Fiktive Gespräche

Der behauste Mensch

Virtuelle Gespräche mit Persönlichkeiten der Geistesgeschichte

Fraglos: der „behauste Mensch“ ist ein Sinnbild unserer Kultur und Zivilisation im Spannungsfeld von Idealem und Realen. Mit Persönlichkeiten der Geistesgeschichte führe ich deswegen für Sie fiktive Gespräche zu Themen im Umfeld von Architektur, Stadtplanung und Immobilienwirtschaft. Quellen sind jeweils bedeutende Texte meiner virtuellen „Gesprächspartner“.

Gespräch mit Theodor W. Adorno

Die autoritäre Wirkung großer Kunstwerke

Kurt E. Becker im Gespräch mit Theodor W. Adorno

KEB: Herr Professor, Ihren Begriff städtischer Schönheit verwirklicht finden Sie zum Beispiel in zwei italienischen Städten?

Adorno: Perugia, Assisi zeigen das höchste Maß an Form und Stimmigkeit der Gestalt, ohne dass es wohl gewollt oder angeschaut wäre, obwohl man den Anteil von Planung auch an dem nicht unterschätzen darf, was als zweite Natur organisch dünkt. Es ist begünstigt von der sanften Wölbung des Berges, der rötlichen Tönung der Steine, einem Außerästhetischen, das, als Material menschlicher Arbeit, von sich eine der Determinanten der Gestalt ist. Als Subjekt wirkt dabei die geschichtliche Kontinuität, wahrhaft ein objektiver Geist, der von jener Determinante sich leiten lässt, ohne dass es dem individuellen Baumeister im Sinn liegen müsste. … Was aber die Schönheit solcher Städte vermeintlich bloß von außen bewirkt, ist ihr Inwendiges. Immanente Historizität wird Erscheinung und mit ihr entfaltet sich die ästhetische Wahrheit.

KEB: Auch für das Phänomen „Stillosigkeit“ erschließen sich Ihnen praktische Beispiele…

Adorno: Die viktorianischen Wohnhausserien … sind Parodien der Villa bis in die Slums hinein. Die Verwüstungen aber, die man dem stillosen Zeitalter zuschreibt und ästhetisch kritisiert, sind gar nicht Ausdruck eines kitschigen Geistes der Zeit, sondern Produkte eines Außerkünstlerischen, der falschen Rationalität vom Profit gesteuerter Industrie. Indem das Kapital für seine Zwecke mobilisiert, was ihm die irrationalen Momente der Kunst dünken, zerstört es diese. Ästhetische Rationalität und Irrationalität werden gleichermaßen vom Fluch der Gesellschaft verstümmelt.

KEB: Größe in der Kunst erscheint Ihnen fragwürdig…

Adorno: Die autoritäre Wirkung großer Kunstwerke, zumal solcher der Architektur, legitimiert sie und verklagt sie. Integrale Form verschlingt sich mit Herrschaft, obwohl sie diese sublimiert ... Größe ist die Schuld der Werke, ohne solche Schuld langen sie nicht zu.

KEB: Hinter das Thema „zivilisatorischer Fortschritt“ setzen Sie ein Fragezeichen?

Adorno: Leicht jedoch täuscht der zivilisatorische Fortschritt die Menschen darüber, wie ungeschützt sie stets noch sind. Das Glück an der Natur war verflochten mit der Konzeption des Subjekts als eines Fürsichseienden und virtuell in sich Unendlichen; so projiziert es sich auf die Natur und fühlt als Abgespaltenes ihr sich nahe; seine Ohnmacht in der zur zweiten Natur versteinerten Gesellschaft wird zum Motor der Flucht in die vermeintlich erste.

KEB: Im Blick auf das Phänomen „Urbanisierung“ haben Sie in diesem Zusammenhang ebenfalls ein sehr klares Urteil.

Adorno: … der vorwaltende Urbanismus saugt als ideologisches Komplement auf, was dem städtischen Wesen willfahrt und doch die Stigmata der Marktgesellschaft nicht auf der Stirn trägt. Ist aber deswegen der Freude an jedem alten Mäuerchen, an jeder mittelalterlichen Häuserfamilie schlechtes Gewissen beigemischt, so überdauert sie gleichwohl die Einsicht, die sie verdächtig macht. Solange der utilitaristisch verkrüppelte Fortschritt der Oberfläche der Erde Gewalt antut, lässt die Wahrnehmung trotz aller Beweise des Gegenteils nicht vollends sich ausreden, was diesseits des Trends liege und vor ihm, sei in seiner Zurückgebliebenheit humaner und besser. Rationalisierung ist noch nicht rational, die Universalität der Vermittlung nicht umgeschlagen in lebendiges Leben; das verleiht den Spuren alter, wie immer auch fragwürdiger und überholter Unmittelbarkeit ein Moment korrektiven Rechtes.

KEB: Last not least: Ihr Begriff von Schönheit in der Architektur?

Adorno: Große Architektur empfängt ihre überfunktionale Sprache, wo sie, rein aus ihren Zwecken heraus, diese als ihren Gehalt mimetisch gleichsam bekundet. Schön ist die Scharounsche Philharmonie, weil sie, um räumlich ideale Bedingungen für Orchestermusik herzustellen, ihr ähnlich wird, ohne Anleihen bei ihr zu machen. Indem ihr Zweck in ihr sich ausdrückt, transzendiert sie die bloße Zweckmäßigkeit, ohne dass im Übrigen ein solcher Übergang den Zweckformen garantiert wäre.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Theodor W. Adorno, geboren am 11. September 1903 in Frankfurt am Main, gestorben am 6. August 1969 in Visp, Schweiz, war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musikphilosoph und Komponist und einer der Hauptvertreter der „Frankfurter Schule“.
Gespräch mit Hannah Arendt

Der Fortschrittsglaube bedroht die Menschheit

Kurt E. Becker im Gespräch mit Hannah Arendt

KEB: Sie zitieren George Wald, Frau Professor Arendt, seines Zeichens Nobelpreisträger für Physik, mit dem Satz: „Womit wir konfrontiert sind, ist eine Generation, die in keiner Weise sicher ist, dass sie eine Zukunft hat.“ Das Zitat klingt bedrückend aktuell und bringt Ihre eigene Skepsis hinsichtlich des Fortschrittsglaubens auf den Punkt. Lassen Sie uns deswegen Bauen und Wohnen, den Typus des behausten Menschen, das Generalthema in dieser Gesprächs-Reihe also, aus einer übergreifenden Perspektive in den Blick nehmen. Sie befürchten, „dass gerade der Fortschritt in mancherlei Hinsicht das Leben auf der Erde katastrophal bedroht.“

Hannah Arendt: Die Vorstellung, dass der wirtschaftliche Stand eines Landes an der Wachstumsrate der Produktion und des Nationaleinkommens abzulesen ist, ist das A und O aller Wirtschaftstheorien; sie beruht auf einem blinden Glauben an Fortschritt, den alle teilen… Kurz, der anscheinend unwiderstehliche technische Fortschritt, der im Verlaufe der industriellen Revolution nur bestimmte Volksschichten mit Erwerbslosigkeit bedrohte und die Maschinenstürmerei auslöste, bedroht heute die Existenz ganzer Volksgruppen und potentiell die der Menschheit, ja des organischen Lebens überhaupt.

KEB: Hinsichtlich fortschreitender naturwissenschaftlicher Forschung bedeutet dies konkret was?

Hannah Arendt: Nicht nur fällt der Fortschritt der Naturwissenschaften nicht mehr mit dem Fortschritt der Menschheit (was immer man darunter verstehen mag) zusammen, er könnte das Ende der Natur und der Menschengattung bedeuten, so wie der weitere Fortschritt in den Geisteswissenschaften schließlich mit der Zerstörung des geistigen Gutes enden könnte, um dessentwillen die Forschung sich erst auf den Weg gemacht hatte. Kurz, Fortschritt kann auf keinem wissenschaftlichen Feld mehr als Maßstab und Kriterium dienen, mit denen man die von uns entfesselten, reißenden Veränderungsprozesse messen oder beurteilen könnte…

KEB: Ihre Schlussfolgerungen?

Hannah Arendt: Wenn Macht im Unterschied zum bloßen Können meint: wir-wollen-und-wir-können, dann liegt in der heutigen sich ständig noch steigernden Macht der Menschen auf der Erde ein seltsames Element der Ohnmacht; denn der Fortschritt der Wissenschaft ist von dem, was wir tun wollen fast unabhängig geworden; seine Rasanz ist, wie die Wissenschaftler uns immer wieder erklären, nicht mehr zu stoppen, so wenig wie die scheinbar unaufhaltsame Entwicklung der Technik. Der Fortschritt folgt seinen eigenen unerbittlichen Gesetzen und zwingt uns, ohne Rücksicht auf die Folgen zu tun, was immer wir tun können.

KEB: Als Politikwissenschaftlerin sehen Sie dieses Horror-Szenario begleitet von der „furchtbarsten Herrschaftsform“, die Sie sich vorstellen können: die Bürokratie nämlich...

Hannah Arendt: … oder die Herrschaft, welche durch ein kompliziertes System von Ämtern ausgeübt wird, mit der man keinen Menschen mehr, weder den Einen noch die Wenigen, weder die Besten noch die Vielen verantwortlich machen kann, und die man deshalb am besten als Niemandsherrschaft bezeichnet… Denn in einer vollentwickelten Bürokratie gibt es, wenn man Verantwortung verlangt oder auch Reformen, nur den Niemand. Und mit dem Niemand kann man nicht rechten, ihn kann man nicht beeinflussen oder überzeugen, auf ihn keinen Druck der Macht ausüben. Die Bürokratie ist diejenige Staatsform, in welcher es niemanden mehr gibt, der Macht ausübt; und wo alle gleichermaßen ohnmächtig sind, haben wir eine Tyrannis ohne Tyrannen.

KEB: Danke für dieses Gespräch.

Hannah Arendt: Geboren am 14. Oktober 1906 als Johanna Arendt in Hannover, gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City, war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Philosophin. Sie war eine überzeugte Anhängerin vom Räte-System sowie von Formen direkter Demokratie. Ihre besondere Verachtung galt deutschen Intellektuellen, die ab 1933 Adolf Hitler folgten.
Gespräch mit Aristoteles

Ökonomie ist - Hauswirtschaft

Kurt E. Becker im Gespräch mit Aristoteles

KEB: Die „Ökonomie“, in Ihrer Terminologie die Hauswirtschaft (von oikos: das Haus und nomos: die Lehre bzw. das Gesetz), hat in Ihrem Denken eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Sie gelten sogar als einer der Begründer des modernen ökonomischen Denkens. Was ist denn das Besondere an der Hauswirtschaft?

Aristoteles: Die für das tägliche Zusammenleben bestehende natürliche Gemeinschaft ist das Haus. Die erste Gemeinschaft, die aus mehreren Häusern und nicht nur um des augenblicklichen Bedürfnisses willen besteht, ist das Dorf. Endlich ist die aus mehreren Dörfern bestehende vollkommene Gemeinschaft die Stadt. Sie hat gewissermaßen die Grenze der vollendeten Autarkie erreicht, zunächst um des bloßen Lebens willen entstanden, dann aber um des guten Lebens willen bestehend.

KEB: Hauswirtschaft wäre heute etwa gleichbedeutend mit Immobilien-Management. Können Sie noch ein bisschen präzisieren, was Sie konkret unter Hauswirtschaft verstehen?

Aristoteles: Die Hausverwaltungskunst muss vorhanden sein oder beschafft werden, damit von den Gütern, die in der Gemeinschaft der Stadt oder des Hauses für das Leben notwendig und nützlich sind, diejenigen zur Verfügung stehen, die aufgespeichert werden können.

