort Freiheit noch einen Sinn und ein Ziel verbindet. Was aus dem Biotop unserer Städte wird, trägt zu der Entscheidung bei, welche Seite in diesem Geschichtsabschnitt den Wettlauf gewinnt.

KEB: Abschließend ein Wort zum Thema „Stadt als Biotop“, bitte.

Mitscherlich: Die Stadt, in der man durch Jahrhunderte lebte, war ein Biotop. Ein Platz, an dem sich Leben verschiedenster Gestalt ins Gleichgewicht bringt und in ihm hält. Wenn also eine Stadt geplant wird, dann, so sollte man meinen, hätte der Biotop-Forscher einen Beitrag zu leisten, und ein solcher Forscher, der es mit menschlichem Verhalten unter gegebenen Verhältnissen zu tun hat, ist der Psychoanalytiker.

KEB: Herr Mitscherlich, eine wunderbare Aufgabe für die Psychoanalyse. Dank für dieses Gespräch.

Alexander Mitscherlich, geboren 1908, gestorben 1982, Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller, langjähriger Leiter des von ihm gegründeten Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt an Main, ebenda Professor für Psychologie an der Universität Frankfurt. Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – vor allem für sein architekturkritisches Werk „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“.
Gespräch mit Lewis Mumford

Die Stadt – Ausdruck des „Menschen in der einen Welt“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Lewis Mumford

KEB: Herr Mumford, Sie haben sich wie kaum ein Zweiter mit der Stadt und deren Entwicklung in der Geschichte auseinandergesetzt. Gehen wir zurück zum Anfang: Was können wir von der antiken Stadt lernen?

Mumford: Die antike Stadt fügte viele verstreute Organe des gemeinsamen Lebens zusammen und förderte innerhalb ihrer Mauern deren Zusammenwirken und Verschmelzung. Die gemeinschaftlichen Funktionen, denen die Stadt diente, waren wichtiger; noch wichtiger waren die gemeinschaftlichen Ziele, die sich aus der lebendigeren Art des Umgangs und der Zusammenarbeit ergaben. Dank ihrer Speichermöglichkeiten war die Stadt imstande, eine komplexe Kultur von Generation zu Generation weiterzureichen, denn sie verfügte nicht nur über die äußeren Mittel sondern auch über die Menschen, die nötig waren, um dieses Erbe zu mehren und mitzuteilen.

KEB: Soweit ein Blick zurück. In den zweitausend Jahren der abendländischen Stadtgeschichte hat sich ja zwischenzeitlich einiges getan. Was kennzeichnet Ihrer Meinung nach denn die heutige Großstadt?

Mumford: Die Endgestalt der Großstadt erscheint als Ergebnis zweier Kräfte: eine produktive Industriewirtschaft, welche Energien in einem vorher niemals verfügbaren Ausmaß nutzte, und eine händlerische Verbraucherwirtschaft, die Annehmlichkeiten und Luxusgüter vervielfachte und allmählich den ganzen Kreis der Verbraucher ausweitete.

KEB: Sie haben in diesem Zusammenhang von einer „großstädtischen Pyramide“ gesprochen. Was ist darunter zu verstehen?

Mumford: Monopolistische Organisation, Kreditfinanzierung und Geltung durch Geld – das sind die drei Seiten der großstädtischen Pyramide. Was immer sich in den großen Städten abspielt, geht schließlich auf das eine oder das andere dieser Elemente zurück. In dieser Wirtschaftsepoche ist die Metropole das natürliche Kapitalreservoir, da ihre Banken, Maklerbüros und Börsen als Sammelbecken für die Ersparnisse des umliegenden Landes dienen, im Falle von Weltstädten auch für das überschießende Kapital ausländischer Geldgeber.

KEB: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Und welches Leitbild hat denn Ihrer Meinung nach eine moderne Stadt?

Mumford: Die Gestalt der Metropole ist ihre Gestaltlosigkeit, wie auch ihr Ziel die ziellose Expansion ist. Eine expansive Wirtschaft, die nicht der Befriedigung von Lebensnotwendigkeiten dient, sondern dem Gewinnstreben, muss natürlich ein neues Leitbild der Stadt schaffen: den ewig offenen und sich stetig weiter öffnenden Schlund, der dem Druck einer unablässigen Werbung gehorcht und die Auswürfe einer wachsenden industriellen und landschaftlichen Erzeugung verschlingt. Daher ist heute die Expansion zum Selbstzweck geworden; um sie zu ermöglichen, greifen die Herren dieser Gesellschaft zu jeglicher Form von Pyramidenbau.

KEB: Welche Konsequenz hat diese Entwicklung für die Bürger der Städte?

Mumford: Nach demselben Gesetz verfällt die Stadt selber dem Verbrauch. Der Behälter muss ebenso rasch wechseln wie der Inhalt. Dieser Imperativ untergräbt aber eine der wichtigsten Funktionen der Stadt als Faktor menschlicher Beständigkeit. Das lebendige Gedächtnis der Stadt, das einstmals Generationen und Jahrhunderte miteinander verband, verschwindet; ihre Einwohner leben in einem einzigen vernichtenden Von-Augenblick-zu-Augenblick. Selbst der ärmste Wilde der Steinzeit hat niemals in einem so verkommenen und demoralisierten Gemeinwesen gelebt.

KEB: Ist das nicht ein sehr hartes Urteil?

Mumford: Das großstädtische Gemeinwesen ist in seiner ganzen Organisation darauf eingerichtet, Eigenwilligkeit und Selbstständigkeit abzutöten. Man sieht, was man sehen soll, denkt, was man denken soll. Auszuwählen, zu unterscheiden, Klugheit, Mäßigung oder Vorsicht zu üben, Selbstbeherrschung bis zur Enthaltsamkeit zu treiben, andere Maßstäbe als diejenigen des Marktes zu besitzen, sich andere Grenzen als diejenigen des alsbaldigen Verbrauchs zu setzen – das alles ist böse Ketzerei, die den ganzen Mythos von Megalopolis in Frage stellen und ihre Wirtschaft zum Erliegen bringen würden.

KEB: Das klingt alles sehr pessimistisch, Herr Mumford. Gibt es Ihrer Meinung nach einen Ausweg aus diesem von Ihnen diagnostizierten Dilemma?

Mumford: Eine brauchbare Lösung dieses Problems, um das sich die ganze Zukunft unserer städtischen Kultur dreht, hängt davon ab, dass wir das Bild einer organischeren Welt entwickeln, welches allen Dimensionen der lebendigen Organismen und der menschlichen Persönlichkeit gerecht wird. Daher ist für die Weiterentwicklung der Stadt in unserer Zeit eine der wichtigsten Voraussetzungen, dass wir die wesentlichen Verrichtungen und Werte zurückgewinnen, die erstmals in den antiken Städten, vornehmlich in Griechenland, verkörpert waren. Daher müssen wir uns jetzt die Stadt nicht in erster Linie als einen Ort vorstellen, wo man Geschäfte macht oder regiert, sondern als wichtiges Organ, das der neuen menschlichen Persönlichkeit Ausdruck verleiht und Geltung verschafft. Der Persönlichkeit des „Menschen in der einen Welt“.