KEB: Sie unterscheiden sehr nachdrücklich zwischen der Erwerbskunst eines Hausverwalters und eines Kaufmanns…

Aristoteles: Die rechte Erwerbskunst ist die Hausverwaltungskunst. Die Kaufmannskunst dagegen produziert zwar Vermögen, aber nicht schlechthin, sondern nur durch den Umsatz von Gegenständen; und nur sie scheint sich um das Geld zu drehen. Denn das Geld ist das Element und die Grenze des Umsatzes. Alle, die sich mit Erwerb befassen, vermehren ihr Geld ins Unbegrenzte.

KEB: Eine noch schlechtere Meinung als über die Kaufleute hatten Sie nur über die – wie wir heute sagen würden – Banker…

Aristoteles: Es gibt eine doppelte Erwerbskunst, die des Kaufmanns und die des Hausverwalters, und da diese notwendig und lobenswert ist, die Tauschkunst dagegen mit Recht getadelt wird, so ist erst recht der Wucher hassenswert, der aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber durch sich selbst. Daher hat es auch seinen Namen: Das Geborene ist gleicher Art wie das Gebärende, und durch den Zins entsteht Geld aus Geld. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur.

KEB: Nun ist Geld auch in Ihrer Philosophie durchaus ein sinnvolles Mittel zum Zweck.

Aristoteles: Als eine Art austauschbarer Stellvertreter des Bedarfs ist das Geld geschaffen worden, aufgrund gegenseitiger Übereinkunft. Es trägt den Namen „Geld“ (nomisma), weil es sein Dasein nicht der Natur verdankt, sondern weil man es als „geltend“ gesetzt (nomos) hat und es bei uns steht, ob wir es ändern oder außer Kurs setzen wollen. Das Geld wird im gewissen Sinn zu einer Mittelinstanz, denn alles lässt sich an ihm messen, auch das Zuviel also und das Zuwenig, wie viel Schuhe denn etwa einen Haus oder Nahrungsmitteln gleichwertig sind.

KEB: Übertragen wir das alles bitte mal auf das Bau- und Immobiliengeschäft.

Aristoteles: Nehmen wir einen Baumeister A, einen Schuhmacher B, ein Haus C und Schuhzeug D. So muss der Baumeister vom Schuhmacher dessen Erzeugnis bekommen und er dem Schuhmacher zum Ausgleich das seinige geben. Wenn nun proportionale Gleichheit der Erzeugnisse gegeben ist und dann der Ausgleich stattfindet, so kommt das genannte Ergebnis heraus. Ist dies nicht der Fall, so ist der Handel nicht gleich und hat keinen Bestand, denn es steht nichts im Wege, dass das Erzeugnis des einen hochwertiger als das des anderen.

KEB: Woran machen Sie denn die Wertigkeit fest? Und was sind die Voraussetzungen dafür, dass überhaupt Qualität im Immobiliengeschäft und am Bau zustande kommen kann?

Aristoteles: Was man erst lernen muss, bevor man es ausführen kann, das lernt man, indem man es aufführt. Baumeister wird man, indem man baut. Werkgerechtes Bauen wird gute, das Gegenteil schlechte Baumeister hervorbringen. Gleichwohl aber wird man zu erwarten haben, dass jemand, der in Praxis oder Theorie ein Fachmann werden will, die Richtung auf das Allgemeine einschlägt und es so vollkommen wie möglich erkennt, denn die Wissenschaft hat als Gegenstand das Allgemeine.

KEB: Was halten Sie von Bauwerken im Allgemeinen?

Aristoteles: Wer Gutes geschaffen hat, dem bleibt das Werk bestehen. Denn das Schöne und Edle hat lange Dauer.

KEB: Unsere Bewunderung für Ihre Architektur auch in der Moderne, lieber Herr Aristoteles, gibt Ihrer Prognose Recht. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Aristoteles, geboren 384 vor Christus in Stagira auf der Halbinsel Chalkidike, gestorben 322 vor Christus in Chalkis auf der Insel Euboea, einer der einflussreichsten Denker der okzidentalen Geistesgeschichte, Schüler Platos und Lehrer Alexander des Großen.
Gespräch mit Walter Benjamin

Weimar

Kurt E. Becker im Gespräch mit Walter Benjamin

KEB: Herr Benjamin, in Ihrem berühmten, unvollendet gebliebenen Passagen-Werk schildern Sie Ihre Eindrücke, die Sie als Flaneur in Paris gesammelt haben, komprimierend in Ihren Gedanken über Mode, Prostitution, Reklame und Konsum, damit die Lebenswelt der Metropole Paris illustrierend. Von der Metropole nun in die Kleinstadt. Was hat Sie an Weimar fasziniert?

Benjamin: In deutschen Kleinstädten kann man sich die Zimmer ohne Fensterbretter gar nicht vorstellen. Selten aber habe ich so breite gesehen wie am Weimarer Marktplatz, im „Elefanten“, wo sie das Zimmer zur Loge machten, aus der mir der Ausblick auf ein Ballett wurde, wie es selbst Ludwig dem Zweiten die Bühnen von Neuschwanstein und Herrenchiemsee nicht bieten konnten. Denn es war ein Ballett in der Frühe. Gegen halb sieben begann man zu stimmen: balkene Bässe, schattende Violinschirme, Blumenflöten und Fruchtpauken. Die Bühne noch fast leer; Marktweiber, keine Käufer. … Gegen neun Uhr…, war's eine Orgie: Märkte sind die Orgien der Morgenstunden…

KEB: Weimar – die Stadt Goethes und Schillers mit dem berühmten Goethe-Schiller-Archiv. Was war Ihr Eindruck?

Benjamin: Im Goethe-Schiller-Archiv sind Treppenhaus, Säle, Schaukästen, Bibliotheken weiß. Das Auge trifft nicht einen Zoll, wo es ausruhen könnte. Wie Kranke in Hospitälern liegen die Handschriften hingebettet. Aber je länger man diesem barschen Lichte sich aussetzt, desto mehr glaubt man, eine ihrer selbst unbewusste Vernunft auf dem Grunde dieser Anstalten zu erkennen. Wenn langes Krankenlager die Mienen geräumig und still macht und sie zum Spiegel von Regungen werden lässt, die ein gesunder Körper in Entschlüssen, in tausend Arten auszugreifen, zu befehlen zum Ausdruck bringt, kurz, wenn ein Krankenlager den ganzen Menschen in Mimik zurückverwandelt, so liegen diese Blätter nicht umsonst wie Leidende auf ihren Repositorien.

KEB: Und nun noch ein Wort zu Goethes Arbeitszimmer, bitte.

Benjamin: Man weiß, wie primitiv das Arbeitszimmer Goethes gewesen ist. Es ist niedrig, es hat keinen Teppich, keine Doppelfenster. Die Möbel sind unansehnlich. Leicht hätte er es anders haben können. Lederne Sessel und Polster gab es auch damals. Dies Zimmer ist in nichts seiner Zeit voraus. Ein Wille hat Figur und Formen in Schranken gehalten; keine sollte des Kerzenlichtes sich schämen müssen, bei dem der alte Mann abends im Schlafrock, die Arme auf ein missfarbenes Kissen gebreitet, am mittleren Tisch saß und studierte. … Hier hat der Greis mit der Sorge, der Schuld, der Not die ungeheuren Nächte gefeiert, ehe das höllische Frührot des bürgerlichen Komforts zum Fenster hineinschien. …Dies Arbeitszimmer war die cella des kleinen Baus, den Goethe zwei Dingen ganz ausschließlich bestimmt hatte: dem Schlaf und der Arbeit. Man kann gar nicht ermessen, was die Nachbarschaft der winzigen Schlafkammer und dieses einem Schlafgemache gleich abgeschiedenen Arbeitszimmers bedeutet hat. Nur die Schwelle trennte, gleich einer Stufe, bei der Arbeit ihn von dem thronenden Bett. Und schlief er, so wartete daneben sein Werk, um ihn allnächtlich von den Toten loszubitten. Wem ein glücklicher Zufall erlaubt, in diesem Raume sich zu sammeln, erfährt in der Anordnung der vier Stuben, in denen Goethe schlief, las, diktierte und schrieb, die Kräfte, die eine Welt ihm Antwort geben hießen, wenn er das Innerste anschlug. Wir aber müssen eine Welt zum Tönen bringen, um den schwachen Oberton eines Innern erklingen zu lassen.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Walter Benjamin, geboren am 15. Juli 1892 in Charlottenburg, auf der Flucht vor den Nazis gestorben am 26. September 1940 im spanischen Portbou, war ein deutscher Philosoph und Kulturkritiker, eng verbunden mit dem Wirkungskreis der Frankfurter Schule und dennoch höchst eigenständig und unkonventionell in seinem Denken.
Gespräch mit Jacob Burckhardt

Die schönste Baukunst auf Erden

Kurt E. Becker im Gespräch mit Jacob Burckhardt

KEB: Herr Professor Burckhardt, lassen Sie uns über den großen Michelangelo Buonarroti als Architekten sprechen, bitte.

Burckhardt: Michelangelo hat sich nicht zur Architektur gedrängt. Seine dämonisch gewaltige Formenbehandlung in der Skulptur und Malerei brachte die Bauherren darauf, von ihm auch Rat, Entwurf und Leitung für die Gebäude zu verlangen. Der erste Auftrag (1514 durch Leo X.) war eine Fassade für S. Lorenzo in Florenz; sein Plan wurde allen andern, auch demjenigen Raffaels vorgezogen. Man bewahrt eine Skizze desselben noch im Palazzo Buonarroti, den er selbst viele Jahre bewohnte und den sein Neffe, der als Dichter bekannte Michelangelo Buonarroti der jüngere zu einem Museum für das Andenken des Oheims eingerichtet hat.

KEB: Ab wann, mit welchem Bauwerk begann Michelangelos Wirkungsgeschichte als Architekt?

Burckhardt: Ganz frei gestaltend treffen wir ihn erst in der berühmten Grabkapelle der Mediceer (sog. Sagrestia nuova) am rechten Querschiff derselben Kirche. Keinem Künstler ist je freiere Hand gelassen worden; man kann kaum entscheiden, ob er die Kapelle für seine Denkmäler baute oder die Denkmäler für die Kapelle meißelte (um 1529). Als Ganzes ist sie ein leichtes, herrliches Gebäude, welches das Prinzip brunelleschischer Sakristeien auf das geistvollste erweitert und erhöht darstellt. Es ist nicht bloß die reinere und vollständigere Handhabung einer untern und einer obern Pilasterordnung, was hier den ganzen Fortschritt des 16. Jahrhunderts im Verhältnis zum fünfzehnten klar macht, sondern vor allem ein höheres Gefühl der Verhältnisse. Man übersieht daneben einzelne schon überaus bedenkliche Füllformen, z. B. die Nischen über den Türen u. dgl.; man rechtfertigt die Schrägpfosten der obern Fenster vielleicht sogar durch altetruskische Vorbilder und die Ausfüllung der beiden Grabnischen mit einer spielenden Architektur durch den Vorteil, dass die Figuren um so viel größer scheinen.

KEB: Worin besteht denn das Besondere seiner Architektur?

Burckhardt: Seine wahre Größe liegt hier wie überall in den Verhältnissen, die er nirgends, auch nicht von den antiken Bauten kopiert, sondern aus eigener Machtfülle erschafft, wie sie der Gegenstand gestattet. Sein erster Gedanke ist nie die Einzelbildung, auch nicht der konstruktive Organismus, sondern das große Gegeneinanderwirken von Licht- und Schattenmassen, von einwärts- und auswärtstretenden Partien, von obern und untern, mittlern und flankierenden Flächen. Er ist vorzugsweise der im großen rechnende Komponist. Vom Detail verlangt er nichts als eine scharfe, wirksame Bildung. Die Folge war, dass dasselbe unter seinen Händen ganz furchtbar verwilderte und später allen Bravourarchitekten für die größten Missformen zur Entschuldigung dienen konnte....
Aus den letzten Lebensjahren Michelangelos rührt ...  Porta Pia her. ... Ein verrufenes Gebäude, scheinbar reine Kaprice; aber ein inneres Gesetz, das der Meister sich selber schafft, lebt in den Verhältnissen und in der örtlichen Wirkung der an sich ganz willkürlichen Einzelformen. Diese Fenster, dieser starkschattige Torgiebel usw. geben mit den Hauptlinien zusammen ein Ganzes, das man auf den ersten Blick nur einem großen, wenn auch verirrten Künstler zutrauen wird. Innerhalb der Willkür herrscht eine Entschiedenheit, welche fast Notwendigkeit scheint.

KEB: Zu erwähnen wären sicher viele weitere Großwerke wie der Umbau der Diokletiansthermen zur Kirche S. Maria degli Angeli  oder sein Beitrag zu den kapitolinischen Bauten. Aber lassen Sie uns abschließend auf den Petersdom zu sprechen kommen.

Burckhardt: Erst als Greis erhielt Michelangelo durch Paul III. den Auftrag zur Vollendung der S. Peterskirche, von welcher hier im Zusammenhang die Rede sein muss. Ohne auf die Geschichte des Baues im einzeln einzugehen...
Nach der Zwischenherrschaft des jüngern San Gallo trat Michelangelo ein. Es bedurfte seines ganzen schon gewonnenen Ruhmes und seiner Verzichtung auf jeden Lohn, um seinem Entwurf den Sieg zu sichern. Eine der Freskoansichten des damaligen Roms in der vatikanischen Bibliothek stellt den Bau ungefähr so dar, wie er ihn haben wollte: ein gleicharmiges Kreuz, dessen vorderer Arm in der Mitte der Fassade eine nur viersäulige, aber in riesigem Maßstab gedachte Vorhalle aufweist. Die Kuppel hätte diesen vordern Arm des Kreuzes ebenso völlig beherrscht, als die gleich langen drei übrigen Arme. – Von dem jetzt vorhandenen Gebäude hat Michelangelo zunächst die Außenseiten der hintern Teile des Unterbaues mit Pilastern und Attika zu verantworten. Sie sind eine bizarre, willkürliche Hülle, die Bramantes Entwurf schmerzlich bedauern lässt; die vier Ecken zwischen den halbrund heraustretenden Tribünen sind durch schräge Wände abgestumpft; die Fenster zeigen eine Bildung, die an Kaprice mit der Porta Pia wetteifert.... Viel gemäßigter verfuhr Michelangelo im Innern, dessen Organismus (Pilaster, Nischen, Gesimse, auch wohl die Angabe des Gewölbes) wenigstens soweit ihm angehört, als nicht späterer, zumal farbiger Schmuck einen neuen Sinn hineingebracht hat. ... Das hier ausgesprochene System ist es, welches einen so ungeheuren Einfluss auf den Innenbau der ganzen katholischen Welt ausgeübt hat und als Kanon in tausend Variationen nachgeahmt wurde. Als einfaches Gerüst ist diese Bekleidung großartig gedacht; das Vor- und Zurücktreten des Gesimses ist verhältnismäßig sparsam gehandhabt, so dass dem letztern seine herrschende Wirkung bleibt; die Pilaster sind ebenfalls noch einfach; erst die Nachahmer wollten durch Vervielfältigung der Glieder die Wirkung überbieten. Die Kassettierung der großen Tonnengewölbe, zwar erst beträchtlich später, aber doch wohl nach der Absicht des großen Meisters ausgeführt, ist in ihrer Art klassisch zu nennen und unbedenklich als das beste Detail der ganzen Kirche zu betrachten, während die Einzelbildung der Pilaster und Gesimse doch nur von mittlerm Werte ist.
Die Kuppel Michelangelos, an Form und Höhe derjenigen der frühern Baupläne gewaltig überlegen, bietet vielleicht von außen die schönste und einfachste Umrisslinie dar, welche die Baukunst auf Erden erreicht hat.

KEB: Außer meinem Dank für dieses Gespräch wäre diesem Urteil nichts mehr hinzuzufügen, Herr Professor.

Jacob Christoph Burckhardt, geboren am 25. Mai 1818 in Basel, gestorben am 8. August 1897 ebenda, war ein Schweizer Kulturhistoriker mit Schwerpunkt Kunstgeschichte, lehrte an den Universitäten Zürich und vor allem Basel, von Friedrich Nietzsche, der als Deutschlands jüngster Universitätsprofessor von Leipzig nach Basel gekommen war, als „unseren großen, größten Lehrer“ gewürdigt. Herausragend Burckhardts Studien zur Geschichte der Renaissance in Italien.
Gespräch mit Nicolás Gómez Dávila

Streben nach grenzenlosem Reichtum

Kurt E. Becker im Gespräch mit Nicolás Gómez Dávila

KEB: Herr Dávila, Sie sind kein Freund der Moderne sondern, wie ich es bezeichnen möchte, ein existentialistischer Reaktionär, allerdings einer in einer zutiefst humanistischen Tradition. Der Technik und dem Fortschrittsglauben können Sie nichts abgewinnen?!

Dávila: Die Idee des Fortschritts ist die Theodizee des futuristischen Anthropotheismus, die Theodizee eines Gottes, der aus der Unbedeutendheit des Abgrunds heraus erwacht. Der Fortschritt ist die Begründung der jetzigen Verfassung des Menschen und seiner späteren Theophanien.

KEB: Ohne explizit darauf einzugehen, zumindest soweit ich das zu übersehen imstande bin, kreist Ihr Denken um das Leben und die Seins-Weise des behausten Menschen, dem Sie die Rolle eines Demiurgen zuweisen – und das in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Was sind die Konsequenzen?

Dávila: Um dem Menschen zu garantieren, dass er die Welt verwandeln und nach dem Maß seiner Wünsche bearbeiten wird, lehrt die Demokratie, dass unsere demiurgische Bemühung eine Fortsetzung des von der Materie erregten Impulses ist; dass der Motor des Fortschritts eine interne Dialektik darstellt, ein Übergang von der ursprünglichen Homogenität zu einer wachsenden Heterogenität, eine Serie von nacheinander folgenden Zwischenfällen oder das wagemutige Streben einer Ausgeburt der Not. Die Doktrin nimmt an, dass ein abwesender Demiurg, von seiner ursprünglichen Inexistenz ausgehend, die Nahrung seiner künftigen Epiphanie erzeugt.

KEB: Interessant in diesem Zusammenhang Ihre Definition von Werten.

Dávila: Nach demokritischer Lehre ist der Wert ein subjektiver Zustand, der die Übereinstimmung zwischen einem Willen und einem Faktum bestätigt. Die Objektivität des Wertes ist eine Funktion seiner empirischen Allgemeingültigkeit und sein normativer Charakter leitet sich von seinem vitalen Bezug ab. Wert ist, was der Wille als ihm eigen anerkennt.

KEB: Welchen Wert schreiben Sie der Technik zu?

Dávila: Die Technik ist kein demokratisches Produkt, aber der Kult der Technik, die Verehrung ihrer Werke, der Glaube an ihren eschatologischen Triumph sind notwendige Folge der demokratischen Religion. Die Technik ist das Werkzeug ihres tiefen Ehrgeizes, Akt des Besitzens der unterworfenen Welt. Der Demokrat erwartet, dass die Technik ihn von der Sünde, vom Unglück, von der Langeweile und vom Tod erlösen möge. Die Technik ist Wort und Werk des Gott-Menschen.

KEB: Wirtschaft ist Ihnen gleichbedeutend eines Strebens nach Reichtum?!

Dávila: Der Erbe der staatlichen Souveränitäten, der Monarch der eingeebneten Gesellschaften, stürzt sich auf eine Welt, die der Gier seines auf den Nutzen bedachten Appetits überlassen wurde. Die These der Volks-Souveränität bricht die axiologischen Bande der wirtschaftlichen Aktivität, um die Suche nach einem angemessenen Unterhalt durch das Streben nach grenzenlosem Reichtum abzulösen. Die bürgerliche Expansion erdrückt den Planeten im Netz ihres unersättlichen Treibens.

KEB: Dem Geldwert weisen Sie eine zentrale Rolle zu?!

Dávila: Die Verehrung des Reichtums ist ein demokratisches Phänomen. Das Geld ist der einzige universelle Wert, den der reine Demokrat beachtet, denn es ist das Symbol eines Stücks der nutzbaren Natur und weil sein Erwerb sich allein dem menschlichen Bemühen zuordnen lässt. Den Kult der Arbeit, mit dem sich der Mensch selbst schmeichelt, ist der Motor der kapitalistischen Wirtschaft.

KEB: Sie sprechen von einem armseligen Individualismus in der Zivilisation?!

Dávila: Der wirtschaftliche Raubzug gipfelt in einem armseligen Individualismus, in dem die ethische Gleichgültigkeit sich als intellektuelle Anarchie fortsetzt. Die Hässlichkeit einer Zivilisation ohne Stil bestätigt den Triumph der verkündeten Souveränität, als wäre eine schamlose Vulgarität die von den demokratischen Bemühungen ersehnte Trophäe.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Nicolás Gómez Dávila geboren am 18. Mai 1913 in Bogotá, Kolumbien, gestorben am 17. Mai 1994 ebenda, Autodidakt und Philosoph und kämpferischer Streiter gegen jede Art von Moderne.
Gespräch mit Norbert Elias

Die Zivilisation ist erst im Werden

Kurt E. Becker im Gespräch Norbert Elias

KEB: Die Wohnung des Menschen ist Ihnen selbstverständliches Resultat und Ingredienz der Zivilisation, Herr Professor. Lassen Sie uns deswegen einen Blick auf das Grundsätzliche werfen. Was ist Zivilisation?

Elias: Der Begriff „Zivilisation“ bezieht sich auf sehr verschiedene Fakten: Auf den Stand der Technik, auf die Art der Manieren, auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis, auf religiöse Ideen und Gebräuche. Er kann sich auf die Art des Wohnens oder des Zusammenlebens von Mann und Frau, auf die Form der gerichtlichen Bestrafung und der Zubereitung des Essens beziehen, genau gesehen gibt es beinahe nichts, was sich nicht in einer „zivilisierten“ und in einer „unzivilisierten“ Form tun ließe; und es erscheint deshalb immer als etwas schwierig, mit wenigen Worten alles, was als „Zivilisation“ bezeichnet werden kann, zusammenzufassen.

… „Zivilisation“ … bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck … Er (der Begriff, KEB) fasst alles zusammen, was die abendländische Gesellschaft der letzten zwei oder drei Jahrhunderte von früheren oder vor „primitiveren“ zeitgenössischen Gesellschaften vorauszuhaben glaubt.

KEB: Bitte wenigstens grob eine Abgrenzung zum Begriff „Kultur“.

Elias: Das Wort „kultiviert“ steht dem westlichen Zivilisationsbegriff ganz nah. Es repräsentiert gewissermaßen die höchste Form des „Zivilisiertseins“. „Kultiviert“ können auch Menschen oder Familien sein, die „kulturell“ nichts „geleistet“ haben. Genau wie „zivilisiert“ bezieht sich „kultiviert“ in erster Linie auf die Form des Verhaltens oder Gebarens von Menschen. Es bezeichnet eine gesellschaftliche Qualität von Menschen, ihrer Wohnung, ihrer Umgangsformen, ihrer Sprache, ihrer Kleidung, zum Unterschied von „kulturell“, das sich nicht unmittelbar auf Menschen selbst, sondern ausschließlich auf bestimmte Leistungen der Menschen bezieht.