Lewis Mumford, geboren 1895, gestorben 1990, US-Amerikaner, interdisziplinärer Denker mit großem Einfluss auf Stadtplanung und Architektur im 20. Jahrhundert. Wesentliches Anliegen: Eine menschengerechte Stadt- und Regionalplanung. Hauptwerk: Die Stadt. Geschichte und Ausblick
Gespräch mit Friedrich Nietzsche

Geplagte Sklaven der drei M

Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Nietzsche

KEB: Herr Nietzsche, eine allzu hohe Meinung haben Sie nicht von den Architekten und Stadtplanern in Ihrer Zeit?!

Nietzsche: Ich gehe durch die neuen Straßen unserer Städte und denke, wie von allen diesen gräulichen Häusern, welche das Geschlecht der öffentlich Meinenden sich erbaut hat, in einem Jahrhundert nichts mehr steht, und wie dann auch die Meinungen dieser Häuserbauer umgefallen sein werden. Wir haben uns über unser Dasein vor uns selbst zu verantworten; folglich wollen wir auch die wirklichen Steuermänner dieses Daseins abgeben und nicht zulassen, dass unsere Existenz einer gedankenlosen Zufälligkeit gleiche.

KEB: Ihr Urteil über die Menschen, die in diesen Städten wohnen und arbeiten?

Nietzsche: Die geplagten Sklaven der drei M, des Moments, der Meinungen und der Moden.

KEB: Wie wirkt dieses moderne Sklaventum?

Nietzsche: Die Einzelnen denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie größer sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muss: Weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist.

KEB: Das Bild der Jagd: Was oder wer wird gejagt?

Nietzsche: Die gebildeten Stände und Staaten werden von einer großartig verächtlichen Geldwirtschaft fortgerissen. Niemals war die Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und Güte. Die Gelehrtenstände sind nicht mehr Leuchttürme oder Asyle, inmitten aller dieser Unruhe der Verweltlichung; sie selbst werden täglich unruhiger, gedanken- und liebloser.

KEB: Ihrer Einschätzung nach hat diese Geldwirtschaft erheblichen Einfluss auch auf die Wirtschaft im Allgemeinen und auf die Kultur.

Nietzsche: Da ist die Selbstsucht der Erwerbenden, welche der Beihilfe der Kultur bedarf und ihr zum Danke dafür wieder hilft, aber dafür freilich zugleich Ziel und Maß vorschreiben möchte. Bildung würde von den Anhängern derselben als die einzige definiert werden, die der Mann, in Bedürfnissen und deren Befriedung, durch und durch zeitgemäß wird, mit der man aber zugleich am besten über Mittel und Wege gebietet, so leicht wie möglich Geld zu gewinnen.

KEB: Etwas präziser bitte: Was konkret heißt das für die Bildung und Ausbildung der Menschen?

Nietzsche: Jede Bildung ist hier verhasst, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, viel Zeit verbraucht. Nach der hier geltenden Sittlichkeit steht gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein Geld verdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Den Menschen wird nur so viel Kultur gestattet, als im Interesse des allgemeinen Erwerbs und des Weltverkehrs ist, aber so viel wird auch von ihm gefordert.

KEB: Was ist Ihr Ideal hinsichtlich der Bildungsziele?

Nietzsche: Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt. Nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister mit leidender Miene zu verstehen gibt, dass er eigentlich für etwas Besseres geboren ist. Es gibt gar nichts besseres, als das Gute! Das ist: Irgendeine Tüchtigkeit haben und aus ihr Schaffen, virtù im italienischen Sinne der Renaissance.

KEB: Herr Nietzsche, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Friedrich Wilhelm Nietzsche, geboren am 15. Oktober 1844 in Röcken, gestorben am 25. August 1900 in Weimar, Philosoph, Dichter, Philologe, den einen geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus, den anderen prophetischer Deuter der menschlichen Existenz in unserer Zeit.
Gespräch mit José Ortega y Gasset

Im Lärm des öffentlichen Lebens untergehen

Kurt E. Becker im Gespräch mit José Ortega y Gasset

KEB: Herr Professor, lange vor Neil Postman haben Sie den Verlust der Privatsphäre durch die Massenzivilisation beklagt. Ihre Diagnose zeigt die Öffentlichkeit auf dem Vormarsch bis in die feinsten Verästelungen unseres individuellen Lebens.

José Ortega y Gasset: Nun aber nimmt diese Tatsache auf einmal geradezu körperliche Formen an. Man denke nur an den Straßenlärm. Die Straße ist überlaut geworden. Eines der winzigen Privilegien, die früher der Mensch genoss, war die Stille, das Recht auf eine gewisse Dosis Stille. Vorbei. Die Straße dringt bis in unseren privaten Winkel vor, nimmt ihn in Besitz und lässt ihn im Lärm des öffentlichen Lebens untergehen. Wer nachdenken und sich in sich selbst versenken will, muss sich daran gewöhnen, dabei wie ein Taucher in einen Ozean von Kollektivgeräuschen untergetaucht zu werden. Man lässt den Menschen um nichts in der Welt mehr mit sich allein. Er muss mit anderen zusammen sein, ob er will oder nicht. Der anonyme Lärm der Hauptstraßen und der Plätze sickert durch die Mauern seines Hauses.

KEB: Sie verdeutlichen diese Entwicklung nicht zuletzt durch die Veränderung beim Bau unserer Häuser.

Ortega y Gasset: Ein Diagramm könnte die Entwicklung zeigen, die sich seit dem Mittelalter bis in unsere Zeit allein schon in der Mauerdicke vollzogen hat. Im 14. Jahrhundert ist das Haus eine Festung. Heute ist der in Stockwerke aufgeteilte Bau ein Bienenstock, beinahe selber schon eine ganze Stadt, und die Mauern sind dünne Wände, die uns knapp von der Straße trennen. Noch im 18. Jahrhundert sind die Häuser geräumig und tief.

KEB: Und heute?

Ortega y Gasset: Alles zwingt den Menschen, sein Einzeldasein und etwas von der Dichte seines Wesens aufzugeben. Wie das Haus durchlässig geworden ist, so auch der Mensch, und die öffentliche Atmosphäre, die Gedanken, die Entschlüsse, die Neigungen kommen und gehen durch uns hindurch, und jeder beginnt zu merken, dass er am Ende vielleicht ein anderer ist ... Man lässt dem Menschen keinen Winkel mehr, in den er sich zurückziehen, wo er mit sich allein sein kann. Aufgebracht protestieren die Massen gegen jede Reserve unseres Selbst.

KEB: Ihre Kritik an der Zivilisation im Allgemeinen ist die Folge.

Ortega y Gasset: Was wir „Zivilisation“ nennen – all diese physischen und moralischen Bequemlichkeiten, all diese Möglichkeiten zur Entspannung, alle diese Schutzmaßnahmen, alle diese gewohnheitsmäßig ausgeübten Fähigkeiten und Verfahren, mit denen wir zu rechnen pflegen, bilden in Wirklichkeit ein Repertorium oder System von Sicherheiten, die der Mensch sich aufbaut wie ein Floß in dem Schiffbruch, das das Leben von Anfang an und immer ist – alle diese Sicherheiten sind unsichere Sicherheiten, die eins, zwei, drei und ganz unvermerkt den Händen der Menschen entgleiten und sich in Phantasmen auflösen können. Die Geschichte berichtet uns von unzähligen Rückschlägen, Niedergängen und Entartungen. Es ist aber nicht gesagt, dass nicht noch viel radikalere Rückschläge als alle bekannten möglich wären, einschließlich der radikalsten von allen: der totalen Verflüchtigung des Menschen als Mensch und seines stillschweigenden Rückfalls in die tierische Ordnung, in die volle und endgültige Selbstentfremdung. Das Schicksal der Kultur, die Bestimmung des Menschen hängt davon ab, dass wir im Grunde unseres Wesens immer dieses dramatische Bewusstsein bewahren und wir einen in unserem Inneren fortklingenden Grundton wahrnehmen, dass für uns nur die Unsicherheit sicher ist.

KEB: Und die Sicherheit der Unsicherheit sehen Sie mit dem vermeintlichen Fortschritt entschwinden.

Ortega y Gasset: Die Idee des Fortschritts drückt sich nämlich nicht nur in der Behauptung aus, dass die Menschheit – ein abstraktes, unverantwortliches, nicht existierendes Wesen, das man damals erfand, fortschreite, was nicht zu bestreiten ist, sondern dass sie auch notwendigerweise fortschreite. Diese Idee chloroformierte den Europäer und den Amerikaner gegen die radikale Empfindung des Wagnisses, das dem Wesen des Menschen entspricht. Denn wenn die Menschheit unvermeidlich fortschreitet, dann heißt das, dass wir jede Wachsamkeit aufgeben können, uns um nichts zu kümmern brauchen, uns nicht für verantwortlich halten und uns darauf verlassen können, dass die Menschheit uns unweigerlich der Vollkommenheit und der ewigen Wonne entgegenführe … So haben die Dinge der Politik im Abendland ein Extrem erreicht, in dem, weil jedermann den Verstand verloren hat, schließlich alle glauben, ihn zu besitzen. Nur dass dann der Verstand, den ein jeder hat, nicht der seinige ist, sondern der, den der andere verloren hat.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

José Ortega y Gasset, geboren am 9. Mai 1883 in Madrid, gestorben am 18. Oktober 1955, ebenfalls in Madrid, war ein spanischer Philosoph, Soziologe und Essayist. Er gilt als einer der bedeutendsten spanischen Denker des 20. Jahrhunderts, mit seinem elitären Hauptwerk „Der Aufstand der Massen“ Zustimmung und Widerspruch jeweils in hohen Maßen evozierend.
Gespräch mit Karl R. Popper

Lob der Technik

Kurt E. Becker im Gespräch mit Karl R. Popper

KEB: Herr Professor Popper, Architektur und Stadtentwicklung waren keine Themen, denen Sie sich in Ihren Forschungen gewidmet haben. Dennoch haben Sie in Ihrer Philosophie auf jeden Fall mittelbar auch entscheidende Grundlagen für die Erklärung unserer Urbanisierungs-Kultur durch Ihren Hinweis auf die Technik als „Kulturfaktor“ gelegt. Ein Blick auf die großen Zusammenhänge wäre hier ganz hilfreich.

Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Alle Organismen sind Erfinder und Techniker, gute oder weniger gute, erfolgreich oder weniger erfolgreich im Lösen von technischen Problemen. Menschliche Technik löst menschliche Probleme, etwa Kanalisierung, Wasser- oder Nahrungsmittelbeschaffung und –speicherung, wie es zum Beispiel schon die Bienen tun.

KEB: Ihre Philippika gegen die Grünen in diesem Zusammenhang ist legendär…

Popper: Deshalb ist die Gegnerschaft gegen die Technik, wie wir sie häufig bei den Grünen finden, Unsinn, denn sie ist ja Gegnerschaft gegen das Leben – was leider die Grünen nicht bemerkt haben. Wir im Westen leben im Himmel, natürlich im ersten Himmel und noch nicht im siebten Himmel. Unser Himmel ist sehr verbesserungsfähig. Wir dürfen unsere Welt nicht länger beschimpfen und schlechtmachen. Sie ist bei weitem die beste, die es je auf Erden, und besonders in Europa, gegeben hat.

KEB: Im Leben und Forschen dürfen, ja sollen wir sogar Fehler machen. Das ist eine der Grundthesen Ihrer Philosophie. Erkenntnistheoretisch sprechen Sie von „Falsifikation“. Den Grünen allerdings unterstellen Sie einen Kardinalfehler.
Popper: Alles, was die Grünen der Technik vorwerfen, (ist) fast gänzlich auf die Bevölkerungsexplosion zurückzuführen. Von diesem großen Problem sprechen aber die Grünen zu wenig – offenbar deshalb, weil es ihren Angriff auf die Technik zunichtemachen könnte, wenn sie dieses Problem ernsthaft zu untersuchen bereit wären.

KEB: Ihr Lob der Technik hat sogar eine moralische Dimension.

Popper: Moralisch ... war die große Befreiung der Haussklaven, auch Dienstmädchen genannt, die zum großen Teil durch die Motorisierung des Haushalts ermöglicht wurde. Die ungeheure Revolution und die Befreiung, die alle Frauen … erfahren haben, ist heute merkwürdigerweise fast vergessen, obwohl sie eine Befreiung aus herzzerreißender Sklaverei war. Wer ahnt heute, was es bedeutete, wenn alles Wasser getragen werden musste, wenn für alle Heizung Kohle getragen werden musste, wenn alle Wäsche mit der Hand gewaschen werden musste, wenn es noch keine Petroleumlampen mit Dochten gab. … Die furchtbare Hausarbeit muss die Lebensdauer sehr verkürzt haben, von dem Arbeitsleid, das heute durch Lebensfreude ersetzt wird, ganz zu schweigen. Das verdanken die Frauen der Technik, auch die, die die Feindschaft gegenüber der Technik predigen.

KEB: Ein Blick in die Zukunft?

Popper: Ich behaupte, dass wir einen ganz scharfen Schnitt machen müssen zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflusst werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüberzustehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Gegenwart und der Vergangenheit wäre. Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten. Deshalb darf unsere Grundeinstellung nicht von der Frage beherrscht sein „Was wird kommen?“, sondern von der Frage „Was sollen wir tun: Tun, um womöglich die Welt ein bisschen besser zu machen?“

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Sir Karl Raimund Popper, geboren am 28. Juli 1902 in Wien, gestorben am 17. Dezember 1994 in London, war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der mit seinen Arbeiten zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zu Sozial- und Geschichtsphilosophie sowie zur politischen Philosophie den kritischen Rationalismus begründete.
Gespräch mit Joseph A. Schumpeter

Verflüchtigung der Substanz des Eigentums

Kurt E. Becker im Gespräch mit Joseph A. Schumpeter

KEB: Herr Professor Schumpeter, Sie legen stringent dar, dass der Prozess des Kapitalismus das Leben aus der Idee des Eigentums entfernt und in die virtuelle Welt von Aktienpaketen verflüchtigt. Was sind die Konsequenzen?