KEB: Heutzutage gibt es Zivilisationsbefürworter, genauso wie Zivilisationskritiker…

Elias: Im 20. Jahrhundert, in dem der tatsächliche Fortschritt in den Wissenschaften, in der Technik, beim Gesundheitszustand, im Lebensstandard und nicht zuletzt auch in der Minderung der Ungleichheit zwischen Menschen an Tempo und Ausmaß in den älteren Industrienationen den Fortschritt aller früheren Jahrhunderte weitaus übertrifft, ist dieser Fortschritt zwar eine Tatsache, aber er hört zugleich auch für viele Menschen auf, ein Ideal zu sein. Die Stimmen, die den Wert aller dieser tatsächlichen Fortschritte bezweifeln, mehren sich … Alles, was sich heute sehen lässt, ist, dass mit der allmählichen Zivilisation eine Reihe von spezifischen Zivilisationsnöten auftreten. Aber man kann nicht sagen, dass wir schon ganz verstehen, warum wir uns eigentlich quälen. Wir fühlen, dass wir mit der Zivilisation in bestimmte Verstrickungen hineingeraten sind, die weniger zivilisierte Menschen nicht kennen; aber wir wissen auch, dass diese weniger „zivilisierten“ Menschen ihrerseits von Nöten und Ängsten geplagt werden, unter denen wir nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr in gleichstarkem Maße leiden.

KEB: Ihr Blick in die Zukunft!?

Elias: Die Zivilisation ist noch nicht abgeschlossen. Sie ist erst im Werden…

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Norbert Elias, geboren am 22. Juni 1897 in Breslau, gestorben am 1. August 1990 in Amsterdam, Mediziner, Philosoph und Psychologe, lehrte an zahlreichen Universitäten in verschiedenen Ländern. Sein Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“ machte ihn zu einem der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts.
Gespräch mit Ralph Waldo Emerson

Liebe zur Schönheit

Kurt E. Becker im Gespräch mit Ralph Waldo Emerson

KEB: Herr Emerson, lassen Sie uns über das Schöne miteinander sprechen, über die Schöpfung von Schönheit in der Kunst. Zu der zählen Sie auch die Baukunst im Besonderen als Teil und besondere Spielart künstlerischen Schaffens im Allgemeinen. Was bedeutet Ihnen dieses künstlerische Schaffen?

Emerson: Das Hervorbringen eines Kunstwerkes wirft Licht auf das Geheimnis der Menschheit. Ein Kunstwerk ist eine Abstraktion oder ein Auszug der Welt, ein Ergebnis oder Ausdruck der Natur im Kleinen. Denn obgleich die Werke der Natur unzählbar und ganz verschiedener Art sind, ist aber doch ihr Ergebnis oder ihr Ausdruck ähnlich und einzig. Die Natur ist ein Meer von Formen, die von Grund aus gleich, sogar einzig in ihrer Art sind. Ein Blatt, ein Sonnenstrahl, eine Landschaft, der Ozean, sie machen einen übereinstimmenden Eindruck auf den Geist. Was ihnen allen gemeinsam ist – jene Vollkommenheit und Harmonie – das macht die Schönheit aus.

KEB: Was ist Ihr Maßstab von Schönheit?

Emerson: Der Maßstab der Schönheit ist der gesamte Umkreis der natürlichen Formen – die Gesamtheit der Natur, was die Italiener ausdrücken, wenn sie „il più nell‘ uno“ sagen. Nichts Einzelnes ist vollkommen schön, nur innerhalb des Ganzen ist es schön. Ein einzelner Gegenstand ist nur insoweit schön, als er diese Anmut des Universums ahnen lässt.

KEB: Es wirkt der Wille des Künstlers konkret wie?

Emerson: Der Dichter, der Maler, der Bildhauer, der Musiker, der Architekt, sie alle suchen diese Strahlungen der Welt in einem Punkte zusammenzufassen, und ein jeder sucht in seinem Werk der Liebe zur Schönheit gerecht zu werden, die ihn zum Schaffen anregt. So ist die Kunst eine durch die Schaffenskräfte des Menschen hindurchgegangene Natur. Sie wirkt in der Kunst durch den Willen eines Menschen, der erfüllt ist mit der Schönheit ihrer ersten Werke.

KEB: Interessant Ihre Ideen zum Wechsel der Perspektive.

Emerson: Der geringste Wechsel unseres Standpunktes verleiht der ganzen Welt ein malerisches Aussehen. Ein Mensch, der sich selten in einem Fahrzeug befördern lässt, braucht nur in einer Kutsche seine eigene Stadt zu durcheilen, um die Straße in ein Puppentheater zu verwandeln. Männer und Frauen – wie sie schwatzen, rennen, feilschen und sich schlagen – der Ernst der Handwerker, der Müßiggänger, der Bettler, die Jungen, die Hunde, sie alle erscheinen plötzlich unwirklich oder zumindest gänzlich losgelöst vom Betrachter, und sie werden als Schein gesehen und nicht als substantielle Wesen.

KEB: Diesem Perspektivenwechsel fügen Sie noch den Blick durch eine Camera obscura hinzu…

Emerson: Schaue dir die Welt verkehrt herum an. Schaue dir die Landschaft durch deine gespreizten Beine an, und wie angenehm ist das Bild, obwohl du es jederzeit während der letzten 20 Jahre gesehen hast! In diesen Fällen, bei der Verwendung mechanischer Hilfsmittel, ist ein Hinweis gegeben auf den Unterschied zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, zwischen Mensch und Natur. Hieraus erwächst ein Vergnügen, das mit Ehrfurcht gemischt ist; ich möchte sagen, ein minderer Grat des Erhabenen wird fühlbar, wahrscheinlich aus der Tatsache, dass der Mensch dadurch ausgezeichnet ist, dass, während die Welt ein Schauspiel ist, etwas in ihm selbst beständig bleibt.

KEB: Herr Emerson, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Ralph Waldo Emerson, geboren am 25. Mai 1803 in Boston, gestorben am 27. April 1882 in Concord, war ein US-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller, befreundet mit Henry David Thoreau und dessen Freude an der Natur teilend, begründete ein Denken, das nicht nur die amerikanische Philosophiegeschichte maßgeblich beeinflusste.
Gespräch mit Friedrich Engels

Die Zeit der Wohnungsnot

Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Engels

KEB: Herr Engels, wie und wann entwickelt sich Ihrer Wahrnehmung zufolge eine Wohnungsnot?

Engels: Die Zeit, worin ein altes Kulturland einen … beschleunigten Übergang von der Manufaktur in Kleinbetrieb zur großen Industrie macht, ist auch vorwiegend die Zeit der „Wohnungsnot“. Einerseits werden Massen ländlicher Arbeiter plötzlich in die großen Städte gezogen, die sich zu industriellen Mittelpunkten entwickeln; andrerseits entspricht die Bauanlage dieser älteren Städte nicht mehr den Bedingungen der neuen Großindustrie und des ihr entsprechenden Verkehrs; Straßen werden erweitert und neu durchgebrochen, Eisenbahnen mitten durchgeführt. In demselben Augenblick, wo Arbeiter haufenweis zuströmen, werden die Arbeiterwohnungen massenweis eingerissen. Daher die plötzliche Wohnungsnot der Arbeiter und des auf Arbeiterkundschaft angewiesenen Kleinhandels und Kleingewerbs.

KEB: Wie kann der Wohnungsnot Ihrer Meinung nach ein Ende bereitet werden?

Engels: Die sogenannte Wohnungsnot … besteht nicht darin, dass die Arbeiterklasse überhaupt in schlechten, überfüllten, ungesunden Wohnungen lebt. Diese Wohnungsnot ist nicht etwas der Gegenwart Eigentümliches; sie ist nicht einmal eins der Leiden, die dem modernen Proletariat, gegenüber allen frühern unterdrückten Klassen, eigentümlich sind; im Gegenteil, sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zeiten ziemlich gleichmäßig betroffen. Um dieser Wohnungsnot ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel. Die Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse überhaupt zu beseitigen. Was man heute unter Wohnungsnot versteht, ist die eigentümliche Verschärfung, die die schlechten Wohnungsverhältnisse der Arbeiter durch den plötzlichen Andrang der Bevölkerung nach den großen Städten erlitten haben; eine kolossale Steigerung der Mietspreise; eine noch verstärkte Zusammendrängung der Bewohner in den einzelnen Häusern, für einige die Unmöglichkeit, überhaupt ein Unterkommen zu finden. Und diese Wohnungsnot macht nur so viel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Kleinbürgertum mit betroffen hat.

KEB: Das Grundübel, wie Sie es bezeichnen, ist also ein ganz anderes?

Engels: Die Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger unserer modernen großen Städte ist einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen. Sie ist durchaus nicht eine direkte Folge der Ausbeutung des Arbeiters, als Arbeiter, durch den Kapitalisten. Diese Ausbeutung ist das Grundübel, das die soziale Revolution abschaffen will, indem sie die kapitalistische Produktionsweise abschafft.

KEB: Ihre Schlussfolgerungen, die konkrete Situation auf den Immobilienmärkten betreffend, sind welche?

Engels: Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. … Das Resultat ist, dass die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, dass Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Friedrich Engels, geboren am 28. November 1820 in Barmen, gestorben am 5. August 1895 in London, war ein deutscher Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Historiker, Journalist, Unternehmer und kommunistischer Revolutionär. Er entwickelte gemeinsam mit Karl Marx die heute als Marxismus bezeichnete Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie.
Gespräch mit Sigmund Freud

Das Wohnhaus Ersatz für den Mutterleib

Kurt E. Becker im Gespräch mit Sigmund Freud

KEB: Herr Professor, der Bau von Wohnstätten gehört in den Kanon der kulturstiftenden Tätigkeiten des Menschen?

Freud: Als kulturell anerkennen wir alle Tätigkeiten und Werte, die dem Menschen nützen, indem sie ihm die Erde dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der Naturkräfte schützen und dergleichen. Über diese Seite des Kulturellen besteht ja am wenigsten Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die ersten kulturellen Taten waren der Gebrauch von Werkzeugen, die Zähmung des Feuers, der Bau von Wohnstätten. Unter ihnen ragt die Zähmung des Feuers als eine ganz außerordentliche, vorbildlose Leistung hervor, mit den anderen schlug der Mensch Wege ein, die er seither immer weiter verfolgt hat, zu denen die Anregung leicht zu erraten ist. Mit all seinen Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seine Organe – die motorischen wie die sensorischen – oder räumt die Schranken für ihre Leistung weg.

KEB: Zum Wohnhaus haben Sie aus psychoanalytischer Sicht eine sehr entschiedene Meinung.

Freud: … das Wohnhaus ein Ersatz für den Mutterleib, die erste, wahrscheinlich noch immer ersehnte Behausung, in der man sicher war und sich so wohl fühlte.

KEB: Nicht alles in der Kultur muss einen Nutzen haben, auch nicht beim Städtebau?

Freud: … wir (begrüßen) es auch als kulturell, wenn wir sehen, dass sich die Sorgfalt der Menschen auch Dingen zuwendet, die ganz und gar nicht nützlich sind, eher unnütz erscheinen, zum Beispiel wenn die in einer Stadt als Spielplätze und Luftreservoirs notwendigen Gartenflächen auch Blumenbeete tragen, oder wenn die Fenster der Wohnungen mit Blumentöpfen geschmückt sind. Wir merken bald, das Unnütze, dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten, ist die Schönheit; wir fordern, dass der Kulturmensch die Schönheit verehre, wo sie ihm in der Natur begegnet, und sie herstelle an Gegenständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag.

KEB: Schlagen wir last not least einen großen Bogen: Ihre Prognose für die zukünftige Entwicklung der Menschheit?