Schumpeter: …diese Verflüchtigung dessen, was wir die materielle Substanz des Eigentums – seine sichtbare und fühlbare Wirklichkeit – nennen können, beeinflusst nicht nur die Haltung der Aktienbesitzer, sondern auch die der Arbeiter und die der Öffentlichkeit im Allgemeinen. Ein Eigentum, das von Person und Materie gelöst und ohne Funktion ist, macht keinen Eindruck und erzeugt keine moralische Treuepflicht, wie es die lebenskräftige Form des Eigentums einst tat. Zuletzt bleibt niemand mehr übrig, der sich wirklich dafür einsetzen will.

KEB: Was heißt das speziell für den Besitz von Immobilien?

Schumpeter: Bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bildeten das Stadthaus und der Landsitz überall nicht nur den angenehmen und behaglichen Rahmen des Privatlebens auf den höheren Einkommensstufen, sondern sie waren auch unentbehrlich. Nicht nur die Pflege der Gastlichkeit jeden Ausmaßes und Stils, sondern auch die Behaglichkeit, Würde, Ruhe und Vornehmheit der Familie waren davon abhängig, dass sie ein angemessenes eigenes Foyer mit einem angemessenen Dienstbotenstab hatte. Die im Ausdruck „Haus“ oder „Häuslichkeit“ zusammengefassten Einrichtungen wurden demgemäß von durchschnittlichen Mann und der durchschnittlichen Frau aus bürgerlichen Kreisen als Selbstverständlichkeit aufgefasst, genauso wie sie auch Ehe und Kinder – die „Gründung einer Familie“ – als Selbstverständlichkeit betrachteten.

KEB: Sie greifen damit zurück auf den alten Ökonomie-Begriff eines Aristoteles, der das gesamte Wirtschaften von oikos, vom Haus, von der Hauswirtschaft her dachte. Und Sie wiederum verleihen diesem oikos-Begriff darüber hinaus eine ganz spezielle Tiefendimension, die Sie mit dem Schwinden der von Ihnen apostrophierten „Häuslichkeit“ zunehmend verflachen sehen.

Schumpeter: Heutzutage treten nun einerseits die Annehmlichkeiten des bürgerlichen „Hauses“ neben seinen Bürden immer mehr in den Hintergrund… Auf der andern Seite ist die Häuslichkeit der alten Art nicht mehr ein unumgängliches Erfordernis, um in der bürgerlichen Sphäre behaglich und verfeinert zu leben. Das Apartmenthaus und das Apartmenthotel stellen einen rationalisierten Typ des Wohnens und einen andern Stil des Lebens dar…

KEB: Sie unterstellen, dass das Zurückdrängen der Häuslichkeit in den oberen Schichten der kapitalistischen Gesellschaft auch mit dem Abnehmen des Kinderwunsches in Verbindung zu bringen sei…

Schumpeter: Es handelt sich auch hier um eine Wechselbeziehung: Das allmähliche Verschwinden des geräumigen Hauses – in dem allein sich dass reiche Leben einer zahlreichen Familie entfalten kann – und die zunehmenden Reibungen, mit denen es funktioniert, bilden ein weiteres Motiv, um die Sorgen der Elternschaft zu vermeiden; aber der abnehmende Wunsch auf Nachkommenschaft vermindert seinerseits wieder den Wert eines geräumigen Hauses.

KEB: Daraus schlussfolgern Sie einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Kapitalismus?

Schumpeter: Um sich klar zu werden, was dies alles für die Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Produktionsmaschine bedeutet, brauchen wir nur daran zu erinnern, dass die Familie und ihr Haus die hauptsächliche Triebfeder, die typisch bürgerliche Art des Gewinnmotivs zu sein pflegten. Die Ökonomen haben dieser Tatsache nicht immer genügend Gewicht beigelegt. Wenn wir uns ihre Vorstellungen vom Selbstinteresse der Unternehmer und Kapitalisten näher betrachten, so kann es uns nicht entgehen, dass die Ergebnisse, die es hervorbringen soll, durchaus nicht dem entsprechen, was man vom rationalen Selbstinteresse des unabhängigen Individuums oder des kinderlosen Ehepaars erwarten würde, welche die Welt nicht mehr durch die Fenster eines Familienhauses betrachten.

KEB: Ihre Kollegen gehen also von irrigen Annahmen aus?

Schumpeter: Bewusst oder unbewusst haben sie das Verhalten eines Mannes analysiert, dessen Ansichten und Motive durch ein solches Haus geformt sind und der in erster Linie für seine Frau und seine Kinder arbeiten und sparen will. Sobald diese Motive aus dem moralischen Aspekt des Geschäftsmannes weichen, haben wir eine andere Art des Homo oeconomicus vor uns, der sich für anderes interessiert und anders handelt. Für ihn und vom Standpunkt seines individualistischen Utilitarismus aus wäre das Verhalten jenes alten Typus de facto völlig irrational. Er geht der einzigen Art von Romantik und Heroismus verlustig, die in dieser unromantischen und unheroischen Zivilisation des Kapitalismus noch übrig geblieben ist…

KEB: Summa summarum schlussfolgern Sie: „Die Börse ist ein armseliger Ersatz für den Heiligen Gral...“

Herr Professor, ich danke für das Gespräch.

Joseph A. Schumpeter, geboren am 8. Februar 1883 in Triesch, Mähren, gestorben am 8. Januar 1950 in Taconic, Conneticut, USA, war einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, der mit seiner an Karl Marx angelehnten Theorie der schöpferischen Zerstörung auch heutige Ökonomen noch immer maßgeblich beeinflusst – speziell im Zusammenhang mit dem Modebegriff „Disruption“.

Gespräch mit Alphons Silbermann

„Profanbauten mit Geist und Seele“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Alphons Silbermann

KEB: Herr Professor Silbermann, Sie galten zu Ihren Lebzeiten auch als „Wohnsoziologe“, forschten den Deutschen unter anderem in deren Badezimmer hinterher. Was war für Sie als Wohnsoziologe Architektur und welche Bedeutung hat Architektur in der Gegenwart?

Silbermann: Architektur ist Ausdruck einer humanen Lebensweise. Sie hat daher im Dienste und im Empfang ihrer Benutzer zu stehen. Sie ist ein Rahmen und eine Gesamtheit von Mitteln, die dazu beitragen, die Existenz des Menschen angenehmer zu gestalten. Sie hat zur Achtung des Privatlebens beizutragen, der „Privacy“, wie die Engländer sagen, und zur gleicher Zeit der Begegnung mit anderen Menschen, der Gastlichkeit sowie der Entwicklung von Gemeinwesen, die stolz darauf sind, dass es sich in ihnen gut leben lässt.