Freud: Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Zerstörung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden „himmlischen Mächte“, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?

KEB: Ich danke für dieses Gespräch.

Sigmund Freund, geboren am 6. Mai 1856 in Freiberg, Mähren, gestorben am 23. September 1939 in London, Arzt und Professor für Medizin in Wien, war der Begründer der Psychoanalyse und einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.
Gespräch mit Erich Fromm

Die industrielle Gesellschaft verachtet die Natur

Kurt E. Becker im Gespräch mit Erich Fromm

KEB: Herr Professor, lassen Sie uns den behausten Menschen der Moderne unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten in den Blick nehmen – und zwar in Gestalt jenes von Ihnen ironisierten Ideals eines bürgerlichen Lebens...

Erich Fromm:der universale Bourgeouis als Mann und Frau der Zukunft. Leben erst alle in Reichtum und Komfort, dann, so nahm man an, werde jedermann schrankenlos glücklich sein. Diese Trias von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildete den Kern der neuen Fortschrittsreligion, und eine neue irdische Stadt des Fortschritts ersetzte die „Stadt Gottes".

KEB: Diese „irdische Stadt des Fortschritts“ und deren Entwicklung wurde und wird befördert durch eine bestimmte Form des Wirtschaftens…

Erich Fromm: Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? Die Schärfe dieses Konflikts versuchte man durch die These zu verschleiern, dass alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere …

KEB: Diese Art des Wirtschaftens hatte auch Einfluss auf unseren Umgang mit der Natur?

Fromm: Das Verhältnis des Menschen zur Natur wurde zutiefst feindselig. Die Menschen sind eine „Laune der Natur“, denn aufgrund unserer Existenzbedingungen sind wir Teil der Natur, doch aufgrund unserer Vernunftbegabung transzendieren wir sie. Wir haben versucht, dieses Problem unserer Existenz dadurch zu lösen, dass wir die messianische Vision der Harmonie zwischen Menschheit und Natur aufgaben, indem wir uns die Natur untertan machten und für unsere eigenen Zwecke umgestalteten, bis aus der Unterjochung der Natur mehr und mehr deren Zerstörung wurde. Unser Eroberungsdrang und unsere Feindseligkeit haben uns blind gemacht für die Tatsache, dass die Naturschätze begrenzt sind und eines Tages zur Neige gehen können und dass sich die Natur gegen die Raubgier der Menschen zur Wehr setzen wird.

Die industrielle Gesellschaft verachtet die Natur ebenso wie alles, was nicht von Maschinen hergestellt worden ist – und alle Menschen, die keine Maschinen produzieren (die farbigen Rassen, seit neuestem mit Ausnahme der Japaner und Chinesen). Die Menschen sind heutzutage fasziniert vom Mechanischen, von der mächtigen Maschine, vom Leblosen und im zunehmenden Maß von der Zerstörung.

KEB: Sie befürchten, dass der stärkste aller menschlichen Instinkte, der Selbsterhaltungstrieb, nicht mehr funktioniert.

Erich Fromm: Eine der naheliegendsten Erklärungen ist, dass die Politiker mit vielem, was sie tun, vorgeben, wirksame Maßnahmen zur Abwendung der Katastrophe zu ergreifen. Endlose Konferenzen, Resolutionen und Abrüstungsverhandlungen erwecken den Eindruck, als habe man die Probleme erkannt und unternehme etwas zu ihrer Lösung. De facto geschieht zwar nichts, was uns wirklich weiterhilft, aber Führer und Geführte betäuben ihr Gewissen und ihren Überlebenswunsch, indem sie sich den Anschein geben, den Weg zu kennen und in die richtige Richtung zu marschieren.

KEB: Herr Professor, ich danke für das Gespräch.

Erich Fromm, geboren am 23. März 1900 in Frankfurt am Main, gestorben am 18. März 1980 in Muralto, Schweiz, war ein deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Philosoph, Theoretiker des sogenannten Freudomarximus und überzeugter und überzeugender Vertreter eines normativen Humanismus.
Gespräch mit Jean Gebser

Raum-Zeit-Kontinuum in der Architektur

Kurt E. Becker im Gespräch mit Jean Gebser

KEB: Aufgrund Ihrer kulturphänomenologischen Betrachtung vergangener Epochen, Herr Gebser, sind Sie der Überzeugung, vier aufeinanderfolgende Bewusstseinsstrukturen des europäischen Menschen nachweisen zu können – die magische, die mythische, die mentale, alle mündend qua Mutation im integralen Bewusstsein und der damit verbundenen Überwindung des linearen Verhaftet-Seins in Raum und Zeit. Die daraus für Sie resultierende aperspektivische Weltsicht findet sich Ihrer Überzeugung nach auch im Bauen und in der Architektur wieder – zum Beispiel bei Frank Lloyd Wright.

Jean Gebser: In der Architektur müsste, wie bereits Frank Lloyd Wright hervorgehoben hat, eine weitere Wolkenkratzer- und Wohnmaschinen-Bauerei zur Katastrophe führen. Das rauschhafte Quantitative würde einer Verbauung des Menschen gleichkommen, seiner Verameisung, seiner soziologischen Atomisierung, statt ihm Freiheit zu geben.

KEB: Unter „Atomisierung“ verstehen Sie genau was?

Gebser: Im Alltag zwingt die Motorisierung, Maschinisierung, Technisierung den Menschen in quantitätsbedingte Abhängigkeiten, wobei das Unmaß an Freiheitspreisgabe den wenigsten bewusst wird. Maschine, Film, Presse, Radio: Meistens führen sie zu nivellierenden Abhängigkeitsverhältnissen und zu zunehmender Entindividualisierung, also zur Ich-Atomisierung.

KEB: Lassen Sie uns über das Achrononon, die Zeitfreiheit in der aperspektivischen Welt sprechen. Wie muss ich mir diese Zeitfreiheit vorstellen?

Gebser: Der Zeitbegriff ist lediglich das Initialthema für die Bewusstwerdung der aperspektivischen Welt. Solange es Geltung hat, gilt noch das Teilende, Zerstörende, Auflösende, das aber teilend, zerstörend und auflösend den Weg für eine neue Wirklichkeit freilegt. Was aber freigelegt wird, das ist mehr als der bloße Begriff „Zeit“: Es ist das Achronon, also das Frei- und Befreit-Sein von jeder Zeitform; es ist die Zeitfreiheit.

KEB: Und dieses Achronon äußert sich auch in der Architektur?

Gebser: Da … in der Architektur der Zeitaspekt sich nur als Dynamik und Bewegung äußern kann, ist es aufschlussreich zu wissen, dass ein bestimmter Bautyp auch in Amerika von nachhaltiger Wirkung gewesen ist, der mit der statischen, nur raumgebundenen Bauweise bisheriger Art brach. Es handelt sich um den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona (1929), der von Mies van der Rohe erstellt wurde.

KEB: In diesem Pavillon entdecken Sie die Realisation des Aperspektivischen in der Architektur?

Gebser: Die festen Beziehungen weichen flexibleren: Die Berücksichtigung des Zeitelementes als Bewegung löst den starren Raum, lockert ihn, bringt ihn zum Fließen; eine Welt der Übergänge und der Zusammenhänge tritt anstelle der durch bloße Wände abgekapselten Räume; statt einer Teilung … erfolgt eine Verschmelzung, und der abstrakte Raum wird zu einem konkreten Raum-Zeit-Kontinuum, das unverhaftet Leichtigkeit ausströmt; die trennenden und teilenden Wandflächen werden klar von der Struktur unterschieden; auf ihr, nicht auf den Wänden allein, liegt jetzt die Betonung. Die durch den Einbruch der Zeit bewirkte Auflockerung des Raumes springt vielleicht nirgends so deutlich ins Auge wie in den besten Schöpfungen der neuen Architektur, die in diesem Sinne durchaus vierdimensional, also aperspektivisch ist.

Die neue Architektur baut, um es physikalisch auszudrücken, nicht nur starre, abgegrenzte Räume, sondern raumzeitliche Kontinua. Mit anderen Worten: Die Zeit, sofern sie sich architektonisch ausdrücken lässt, hat den geschlossenen dreidimensionalen architektonischen Raum in bewegte, offene Raum-Zeit verwandelt.

KEB: Herr Gebser, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Jean Gebser, geboren am 20. August 1905 in Posen, gestorben am 14. Mai 1973 in Bern, Philosoph, Privatgelehrter, Schriftsteller, Übersetzer, gilt als Vordenker eines „aperspektivischen“ Zeitalters, konzipiert in seinem Hauptwerk „Ursprung und Gegenwart“.
Gespräch mit Arnold Gehlen

Eine wertverwirrte Gesellschaft

Kurt E. Becker im Gespräch mit Arnold Gehlen

KEB: Die objektiven Folgen des Industrialisierungsprozesses machen Sie an vorderster Front in den großstädtischen Ballungsräumen aus, die Ihrer Überzeugung nach einem völlig neuen Geist des Wohllebens und des Konsumismus huldigen und alles bisher Geltende aus den Angeln heben…

Gehlen: ... derselbe Geist ist natürlich auch in der Architektur am Werke, wo man die bisherigen Axiome umkehrt, nach denen ein Haus auf einem Fundament steht und vier Ecken hat, nach denen ein Gewölbe konvex ist. Also baut man runde Häuser oder ovale, auf Stelzen stehende, in die Luft hinausragende Zimmergondeln und eingeschwungene Gewölbe.

KEB: Eine neue Kultur macht sich breit mit entsprechenden Einflüssen auf das menschliche So-und-nicht-anders-Gewordensein, wie Max Weber formuliert haben könnte.

Gehlen: Das ist dann wohl der von der Versiegelung und Unzugänglichkeit der Kultur im Stiche gelassene Mensch, der … als geschichtlich ungeformter beschrieben wird, mit anderen Worten: gemeint sind die Großstadtmassen, die gerne von der Architektur als ideologische Partner in Anspruch genommen werden…

KEB: Die Folge ist eine Außensteuerung des Menschen?

Gehlen: Es lässt sich doch ernstlich nicht bestreiten …, dass der moderne Subjektivismus ein Produkt der Kulturverhältnisse ist: Die Überschwemmung mit fremdgesetzten Reizen und die Affektüberlastung werden durch eine Innenverarbeitung und „Psychisierung“ bewältigt, die außenprovoziert ist, ohne es zu wissen. Die Affekte können ja auch gar nicht mehr an der Außenwelt festgemacht werden, weil diese viel zu versachlicht und symbolentleert ist – dazugerechnet den fehlenden Widerstand der rohen Natur, die Stilllegung der körperlichen Anstrengung. Was sollte anderes folgen, als der „Erlebnisstrom“, der in chronischer Wachheit und Reflektion bewältigt wird? Jetzt beginnt notwendig die Subjektivierung und Aufweichung der Kunst, des Rechts – aber auch der Religion.

KEB: Ein Wort zu Ihrem Verständnis des Verhältnisses von „Innen und Außen“, bitte!

Gehlen: Die Logik der Zusammenhänge von Innen und Außen kann man versuchen, sich vorzustellen. Der Mangel an stabilen Institutionen, die ja im Grunde vorgeformte und sozial eingewöhnte Entscheidungen sind, überbeansprucht die Entschlussfähigkeit, aber auch die Entschlusswilligkeit des Menschen und macht ihn, die Bastionen der Gewohnheiten schleifend, schutzlos vor den zufälligen nächsten Reizen. Weil nun an diese Reize ebenfalls Interessen, Vorteile und Bedürfnisse anwachsen, sich auch endlich irgendein inneres Gleichgewicht einpendelt, kommen Charaktere zustande, die ihre Eigenschaften nur deshalb zu haben scheinen, weil sich kein Anlass fand, sie aufzuheben.

KEB: Die Seele des Einzelnen wird selbst zur Fiktion?

Gehlen: Eine so komplizierte und wertverwirrte Gesellschaft wie die unsere bietet deshalb die reichlichsten Appelle und Anreize für Geltungsproblematiker, und so ergeben sich zahllose Gelegenheiten zu Überforderungen, Kompensationen und Rollenvorgaben. Wenn also wirklich die „tiefe individuelle Rastlosigkeit und Unsicherheit hinsichtlich seelischer Werte“ die Gegenwart charakterisiert, … so wird die eigene Seele als „sujet de fiction“ keine geringe Bedeutung haben…

KEB: Die Großstädte – beherrscht von dem Aberglauben an die Allmacht der Menschen?

Gehlen: Auch reagiert der Mensch auf die drastische Abhängigkeit von unberechenbaren Naturereignissen am wirksamsten mit einer Einstellung, die grundsätzliche Verzichtbereitschaft nicht ausschließt, und eine letzte Auflehnung gegen die Vorstellung, Kreatur zu sein, wird ihm fernliegen – zum mindesten aber wird ihm der Aberglaube an die Allmacht der Menschen fehlen, der die Großstädte beherrscht. Nur dort gilt der Schluss: Weil dies und das schlecht steht oder missglückt, weil man aber doch alles machen kann, „wenn man nur will“, so müssen Bösewichter vorhanden sein, die sabotieren und die ermittelt werden müssen, wenn man sie nicht sowieso schon kennte.

KEB: Was sind die Ursachen der Massenströmungen des Getrieben-Werdens und woraus resultieren diese?

Gehlen: Das Recht auf Wohlleben ist eine ebenso unbestrittene Grundannahme wie die Neuorganisation der Gesellschaft, die ja schließlich das Mittel für jenen Zweck sein will. Die Massenströmungen des Getriebenwerdens in der Richtung dieser beiden Ideale ist eine direkte Folge der Aufklärungs-Tradition und ihrer Umformung durch die vom Industrialismus vollständig veränderten Lebensbedingungen und geistigen Gewissheiten; sie drückt so etwas wie eine Neuanpassung der instinktiven Kernschichten an eben diese Bedingungen aus, denn die Leistung des Industriesystems bestand und besteht eben wirklich darin, den Lebensstandard der Massen zu heben, und ebenso deutlich in einer „Umorganisation“ der Gegeninstanzen, der konservativ-traditionalistischen Schichten und ihrer geistigen und ökonomischen Reserven und Rückhalte. Fast alle industriellen Produkte, vom elektrischen Licht bis zum Seidenstrumpf und zum Radio, waren einmal teuere Luxusgüter und sind dann, in Massenproduktion verbilligt, zu Gegenständen von Massenbedürfnissen geworden. Es ist kein Zweifel, dass unter ihren wesenseigenen, ungestörten Bedingungen die Industrie nicht von einer traditionellen stereotypen Bedarfslage her produziert, sondern dass sie umgekehrt die Bedürfnisse mitproduziert, die Bedürfnisse für Produkte, die sie ganz unabhängig von jeder Nachfrage … aus sich selbst heraus entwickelt.

KEB: Der Verzicht auf Wohlleben soll in der modernen Gesellschaft unmöglich gemacht werden?

Gehlen: Der Prozess ist irreversibel, die Versorgung steigender Bevölkerungen bei steigenden Ansprüchen mit zunehmenden Gütermengen muss gewollt werden, aber die Konstatierung des Vorgangs und die Abrechnung auf der geistigen und moralischen Kostenseite sollten erfolgen, solange das noch möglich ist. Und da ist zu sagen: Das System steht nicht nur auf der Voraussetzung des Rechtes auf Wohlleben, es tendiert dazu, die Gegenposition, nämlich das Recht auf den Verzicht auf Wohlleben, unmöglich zu machen, und zwar indem es die Konsumbedürfnisse selbst produziert und automatisiert.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Arnold Gehlen, geboren am 29. Januar 1904 in Leipzig, gestorben am 30. Januar 1976 in Hamburg, war ein deutscher Philosoph, Anthropologe und Soziologe, einer der Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie. Seine ihm oftmals zugeschriebene Charakterisierung des Menschen als „Mängelwesen“ stammt von Johann Gottfried Herder.
Gespräch mit Silvio Gesell

Das Freigeld und die Investition in Immobilien

Kurt E. Becker im Gespräch mit Silvio Gesell

KEB: Mein Freund Günter Bartsch schrieb über Sie, Sie wollten eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Dabei war ein wesentliches Element der von Ihnen konzipierten natürlichen Wirtschaftsordnung (NWO) eine spezifisch eigene Philosophie des Geldes. Welchen Zweck hat das Geld in Ihrem Verständnis?

Gesell: Das Geld ist Tauschmittel, nichts anderes. Es soll den Austausch der Waren erleichtern, die Schwierigkeiten des Tauschhandels umgehen. Der Tauschhandel war unsicher, schwerfällig, kostspielig und versagte wohl auch oft; das Geld, das ihn ablösen soll, muss darum den Austausch der Waren sichern, beschleunigen, verbilligen.

KEB: Ihre Idee war, wie wir heute sagen würden, eine Rückkoppelung des Geldes an die Realwirtschaft zu versuchen.

Gesell: Das Geld hat nun aufgehört, ein Abstrakt zu sein. Das Freigeld bringt zum ersten Mal einen Vergleichspunkt für die Betrachtung des Geldes. Das Geld hat einen Hintergrund bekommen … Das Freigeld schafft das Lot zum Bau der Geldtheorie, an dem alle Abweichungen von der Senkrechten unmittelbar wahrnehmbar sind… Das Geld büßt seine zinstragende Eigenschaft ein und wird auf die Rangstufe von Ware und Arbeit herabgesetzt.

KEB: Mit revolutionären Konsequenzen.

Gesell: Wir müssen … das Geld als Ware verschlechtern, wenn wir es als Tauschmittel verbessern wollen. Da die Besitzer der Waren es mit dem Tausch stets eilig haben, so will es die Gerechtigkeit, dass auch die Besitzer des Tauschmittels es eilig haben sollen. Das Angebot steht unter unmittelbarem, eigengesetzlichem Zwang, so soll auch die Nachfrage unter gleichen Zwang gestellt werden.

KEB: Dieses „Schrumpfgeld“, wie es ironisch auch bezeichnet wurde, funktioniert genau wie?

Gesell: Das Freigeld verliert wöchentlich ein Tausendstel … an Zahlkraft, und zwar auf Kosten der Inhaber… Durch den Kursverlust von 5,2% jährlich dürfte die umlaufende Geldmasse um jährlich 200 - 300 Millionen abnehmen. Damit aber daraus kein Geldmangel entsteht, muss das Währungsamt diese Millionen immer durch neu herzustellendes Geld jährlich ersetzen.

KEB: Speziell für die Nutzer von Immobilien hat Ihr Freigeld interessante Konsequenzen.

Gesell: Was ich heute spare, das ist das, was mir von meinem Lohn übrigbleibt, nachdem ich in meinen persönlichen Ausgaben meinen Teil entrichtet habe von den Zinsen, die der Staat und die Gemeinde ihren Gläubigern zahlen müssen, und die von den Kapitalisten gefordert werden für die Benutzung der Häuser, Maschinenanlagen, Vorräte, Rohstoffe, Eisenbahnen, Kanäle, Gas- und Wasser-Anlagen usw.. Fällt der Zins, so wird alles entsprechend billiger, und ich werde entsprechend größere Summen sparen können. Meinen Verlust an Zinsen auf die schon gesparten Summen werde ich also tausendfach wiedergewinnen durch meine größeren Ersparnisse. Meine Wohnungsmiete beträgt 25% meines Lohnes und besteht zu zwei Dritteln aus Zins für das Baugeld. Geht nun der Zinsfuß von 4 auf 3, 2, 1 oder 0 von Hundert zurück, so spare ich dann 1/4, 1/2, 3/4, usw. der Wohnungsmiete, oder 4-16% meines Lohnes – allein am Hauszins!

KEB: Der Sparer wird aber auch zum Investor.

Gesell: … und das erreichen sie eben damit, dass sie von den jährlichen Abschreibungen ihres Kapitals nur einen Teil für eigenen Bedarf ausgeben, den Rest aber wieder für den Bau neuer Häuser, …, die ihnen keinen Zins, wohl aber Sicherheit gegen unmittelbaren Verlust bieten. Wenn sie das Geld (Freigeld) behielten, so würden sie nicht nur keinen Zins, sondern noch einen Verlust haben. Durch den Bau neuer Häuser vermeiden sie diesen Verlust

KEB: Das Haus wiederum wird in Ihrem Denken zur besten Kapitalanlage überhaupt.

Gesell: Es ist also nicht nötig, dass die Häuser ... Zins abwerfen, um die Mittel zu ihrer Herstellung von allen Seiten heranzulocken. Diese Dinge erweisen sich nach Einführung des Freigeldes für alle Sparer als das beste Aufbewahrungsmittel für die Ersparnisse. Indem die Sparer die Überschüsse in Häusern … anlegen, die keinen Zins eintragen, wohl aber sich in Abschreibungen wieder auflösen, sparen sie die Kosten der Wartung und Lagerung dieser Überschüsse, und zwar vom Tage an, wo der Überschuss gemacht wurde, bis zum Tage, wo er verzehrt werden soll; und da zwischen diesen beiden Tagen oft Jahrzehnte liegen …, so sind es große Vorteile, die die genannten Geldanlagen den Sparern bieten.

KEB: Und besonders interessant aus Ihrer Sicht ist die Investition in eine Wohnanlage, wie wir es heute bezeichnen würden.

Gesell: Will aber unser Sparer sich gegen … Verluste sichern, so baut er mit seinen Ersparnissen ein Mietshaus, und der Mieter bezahlt ihm in den jährlichen Abschreibungen, die auch heute immer im Mietzins enthalten sind, die Kosten des Baues nach und nach zurück.

KEB: Herr Gesell, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Johann Silvio Gesell, geboren am 17. März 1862 in St. Vith, gestorben am 11. März 1930 in der Obstbau-Genossenschaft Eden bei Oranienburg, war ein deutscher Kaufmann, Finanz-Theoretiker, Sozialreformer und Begründer der Freiwirtschaftslehre, genannt auch natürliche Wirtschaftsordnung „NWO“. John Maynard Keynes schrieb über Gesells Werk: „Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.“ Und Albert Einstein urteilte: „Die Schaffung eines Geldes, das sich nicht horten lässt, würde zur Bildung von Eigentum in wesentlicherer Form führen.“
Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe

Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine.

Kurt E. Becker im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe

KEB: Herr Geheimrat, Sie haben eine sehr präzise Vorstellung von der Ethik des Bauens, um es ein bisschen hochtrabend zu formulieren.

Goethe: Der Bauende soll nicht herumtasten und versuchen. Was stehenbleiben soll, muss recht stehen und wo nicht für die Ewigkeit doch für geraume Zeit genügen. Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine.

KEB: Ihr Beispiel für hohe Baukunst ist das Straßburger Münster. Da gibt es bei Ihnen einen Vorher-Nachher-Effekt.

Goethe: Als ich das erstemal nach dem Münster ging, hatt' ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrt' ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrnen Willkürlichkeiten gotischer Verzierungen. Unter der Rubrik Gotisch, gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufte ich alle synonymische Missverständnisse, die mir von Unbestimmtem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem jemals durch den Kopf gezogen waren. Nicht gescheiter als ein Volk, das die ganze fremde Welt barbarisch nennt, hieß alles gotisch, was nicht in mein System passte, von dem gedrechselten, bunten Puppen- und Bilderwerk an, womit unsre bürgerlichen Edelleute ihre Häuser schmücken, bis zu den ernsten Resten der älteren deutschen Baukunst, über die ich, auf Anlass einiger abenteuerlichen Schnörkel, in den allgemeinen Gesang stimmte …

KEB: Ihr Eindruck dann, als Sie dieses Bauwerkes zum ersten Mal ansichtig wurden?