KEB: L’art pour l’art in der Wissenschaft war ja nie Ihr Ding, ganz in diesem Sinne sind auch Ihre „stolzen“ Forderungen an die Architektur zu verstehen. Welche Voraussetzungen muss Architektur Ihrer Meinung nach erfüllen, damit sie diesen Ansprüchen genügen kann?

Silbermann: Es ist notwendig, dass die Architektur auf einem humanen Maßstab verbleibt, dass sie sowohl in Fläche als auch in Höhe das Kolossale, die Gigantonomie meidet, die zurzeit so gefällig gewordenen Dinosaurier-Ausmaße. Architektur muss eine Landschaft bzw. ein Landschaftsbild ausmachen und darum die sie umgebende urbane und natürliche Landschaft respektieren. Sie hat sich, soweit möglich, an der natürlichen Gegend zu inspirieren, den Geist und den Stil der Örtlichkeit zu erwecken, um so der Mannigfaltigkeit der traditionellen Lebensweise der Region entgegenzukommen.

KEB: Entspricht heutige Architektur diesem „humanen Maßstab“? Wenn nein: Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Silbermann: Zu vermeiden sind für jede Gelegenheit passende Gebäude, die Gleichförmigkeit der industriell hergestellten Raumvolumen, sodass am Ende niemand mehr weiß, wo er sich befindet und nicht nur die Orientierung verliert, sondern überdies seine eigene Identität.

KEB: Sie haben sich ja selbst immer als militanten Humanisten bezeichnet und darin Ihre eigene Identität gefunden, verehrter Herr Professor. Was sagt ein „militanter Humanist“ zur modernen Architektur?

Silbermann: Der englische Politiker Edmund Burke, Gegner einer romantisch verhüllten Aufklärung, sagte einst, dass eine Kultur ihre Solidität ihrer Kontinuität verdanke. Auch die gegenwärtige Architektur, gebe sie sich modern oder postmodern, wie das unlogische Wort lautet, ist in eine Geschichte eingeschrieben.

KEB: Was heißt das?

Silbermann: Alle diese Gegebenheiten setzen ein Erbe fort, das nach Bewahren verlangt, womit ich nicht etwa einer rückläufigen Vergangenheitsträchtigkeit das Wort rede, sondern der Liebe des Erbgutes als eine Beschaffenheit des Menschen sowie als eine Beschaffenheit seiner Zukunft. Kurzum: Es gilt, repräsentative Profanbauten zum Träger eines Geistes und einer Seele zu machen.

KEB: Nun sind Sie ja selbst Preisträger eines „Preises für humanes Bauen“. Was verstehen Sie selbst unter „humanem Bauen“?

Silbermann: Wer wie ich als Soziologe spricht, hat sich bei der Betrachtung eines Werkes der Architektur, nenne man es ein Kunstwerk oder nicht, dem Augenblick zuzuwenden, in dem sich das Werk mit der Gesellschaft trifft, will sagen, mit demjenigen Individuum oder denjenigen Gruppen, von denen es empfangen und erlebt wird. Dieses beim Architekturerlebnis im Gegensatz zu anderen Kunst-Erlebnissen hervorstechende Element einer relativen Permanenz stellt nicht nur eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem Bauwerk dar, nachdem es errichtet worden ist, sondern bedeutet bereits eine Verpflichtung zu Zeiten der Errichtung. Damit spreche ich aus, was allzu leicht und allzu gerne übersehen wird, dass es nicht die Bauten sind, die den Menschen zu beherrschen haben, sondern dass der Mensch, der ihnen ihren Symbolwert verleiht, in dieser Verpflichtung Urheber und Anreger zu sein und zu bleiben hat.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Alphons Silbermann, geboren am 11. August 1909 in Köln am Rhein, gestorben am 4. März 2000 ebenda. Promovierter Jurist, von den Nazis aus Deutschland vertrieben, Kellner und Bar-Pianist in Paris, Fast Food-Unternehmer in Sydney. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Professor für Soziologie an der Universität Köln, verstand sich selbst als „Alltagssoziologe“, der sich mit dem Befinden und der Befindlichkeit der Menschen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen habe. Bahnbrechend unter anderem seine Studien zum „Wohnen der Deutschen“, die ihm einen Preis für humanes Bauen, verliehen von der damaligen Bauministerin Irmgard Adam-Schwaetzer 1991 in Bonn, einbrachten.
Gespräch mit Georg Simmel

Großstädtisches Leben

Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel

KEB: Herr Simmel, Ihr Aufsatz „Die Großstadt und das Geistesleben“ hat Kultur- und Soziologiegeschichte geschrieben. Wie definieren Sie die psychologische Grundlage, von der Sie in Ihren Überlegungen ausgegangen sind?

Simmel: Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, das heißt sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.

KEB: Aus diesen Einsichten wurden von Ihnen auch die Unterschiede vom großstädtischen zum kleinstädtischen Leben abgeleitet. Eine prägnante Kurzform dieser Unterschiede?

Simmel: Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens – stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewusstseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes. Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter des großstädtischen Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, das vielmehr auf das Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist.

KEB: Ihr Hauptwerk schlechthin ist die „Philosophie des Geldes“. Darin verorten Sie die Geldwirtschaft grundsätzlich in der Stadt?

Simmel: Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen, weil die Mannigfaltigkeit und Zusammendrängung des wirtschaftlichen Austausches dem Tauschmittel eine Wichtigkeit verschafft, zu der es bei der Spärlichkeit des ländlichen Tauschverkehrs nicht gekommen wäre. Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhange. Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart.

KEB: Und basierend auf der Geldwirtschaft sehen Sie in der Stadt auch eine völlig neue Form des Handels entstehen?

Simmel: Das Wesentliche auf wirtschaftspsychologischem Gebiet ist hier, dass in primitiveren Verhältnissen für den Kunden produziert wird, der die Ware bestellt, sodass Produzent und Abnehmer sich gegenseitig kennen. Die moderne Großstadt aber nährt sich fast vollständig von der Produktion für den Markt, d.h. für völlig unbekannte, nie in den Gesichtskreis des eigentlichen Produzenten tretende Abnehmer.

KEB: Sie haben ein wunderbares Zitat eines britischen Kollegen parat, das die Gründe für den Brexit auf den Punkt bringt.

Simmel: Im Verlauf der ganzen englischen Geschichte habe London niemals als das Herz von England gehandelt, oft als sein Verstand und immer als sein Geldbeutel!

KEB: Und die Komplexität städtischen Lebens und dessen Gefährdung verdeutlichen Sie an einem einfachen Beispiel in Deutschlands Hauptstadt.

Simmel: Wenn alle Uhren in Berlin plötzlich in verschiedener Richtung falschgehen würden, auch nur um den Spielraum einer Stunde, so wäre sein ganzes wirtschaftliches und sonstiges Verkehrsleben auf lange hinaus zerrüttet.