Goethe: Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davortrat. Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, dass es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurückgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesengeist unsrer ältern Brüder in ihren Werken zu umfassen. Wie oft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfernungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit. Schwer ist's dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhaben ist, dass er nur beugen und anbeten muss.

KEB: Steinbach, der Erbauer, galt Ihnen als Genie. Warum? Sie haben einen fiktiven Dialog mit dem Baumeister zu Papier gebracht. Lassen Sie uns daran teilhaben.

Goethe: Wie oft hat die Abenddämmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzähligen Teile zu ganzen Massen schmolzen und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir in leisen Ahndungen der Genius des großen Werkmeisters. Was staunst du? lispelt er mir entgegen. Alle diese Massen waren notwendig, und siehst du sie nicht an allen älteren Kirchen meiner Stadt? Nur ihre willkürlichen Größen hab ich zum stimmenden Verhältnis erhoben. Wie über dem Haupteingang, der zwei kleinere zu Seiten beherrscht, sich der weite Kreis des Fensters öffnet, der dem Schiffe der Kirche antwortet und sonst nur Tageloch war, wie hoch drüber der Glockenplatz die kleineren Fenster forderte. Das all war notwendig, und ich bildete es schön… Und so schied er von mir … Deinem Unterricht dank ich's, Genius, dass mir's nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, dass in meine Seele ein Tropfen sich senkt der Wonneruh des Geistes, der auf solch eine Schöpfung herabschauen und gottgleich sprechen kann: Es ist gut!

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main, gestorben am 22. März 1832 in Weimar, Politiker, Minister, Naturforscher, Theater-Intendant, gilt als Deutschlands bedeutendster Dichter. 
Gespräch mit Martin Greiffenhagen

Wohnen im Wertewandel

Kurt E. Becker im Gespräch mit Martin Greiffenhagen

KEB: Herr Professor Greiffenhagen, lassen Sie uns zunächst eine umfassende Perspektive in den Blick nehmen. Was gilt als Ursache unserer so und nicht anders gewordenen Gesellschaft: Die Veränderungen industrieller Fertigung oder das Schwinden religiöser Bindung, das Entstehen einer breiten Mittelschicht mit Dienstleistungsberufen oder die Ausbreitung eines Individualismus, der seine Wurzeln in der Renaissance hat?

Greiffenhagen: Die Frage ist falsch gestellt. Technische und wirtschaftliche Faktoren sind mit Kulturbewegungen so eng verbunden, dass sich keine eindeutige Ätiologie entwickeln lässt. Deshalb ist auch keine sichere Prognose über die Nachhaltigkeit von Tendenzen möglich… Einige mögen von kurzer Dauer sein und als Lebensstile mit kulturellen Moden und ökonomischen Trends rasch wieder verschwinden, andere gehören dem tiefgründenden Strom einer Modernität an, die unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten in Bewegung hält …

KEB: Auch Bauen und Wohnen werden von solchen Zeitläuften und Umbrüchen stets mitbetroffen...

Greiffenhagen: Hausbau und Wohnung (gehören) zum Menschen wie Institutionen und Moralsysteme. Aber wie diese dem kulturellen Wandlungen unterschiedlich rasch folgen, so beobachten wir auch im Blick auf Haus und Wohnung eine unterschiedliche Sensibilität in der Reaktion auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Das muss nicht schlecht sein, und das Wohnen könnte durchaus wie das Rechtssystem eine sinnvolle konservative Pufferfunktion gegenüber allzu hektischen Kulturbewegungen haben. Andererseits gilt hier, was auch für Gesetze zutrifft: Eine allzu große Kluft zu gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen bringt unnötige Spannungen und unter Umständen viel menschliches Leid mit sich.

KEB: Eine wesentliche Bestimmungsgröße des kulturellen Umbruchs liegt in der Verkürzung unserer Zukunftsperspektiven. Was heißt dies für Bauen und Wohnen?

Greiffenhagen: Für Bauen und Wohnen bedeutet diese Verkürzung des Zeithorizontes und die mit ihr verbundene Aufwertung der Mittel zweierlei: Einmal eine schon länger zu beobachtende Entwicklung zum Wohnen als Selbstwert, zum anderen eine weitere Individualisierung der Hausnutzung durch seine Bewohner.

KEB: Das heißt konkret?

Greiffenhagen: Der Wunsch nach identitätsstärkender und -erweiternder Wohnqualität bezieht sich dabei nicht nur auf Haus und Wohnung, sondern auf das bauliche Ambiente, das Quartier und soziale Kontexte, auf die Infrastruktur von Verkehr, Versorgung und Vergnügungen. Besonders das Quartier hat eine dramatische Aufwertung erfahren. Suchte man früher ein Haus oder eine Wohnung, so beginnt man seine Recherchen heute mit Überlegungen zu dem Umfeld von Stadt oder Land, Stadtteil und Quartier.

KEB: Diese Neuorganisation der Gesellschaft auch unter Gesichtspunkten des Wohnens bedeutet zum Beispiel für die Stadtentwicklung was?

Greiffenhagen: Die Innenstädte, einst die Hochburgen eines stolzen und selbstbewussten Bürgertums, erfahren ihre Renaissance ausgerechnet aus Strömungen, die alles andere kultivieren wollen nur nicht jene „methodische Lebensführung“, die uns seit Max Webers Beschreibung als kultureller Kern des Bürgerlichen gilt… Das Haus des Post-Materialisten bedeutet in vieler Hinsicht Abschied vom Bürgertum: Keine Eingangshalle, kein Herrenzimmer, kein Damensalon, keine Empfangs- und Repräsentationsräume, keine Vorgärten, keine Mini-Alleen, keine „Umschwünge“ ums Haus. Dafür ökologische Verantwortung…

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Professor Dr. Martin Greiffenhagen, geboren am 30. September 1928 in Bremervörde, gestorben am 2. Juni 2004 in Esslingen, war ein deutscher Politologe, von 1965-1990 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart. Sein Lebensthema war die Erforschung der politischen Kultur in Deutschland, als sein Hauptwerk gilt das mit seiner Frau Sylvia Greiffenhagen zusammen publizierte Buch „Ein schwieriges Vaterland: Zur politischen Kultur Deutschlands“.
Gespräch mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Architektur – die der Existenz nach erste Kunst

Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel

KEB: Herr Professor, die Architektur ist für Sie die erste aller Künste, wie Sie in Ihren Vorlesungen zur Ästhetik betonen?

Hegel: Die Kunst, indem sie ihren Gehalt in das wirkliche Dasein zu bestimmter Existenz heraustreten lässt, wird zu einer besonderen Kunst, und wir können deshalb jetzt erst von einer realen Kunst und damit von dem wirklichen Anfange der Kunst sprechen. Mit der Besonderheit aber, insofern sie die Objektivität der Idee des Schönen und der Kunst zuwege bringen soll, ist sogleich dem Begriffe nach eine Totalität des Besonderen vorhanden. Wenn daher hier in dem Kreise der besonderen Künste zuerst von der Baukunst gehandelt wird, so muss dies nicht nur den Sinn haben, dass sich die Architektur als diejenige Kunst hinstelle, welche sich durch die Begriffsbestimmung als die zuerst zu betrachtende ergebe, sondern es muss sich ebenso sehr zeigen, dass sie auch als die der Existenz nach erste Kunst abzuhandeln sei.

KEB: Schauen wir gemeinsam auf die Anfänge der Architektur.

Hegel: … die Hütte (liegt) als Wohnung des Menschen, der Tempel als Umschließung des Gottes und seiner Gemeinde als das Nächste da, was sich als das Anfängliche annehmen ließe. Zur näheren Bestimmung dieses Anfangs hat man dann nach dem Unterschiede des Materials gegriffen, mit welchem konnte gebaut werden, und sich gestritten, ob die Architektur vom Holzbau ausgegangen … oder vom Steinbau. Dieser Gegensatz ist allerdings von Wichtigkeit, denn er betrifft nicht nur, wie es beim ersten Blick scheinen kann, das äußere Material, sondern mit diesem äußerlichen Material stehen wesentlich auch die architektonischen Grundformen wie die Art der Ausschmückung derselben in Zusammenhang.

KEB: Die Gebäude – sind Mittel oder Zweck?

Hegel: Bei dem Hause und Tempel und sonstigen Gebäuden nämlich ist das wesentliche Moment, auf welches es hier ankommt, dass dergleichen Gebäulichkeiten bloße Mittel sind, welche einen äußerlichen Zweck voraussetzen. Hütte und Gotteshaus setzen Bewohner, den Menschen, Götterbilder usf., voraus, für welche sie aufgeführt werden. Zunächst also ist ein Bedürfnis, und zwar ein außerhalb der Kunst liegendes Bedürfnis vorhanden, dessen zweckmäßige Befriedigung die schöne Kunst nichts angeht und noch keine Kunstwerke hervorruft.

KEB: Lassen Sie uns das konkretisieren.

Hegel: Wenn sich nun aber auch innerhalb der architektonischen Zweckmäßigkeit zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, teils des täglichen Lebens, teils des religiösen Kultus oder des Staats, der Drang nach künstlerischer Gestalt und Schönheit hervortut, so haben wir bei dieser Art der Baukunst doch sogleich eine Teilung. Auf der einen Seite steht der Mensch, das Subjekt, oder das Bild des Gottes als der wesentliche Zweck, für welchen auf der anderen Seite die Architektur nur das Mittel der Umgebung, der Hülle usf. liefert. Mit solch einer Teilung in sich können wir den Anfang, der seiner Natur nach das Unmittelbare, Einfache und nicht solche Relativität und wesentliche Beziehung ist, nicht machen, sondern wir müssen einen Punkt aufsuchen, wo solch ein Unterschied noch nicht hervortritt.

KEB: Bauwerke, die in sich selbständig dastehen und ihren Zweck und ihr Bedürfnis in sich selber tragen?

Hegel: Dies ist ein Punkt von höchster Wichtigkeit, den ich noch nirgend herausgehoben gefunden habe, obschon er im Begriff der Sache liegt und allein Aufschluss über die mannigfaltigen äußerlichen Gestaltungen und einen Faden durch das Irrgewinde architektonischer Formen geben kann. Solch eine selbständige Baukunst wird sich nun aber ebenso sehr auch von der Skulptur wieder dadurch unterscheiden, dass sie als Architektur nicht Gebilde produziert, deren Bedeutung das in sich selbst Geistige und Subjektive ist und an sich selbst das Prinzip seiner dem Innern durchaus gemäßen Erscheinung hat, sondern Werke, die in ihrer äußeren Gestalt die Bedeutung nur symbolisch ausprägen können. Dadurch ist denn diese Art der Architektur sowohl ihrem Inhalte als ihrer Darstellung nach eigentlich symbolischer Art.

KEB: Worin liegt denn der „Beruf“ der Architektur bzw. des Architekten?

Hegel: … ihr Beruf liegt eben darin, dem für sich schon Vorhändenen Geist, dem Menschen oder seinen objektiv von ihm herausgestalteten und aufgestellten Götterbildern die äußere Natur als eine aus dem Geiste selbst durch die Kunst zur Schönheit gestaltete Umschließung heraufzubilden, die ihre Bedeutung nicht mehr in sich selbst trägt, sondern dieselbe in einem anderen, dem Menschen und dessen Bedürfnissen und Zwecken des Familienlebens, des Staats, Kultus usf. findet und deshalb die Selbständigkeit der Bauwerke aufgibt.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, gestorben am 14. November 1831 in Berlin, war ein deutscher Philosoph und gilt als wichtigster Vertreter des deutschen Idealismus.
Gespräch mit Martin Heidegger

Der Grundzug des Wohnens ist Schonen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Martin Heidegger

KEB: Herr Professor Heidegger, als Philosoph des durch die Zeit geprägten Seins pflegen Sie in sokratischer Tradition das Fragen als „die Frömmigkeit des Denkens“. In genau diesem Sinn greife ich gern eine Ihrer grundlegenden Fragen auf: Was ist das Wohnen?