KEB: Herr Simmel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Georg Simmel, geboren 1858, gestorben 1918 war ein deutscher Philosoph und Soziologe. In seinem Hauptwerk „Die Philosophie des Geldes“ veranschaulicht er die Macht des Geldes mit dem simplen Beispiel, dass die Banken größer und mächtiger seien als die Kirchen. Sie seien die Mittelpunkte der Städte.
Gespräch mit Oswald Spengler

Weltgeschichte ist die Geschichte der Stadtmenschen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Oswald Spengler

KEB:  Nicht nur in punkto Ihrer zyklischen Geschichtstheorie haben Sie eine besondere Sicht auf die Weltgeschichte, Herr Spengler.

Oswald Spengler: Es ist eine ganz entscheidende und in ihrer vollen Bedeutung nie gewürdigte Tatsache, dass alle großen Kulturen Stadtkulturen sind. Der höhere Mensch … ist ein städtebauendes Tier. Dies ist das eigentliche Kriterium der „Weltgeschichte“, das sie von der Menschengeschichte überhaupt aufs Schärfste abhebt – Weltgeschichte ist die Geschichte des Stadtmenschen… Daraus folgt aber, und das ist wesentlicher als alles andere: alle politische, alle Wirtschaftsgeschichte kann nur begriffen werden, wenn man die vom Lande sich mehr und mehr absondernde und das Land zuletzt völlig entwertende Stadt als das Gebilde erkennt, welches den Gang und Sinn der höheren Geschichte überhaupt bestimmt.

KEB: Eine Entwicklung, die Sie freilich höchst kritisch sehen.

Oswald Spengler: Mit der Zivilisation tritt das Klimakterium ein. Die uralten Wurzeln des Daseins sind verdorrt in den Steinmauern ihrer Städte. Der freie Geist – ein verhängnisvolles Wort! – erscheint wie eine Flamme, die prachtvoll aufsteigt und jäh in der Luft verlodert… Und zuletzt beginnt die riesenhafte Weltstadt, die Stadt als Welt, neben der es keine andere geben soll, die Vernichtungsarbeit am Landschaftsbilde...

KEB: Nicht von ungefähr sprechen Sie von der „Todessymbolik“ der Stadt.

Oswald Spengler: Der Steinkoloss „Weltstadt“ steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht. Diese steinerne Masse ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner großartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig „Gewordenen“. Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten Material dieser dämonischen Steinwüste geworden.

KEB: Allerdings, und da ist Ihre geradezu prophetische Weitsicht bemerkenswert, sahen Sie schon zu Ihrer Zeit die Entwicklung der Stadt noch nicht an ihrem Ende angelangt.

Oswald Spengler: Die Weltstädte der westeuropäisch-amerikanischen Zivilisation haben noch bei weitem nicht den Gipfel ihrer Entwicklung erlangt. Ich sehe – lange nach 2000 – Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen, die sich über weite Landschaften verteilen, mit Bauten, gegen welche die größten der Gegenwart zwerghaft wirken, und Verkehrsgedanken, die uns heute als Wahnsinn erscheinen würden.

KEB: Herr Spengler, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Oswald Spengler, geboren am 29. Mai 1880 in Blankenburg im Harz, gestorben am 8. Mai 1936 in München, war ein deutscher Geschichtsphilosoph, Privatgelehrter und Schriftsteller, der in seinem Hauptwerk, „Der Untergang des Abendlandes“, eine zyklische Geschichtstheorie entwickelte als Gegensatz zur vorherrschenden linearen Geschichtsschreibung.
Gespräch mit Rudolf Steiner

Anthroposophische Architektur – Formen des organischen Lebens

Kurt E. Becker im Gespräch mit Rudolf Steiner

KEB: „Herr Steiner, Ihr gesamtheitlicher Blick auf die Welt in der Anthroposophie hat auch eine spezifisch eigene Form der Architektur hervorgebracht. Eindrucksvoll Gestalt gewonnen hat diese anthroposophische Architektur auf dem Dornacher Hügel bei Basel in der Schweiz. Dort insbesondere durch den Bau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaften. Wie ist es dazu gekommen?“

Steiner: „Ich glaubte, meine Kraft auf den Aufbau der inneren geistigen Arbeit der Anthroposophie konzentrieren zu müssen und nahm dankbar die Initiative hin, derselben eine eigene Wirkensstätte zu schaffen. In dem Augenblicke aber, in dem die Initiative ihrer Verwirklichung entgegenging, war die künstlerische Ausgestaltung für mich eine Sache der inneren geistigen Arbeit. Ich hatte mich dieser Ausgestaltung zu widmen.“

KEB: „Planen und Bauen – Ergebnis einer künstlerischen Eingebung?“

Steiner: „… aus denselben Grundlagen, aus denen die Gedanken der Anthroposophie kommen, (müssen) auch die künstlerischen Formen des Baues kommen …, wenn er eine wirkliche Umrahmung der anthroposophischen Weltanschauung sein solle. … Dass dieses nicht in der Art einer strohernen Allegorik der Bauformen oder eines vom Gedanken angekränkelten Symbolismus zu geschehen hat, liegt im Wesen der Anthroposophie, die nach meiner Überzeugung eben zur wirklichen Kunst führt.“

KEB: „Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaften trägt den Namen Johann Wolfgang von Goethes. Was hat’s damit auf sich?“

Steiner: „Ich habe im Laufe der Jahre, in denen gebaut wurde, öfters ausgesprochen, dass ich im Aufbau der anthroposophischen Weltanschauung vor vielen Jahren von der Betrachtung Goethescher Vorstellungsart ausgegangen bin, und dass für mich deren Heim ein Goetheanum ist. Daraufhin haben vorzugsweise nicht-deutsche Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft den Entschluss gefasst, fernerhin dem Bau den Namen Goetheanum zu geben.“

KEB: „Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere am Goetheanum?“

Steiner: „… am Goetheanum wurden keine abstrakten Ideen verkörperlicht. Die Ideengestaltung wurde völlig vergessen, wenn aus der künstlerischen Empfindung die Form, aus der künstlerischen Anschauung Linie aus Linie, Fläche aus Fläche hervorgeholt wurde. Wenn in Farben auf der Wand dargestellt wurde, was auch unmittelbar im Farbenbilde geschaut wurde… Weil das mit dem Wesen des anthroposophischen Lebens zusammenhängt, wird derjenige, der sich des Auges und nicht des dogmatisierenden Verstandes beim Besuche in Dornach bedient hat, keine Symbole und Allegorien, sondern wirkliche künstlerische Versuche gewahr geworden sein.“

KEB: „Am Goetheanumsbau wurde aus dem Anthroposophen Rudolf Steiner auch ein anthroposophischer Architekt…?“

Steiner: „Als daran gegangen wurde, diesen Bau auszuführen, konnte es nicht sein, dass man sich an einen Künstler wandte, der im antiken, oder Renaissance- oder gotischen Stile der Anthroposophie hätte eine Heimstätte schaffen sollen. Wäre eben Anthroposophie bloße Wissenschaft, bloßer Ideeninhalt, dann hätte es so sein können. - Aber Anthroposophie ist Leben, ist Ergreifen des Allmenschlichen und der Welt im und durch den Menschen. … Die Initiative der Freunde dieser Weltanschauung für den Bau des Goetheanums konnte in Wahrheit nur ausgeführt werden, wenn dieser Bau bis in die Einzelheiten seiner Gestaltung aus demselben lebendigen Geiste heraus entstand, aus dem die Anthroposophie selbst quillt. Ich habe öfter ein Bild gebraucht: Man betrachte eine Nuss und die Nussschale. Die Schale ist gewiss kein Symbol der Nuss. Aber sie ist aus denselben Gesetzmäßigkeiten heraus geformt wie die Nuss. So kann der Bau nur sein die Hülle, die in ihren Formen und Bildern künstlerisch den Geist verkündigt, der im Worte lebt, wenn Anthroposophie durch Ideen spricht.“

KEB: „Am Goetheanum wurde ja so etwas wie ein „Baustil“ verwirklicht?“

Steiner: „… rein künstlerisch ist für das Goetheanum entstanden, was man einen Baustil nennen kann, der von der Symmetrie, Wiederholung und so weiter zu dem übergehen musste, was in den Formen des organischen Lebens atmet.“

Rudolf Steiner, geboren am 27. Februar 1861 in Kraljevec, gestorben am 30. März 1925 in Dornach, Goethe-Forscher und Philosoph, Herausgeber der Naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes, Begründer der Anthroposophie

Gespräch mit Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Gesellschaft

Kurt E. Becker im Gespräch mit Ferdinand Tönnies

KEB: Immobilien und deren Akkumulationen genießen einen hohen Rang in ihrem soziologischen Theorie-Gebäude, lieber Herr Professor Tönnies. Haus, Dorf, Stadt kategorisieren Sie als Gemeinschaften, Großstadt und Weltstadt dagegen als Kategorien der Gesellschaft. Lassen Sie uns Ihren Begrifflichkeiten und damit den Dingen auf den Grund gehen. Durchaus im Sinne aristotelischer Philosophie hat das Haus eine spezifisch eigene Bedeutung in Ihrer Soziologie.

Tönnies: Die Verfassung des Hauses ist hier zuvörderst wichtig als Haushaltung, d. i. in ihrem ökonomischen Aspekt, als zusammen arbeitende und zusammen genießende Gemeinschaft. Der sich gleich Atemzügen immer wiederholende menschliche Genuss ist die Ernährung, daher Schaffung und Bereitung von Speise und Trank die notwendige und regelmäßige Arbeit. … Und wie Wald, Feld und Acker die natürliche äußere Sphäre, so ist der Herd und sein lebendiges Feuer gleichsam der Kern und die Wesenheit des Hauses selbst, die Stätte, um welche sich Mann und Weib, Jung und Alt, Herr und Knecht, zur Teilnahme am Mahle versammeln. So wird Herdfeuer und Tafel symbolisch bedeutend; jenes als die im Wechsel der Generationen dauernde Lebenskraft des Hauses; diese als die gegenwärtigen Mitglieder zur Erhaltung und Erneuerung von Leib und Seele vereinend. Die Tafel ist das Haus selber, insofern, als jeder darin seinen Platz hat und sein gebührend Teil zugewiesen erhält.

KEB: Inwiefern passen Tausch und Handel in diese Art von Ökonomie?

Tönnies: Hingegen widerspricht der eigentliche Tausch dem Wesen des Hauses; es sei denn insofern er unterhalb der Verteilung stattfindet und als die Individuen an dem ihnen Zugewiesenen ein unabhängiges Eigentum haben mögen, wie an den Dingen, die ein jeder außerhalb der gemeinschaftlichen Tätigkeit für sich allein mag geschaffen haben. Das Haus selber als Ganzes, und durch die Hand seines Herrn oder Verwalters, kann Überschüsse seiner Produkte durch Tausch in nützlicher scheinende Form verwandeln. Und solcher Tausch kann als regelmäßiger, und indem er innerhalb einer Gemeinschaft von Häusern, die selber wie ein umfassendes Haus sich darstellt, stattfindet (wie im Dorfe, in der Stadt, und zwischen Stadt und Land in einer Landschaft oder in einem städtischen Gebiete) in Ruhe und Frieden sich vollziehend, Normen gemäß, die durch Verständnis als gerecht sich offenbaren, selber nur als ein Ausdruck gesetzmäßiger Verteilung und gleichsam des Mitgenusses an der gedeckten Tafel, begriffen werden.

KEB: Eine Abgrenzung von Dorf, Stadt und Großstadt, bitte.

Tönnies: Die Stadt ist die höchste, nämlich komplizierteste Gestaltung menschlichen Zusammenlebens überhaupt. Ihr ist mit dem Dorfe die lokale Struktur gemein, im Gegensatz zur familiaren des Hauses. Aber beide behalten viele Merkmale der Familie, das Dorf mehrere, die Stadt mindere. Erst wenn die Stadt sich zur Großstadt entwickelt, verliert sie diese fast gänzlich, die vereinzelten Personen oder doch Familien stehen einander gegenüber und haben ihren gemeinsamen Ort nur als zufällige und gewählte Wohnstätte. Aber wie die Stadt innerhalb der Großstadt, was diese durch ihren Namen kundtut — so dauern überhaupt die gemeinschaftlichen Lebensweisen, als die alleinigen realen, innerhalb der gesellschaftlichen, wenn auch verkümmernd, ja absterbend fort.

KEB: Die Besonderheit der Großstadt?

Tönnies: In der Großstadt aber, und mithin im gesellschaftlichen Zustande überhaupt, sind nur die Oberen, Reichen, Gebildeten eigentlich wirksam und lebendig, das Maß gebend, wonach die unteren Schichten, teils mit dem Willen jene zu verdrängen, teils ihnen ähnlich zu werden, sich richten müssen, um selber gesellschaftliche und willkürliche Macht zu gewinnen. Die Großstadt besteht … aus lauter freien Personen, die im Verkehre einander fortwährend berühren, miteinander tauschen und zusammenwirken, ohne dass Gemeinschaft und gemeinschaftlicher Wille zwischen ihnen entstünde: anders als sporadisch oder als Überbleibsel der früheren und noch zugrunde liegenden Zustände.

KEB: Ein Wort zur „Weltstadt“.

Tönnies: In ihr ist Geld und Kapital unendlich und allmächtig, sie vermöchte für den ganzen Erdkreis Waren und Wissenschaft herzustellen, für alle Nationen gültige Gesetze und öffentliche Meinungen zu machen. Sie stellt den Weltmarkt und Weltverkehr dar; Weltindustrien konzentrieren sich in ihr, ihre Zeitungen sind Weltblätter, und Menschen aller Stätten des Erdballes versammeln sich geldgierig und genuss-süchtig, aber auch lern- und neugierig in ihr.

KEB: Lassen Sie uns last not least die sozialen und familialen Auswirkungen der Urbanisierungsprozesse thematisieren.

Tönnies: In der Großstadt …, in der Hauptstadt und zumal in der Weltstadt, gerät das Familienwesen in Verfall. Je mehr und also je länger sie ihre Wirkungen ausüben kann, desto mehr müssen die Reste desselben als zufällige erscheinen. Denn Wenige gehen hier mit der Kraft ihres Willens in einem so engen Kreise auf. Alle werden durch Geschäfte, Interessen, Vergnügungen nach außen und auseinander gezogen.

KEB: Herr Professor, ein herzliches Dankeschön für dieses Gespräch.

Ferdinand Tönnies, geboren am 26. Juli 1855 bei Oldenswort, gestorben am 9. April 1936 in Kiel, war ein deutscher Soziologe, Nationalökonom und Philosoph. Tönnies wurde bereits mit 22 Jahren promoviert, mit 25 habilitiert und war als Hochschullehrer zeitlebens der Christian-Albrechts-Universität in Kiel verbunden. Mit seinem 1887 erstmals publizierten Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ wurde er zum Begründer der Soziologie in Deutschland.
Gespräch mit Max Weber

Die Bändigung der Gewinnsucht

Kurt E. Becker im Gespräch mit Max Weber

KEB: Herr Professor Weber, seit Monaten bestimmen weltweit Themen wie Finanzkrise und Manager-Gier die wirtschaftlichen Diskussionen der Industrienationen. Sind das neue Phänomene oder gab’s die auch schon zu Ihrer Zeit?

Weber: Wenn Henry Villard zum Zweck eines auf der Börse durchgeführten Handstreichs den berühmten Blind Pool arrangierte, so sind diese und ähnliche Erscheinungen eines grandiosen Beutekapitalismus ihrem „Geist“ nach grundverschieden von der rationalen Leitung eines regulären großkapitalistischen Betriebs, gleichartig dagegen den ganz großen Finanz- und Kolonialausbeutungsunternehmungen und dem mit Seeraub und Sklavenjagd vermengten „Gelegenheits“-Handel, wie es sie seit den ältesten Zeiten gegeben hat.

KEB: Sie haben den Kapitalismus unter anderem als „herrenlose Sklaverei“ bezeichnet. Was ist denn das Charakteristikum dieser „Sklaverei“ aus Ihrem Blickwinkel?

Weber: Im Gegensatz zu allen anderen Herrschaftsformen ist die ökonomische Kapitalherrschaft ihres „unpersönlichen“ Charakters halber ethisch nicht reglementierbar. Sie tritt schon äußerlich meist in einer Art „indirekten“ Form auf, dass man den eigentlichen „Herrscher“ gar nicht greifen kann.

KEB: Gibt es Beispiele in der Geschichte, die auch eine spezifische Form persönlicher Wirtschaftsethik möglich machen oder möglich gemacht haben?

Weber: In China kann es geschehen, dass ein Mann, der einem anderen ein Haus verkauft hat, nach einiger Zeit zu ihm kommt und ihn um Aufnahme bittet, weil er inzwischen verarmt ist. Lässt der Käufer das altchinesische Gebot der Bruderhilfe außer acht, so geraten die Geister in Unruhe; deshalb geschieht es, dass der verarmte Verkäufer als Zwangsmieter ohne Miete wieder in das Haus einzieht.

KEB: Das China heute, verehrter Herr Professor, sieht anders aus. Deutlich kapitalistischer. Überhaupt: Lässt sich denn auf dieses Gebot der Bruderhilfe so etwas wie Kapitalismus aufbauen?

Weber: Mit einem so gearteten Recht kann der Kapitalismus nicht wirtschaften; was er braucht, ist ein Recht, das sich ähnlich berechnen lässt wie eine Maschine; rituell- religiöse und magische Gesichtspunkte dürfen keine Rolle spielen. Die Schaffung eines solchen Rechtes wurde dadurch erreicht, dass der moderne Staat sich mit den Juristen verbündete, um seine Machtansprüche durchzusetzen.

KEB: Sie haben „Geld“ einmal als das „vollkommenste wirtschaftliche Rechnungsmittel“ bezeichnet, das formal rationalste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handels. Wird dadurch nicht irrationales Handeln, wie von den Ökonomen gewünscht, aus dem Kanon des Wirtschaftens verbannt?

Weber: Die Voraussetzung des Kampfes des Menschen mit dem Menschen auf dem Markt setzt auch die Beeinflussung des Resultates durch die Überbietungsmöglichkeiten mit Geldeinkommen versorgter Konsumenten und die Unterbietungsmöglichkeit für die Güterbeschaffung ausgestatteter Produzenten absolut voraus.

KEB: In modernen Begriffen beschreiben Sie damit den sogenannten freien Markt. Gab es diesen Begriff auch zu Ihrer Zeit bereits?

Weber: Eindeutig der kapitalistischen Entwicklung günstig ist die Deckung möglichst alles Bedarfs auch der Verwaltung durch Vergebung auf dem freien Markt. Mit Einschluss zum Beispiel auch der Vergebung der Heeresanwerbung und Ausbildung an private Unternehmer.

KEB: Das hohe Lied also auf den freien Markt?

Weber: Die Geldwirtschaft ergibt einerseits die objektive Berechenbarkeit der individuellen Erwerbsleistung der Einzelnen und ihres Verbrauchs und eröffnet ihnen auf der anderen Seite überhaupt erst die Möglichkeit, individuelle Bedürfnisse frei zu befriedigen.

KEB: Das klingt sehr nach heiler Welt des freien Marktes. Wie geht diese freie Welt unter anderem auch des Beutekapitalismus, von der Sie gesprochen haben, mit der protestantischen Ethik einher, die Sie ja als Initial des modernen Kapitalismus bezeichnet haben?

Weber: Kein Puritaner hätte je durch Pfandwucher, durch Ausnutzung des Irrtums des Gegenparts, durch Feilschen und Schachern, durch Beteiligung an politischen oder kolonialen Raubverdiensten erworbenes Geld für gottwohlgefälligen Gewinn halten können. Der feste Preis, die absolut sachliche, jeden Durst nach Geld verschmähende, bedingungslos legale Geschäftsgebahrung jedermann gegenüber bewährten sie vor ihrem Gott. Gerade die rationale ethische Bändigung der „Gewinnsucht“ ist das dem Puritanismus Spezifische.

KEB: An dieser protestantischen Ethik können sich heutige Unternehmer und Banker ein Beispiel nehmen. Abschließend ein Blick in die Glaskugel, Herr Weber. Was haben wir zu erwarten?

Weber: Das universelle Wiederaufleben des „imperialistischen“ Kapitalismus, welcher von je her die normale Form der Wirkung kapitalistischer Interessen auf die Politik war, und mit ihr des politischen Expansionsdrangs, ist kein Zufallsprodukt und für absehbare Zeit muss die Prognose zu seinen Gunsten lauten.

KEB: Danke für dieses Gespräch.

Max Weber, geboren 1864, gestorben 1920, einer der bedeutendsten Nationalökonomen und Soziologen des 20. Jahrhunderts, hatte die Kapitalismus-Theorie mit seiner These von der Beeinflussung des Kapitalismus durch die protestantischen Ethik maßgeblich beeinflusst.