Martin Heidegger: Zum Wohnen, so scheint es, gelangen wir erst durch das Bauen. Dieses, das Bauen, hat jenes, das Wohnen zum Ziel … Bauten behausen den Menschen. Er bewohnt sie und wohnt gleichwohl nicht in ihnen, wenn Wohnen nur heißt, dass wir eine Unterkunft innehaben.

KEB: Bitte etwas weniger rätselhaft.

Heidegger: Bei der heutigen Wohnungsnot bleibt … dies schon beruhigend und erfreulich; Wohnbauten gewähren wohl Unterkunft, die Wohnungen können heute sogar gut gegliedert, leicht zu bewirtschaften, wünschenswert billig, offen gegen Luft, Licht und Sonne sein, aber: bergen die Wohnungen schon die Gewähr in sich, dass ein Wohnen geschieht? … Bauen ist nämlich nicht nur Mittel und Weg zum Wohnen, das Bauen ist in sich selber bereits Wohnen.

KEB: Daraus folgt zwingend eine Ihrer folgenden Fragen, die ich ebenfalls aufgreife: Was heißt denn nun Bauen?

Heidegger: Das althochdeutsche Wort für bauen, „buan“, bedeutet wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten. Die eigentliche Bedeutung des Zeitwortes bauen, nämlich wohnen, ist uns verlorengegangen. Eine verdeckte Spur hat sich noch im Wort „Nachbar" erhalten. Der Nachbar ist der „Nachgebur", der „Nachgebauer", derjenige, der in der Nähe wohnt. … Bauen heißt ursprünglich wohnen. Wo das Wort bauen noch ursprünglich spricht, sagt es zugleich, wie weit das Wesen des Wohnens reicht. Bauen … ist nämlich unser Wort "bin" in den Wendungen: ich bin, du bist, die Imperativform bis, sei.

KEB: Was heißt dann in dem von Ihnen gebrauchten Sinn: ich bin?

Heidegger: Das alte Wort bauen, zu dem das "bin" gehört, antwortet: "ich bin", "du bist" besagt: ich wohne, du wohnst. Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen.

KEB: Daraus leiten Sie auch eine Verpflichtung des Menschen existentieller Art für das „auf der Erde Sein“ an sich ab?

Heidegger: Was das Bauen von Bauten in seinem Wesen sei, können wir nicht einmal zureichend fragen, geschweige denn sachgemäß entscheiden, solange wir nicht daran denken, dass jedes Bauen in sich ein Wohnen ist. Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen, das heißt als die Wohnenden sind. Doch worin besteht das Wesen des Wohnens? Hören wir noch einmal auf den Zuspruch der Sprache: Das altsächsische „wunon“, das gotische „wunian“ bedeuten ebenso wie das alte Wort bauen das Bleiben, das Sich- Aufhalten. Aber das gotische „wunian“ sagt deutlicher, wie dieses Bleiben erfahren wird. Wunian heißt: zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben. Das Wort Friede meint das Freie, das Frye, und fry bedeutet: bewahrt vor Schaden und Bedrohung, bewahrt — vor … das heißt geschont. Freien bedeutet eigentlich schonen. Das Schonen selbst besteht nicht nur darin, dass wir dem Geschonten nichts antun. Das eigentliche Schonen ist etwas Positives und geschieht dann, wenn wir etwas zum Voraus in seinem Wesen belassen, wenn wir etwas eigens in sein Wesen zurückbergen, es entsprechend dem Wort freien: einfrieden. Wohnen, zum Frieden gebracht sein, heißt: eingefriedet bleiben in das Frye, d. h. in das Freie, das jegliches in sein Wesen schont. Der Grundzug des Wohnens ist dieses Schonen. Er durchzieht das Wohnen in seiner ganzen Weite. Sie zeigt sich uns, sobald wir daran denken, dass im Wohnen das Menschsein beruht und zwar im Sinne des Aufenthalts der Sterblichen auf der Erde.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Martin Heidegger, geboren am 26. September 1889 in Messkirch, gestorben am 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau, war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit seinem ersten Hauptwerk „Sein und Zeit“ beabsichtigte er die denkerische Grundlegung für ein neues Weltverständnis. Dazu gehörte nicht zuletzt ein besonderes Verständnis von „Wohnen“, das er in einem existentiellen Sinn deutete: Der Mensch solle nicht über die Erde herrschen, sondern in ihr als sterblicher Gast wohnen und sie schonen. Entsprechend kritisch Heideggers Ausführungen zum Thema „Technik“, deren globale Verbreitung und ihre damit verbundene schonungslose „Vernutzung“ natürlicher Ressourcen er unabweisbar als existentielles Risiko der Menschheit deutete.
Gespräch mit Heinrich Heine

Schickt einen Philosophen nach London

Kurt E. Becker im Gespräch mit Heinrich Heine

KEB: 1827 hatten Sie London, heute zusammen mit New York und Paris eine der Metropolen der westlichen Welt, besucht. Was waren Ihre Eindrücke und warum sollte ein Philosoph die britische Hauptstadt besuchen?

Heine: Schickt einen Philosophen nach London … er wird hier mehr lernen, als aus allen Büchern der Leipziger Messe; und wie die Menschenwogen ihn umrauschen, so wird auch ein Meer von neuen Gedanken vor ihm aufsteigen, der ewige Geist, der darüber schwebt, wird ihn anwehen, die verborgensten Geheimnisse der gesellschaftlichen Ordnung werden sich ihm plötzlich offenbaren, er wird den Pulsschlag der Welt hörbar vernehmen und sichtbar sehen – denn wenn London die rechte Hand der Welt ist, die tätige, mächtige rechte Hand, so ist jene Straße, die von der Börse nach Downing Street führt, als die Pulsader der Welt zu betrachten.

KEB: Das wäre geklärt. Bliebe die Frage nach dem Poeten, den Sie im Zusammenhang mit London ja ebenfalls ins Spiel bringen…

Heine: … schickt keinen Poeten nach London! Dieser bare Ernst aller Dinge, diese kolossale Einförmigkeit, diese maschinenhafte Bewegung, diese Verdrießlichkeit der Freude selbst, dieses übertriebene London erdrückt die Phantasie und zerreißt das Herz.

KEB: Mit welcher Erwartung waren Sie nach London gereist? Und wie haben Sie die Londoner Realität erlebt?

Heine: Ich erwartete große Paläste und sah nichts als lauter kleine Häuser. Aber eben die Gleichförmigkeit derselben und ihre unabsehbare Menge imponiert so gewaltig.
 Diese Häuser von Ziegelsteinen bekommen durch feuchte Luft und Kohlendampf gleiche Farbe, nämlich bräunliches Olivengrün; sie sind alle von derselben Bauart, gewöhnlich zwei oder drei Fenster breit, drei hoch und oben mit kleinen roten Schornsteinen geziert, die wie blutig ausgerissene Zähne aussehen, dergestalt, dass die breiten, regelrechten Straßen, die sie bilden, nur zwei unendlich lange kasernenartige Häuser zu sein scheinen. Dieses hat wohl seinen Grund in dem Umstande, dass jede englische Familie, und bestände sie auch nur aus zwei Personen, dennoch ein ganzes Haus, ihr eignes Kastell, bewohnen will, und reiche Spekulanten, solchem Bedürfnis entgegenkommend, ganze Straßen bauen, worin sie die Häuser einzeln wieder verhökern.

KEB: Und was war Ihr Eindruck von der City, dem eigentlichen urbanen Kern Londons?

Heine: In den Hauptstraßen der City, demjenigen Teil Londons, wo der Sitz des Handels und der Gewerke, wo noch altertümliche Gebäude zwischen den neuen zerstreut sind, und wo auch die Vorderseiten der Häuser mit ellenlangen Namen und Zahlen, gewöhnlich goldig und Relief, bis ans Dach bedeckt sind: da ist jene charakteristische Einförmigkeit der Häuser nicht so auffallend, umso weniger, da das Auge des Fremden unaufhörlich beschäftigt wird, durch den wunderbaren Anblick neuer und schöner Gegenstände, die an den Fenstern der Kaufläden ausgestellt sind.

KEB: Und last not least ein Wort zum West End, bitte.

Heine: Auf der entgegengesetzten Seite Londons, die man das Westende nennt, the West End of the town, und wo die vornehmere und minder beschäftigte Welt lebt, ist jene Einförmigkeit noch vorherrschender; doch gibt es hier ganz lange, gar breite Straßen, wo alle Häuser groß wie Paläste, aber äußerlich nichts weniger als ausgezeichnet sind, außer dass man hier, wie an allen nicht ganz ordinären Wohnhäusern Londons, die Fenster der ersten Etage mit eisengittrigen Balkonen verziert sieht und auch au rez de chaussée ein schwarzes Gitterwerk findet, wodurch eine in die Erde gegrabene Kellerwohnung geschützt wird. Auch findet man in diesem Teile der Stadt große Squares: Reihen von Häusern gleich den obenbeschriebenen, die ein Viereck bilden, in dessen Mitte ein von schwarzem Eisengitter verschlossener Garten mit irgendeiner Statue befindlich ist. Auf allen diesen Plätzen und Straßen wird das Auge des Fremden nirgends beleidigt von baufälligen Hütten des Elends. Überall starrt Reichtum und Vornehmheit, und hineingedrängt in abgelegene Gässchen und dunkle, feuchte Gänge wohnt die Armut mit ihren Lumpen und ihren Tränen.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Christian Johann Heinrich Heine, geboren am 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, gestorben am 17. Februar 1856 in Paris, war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet und wurde im Deutschen Bund mit Publikationsverboten belegt und verbrachte seine zweite Lebenshälfte im Pariser Exil.
Gespräch mit Victor Hugo

Die Baukunst – das große Buch der Menschheit

Kurt E. Becker im Gespräch mit Victor Hugo

KEB: Ihrer Überzeugung nach wurde das große Buch der Menschheitsgeschichte in Stein gemeißelt bzw. mit Steinen gemauert, Herr Hugo?

Hugo: In Wahrheit bildet, vom Ursprunge der Dinge an bis einschließlich zum 15. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung, die Baukunst das große Buch der Menschheit, das Hauptausdrucksmittel des Menschen in seinen verschiedenen Entwicklungszuständen, sei es nun als Macht oder sei es als Intelligenz… So ist während der sechs ersten Jahrtausende der Welt, von der urältesten Pagode Hindostans an bis zum Kölner Dome, die Baukunst die große Schreibkunst des menschlichen Geschlechtes gewesen. Und das ist dermaßen in der Wahrheit begründet, dass nicht nur jedes religiöse Sinnbild, sondern auch jeder menschliche Gedanke in diesem ungeheuern Buche seine Seite und sein Denkmal besitzt.

KEB: Mit einer erstaunlichen Entwicklungsgeschichte…

Hugo: Jede Civilisation beginnt mit der Priesterherrschaft und endigt mit der Demokratie. Dieses Gesetz freiheitlicher Entwicklung, welches an die Stelle der Einheit tritt, ist in der Baukunst niedergeschrieben. Denn, wenn wir auf diesen Punkt Gewicht legen, so muss man nicht glauben, dass die Mauerkunst vermögend sei, nur den Tempel zu bauen, nur den Mythus und die kirchliche Symbolik darzustellen, nur die geheimnisvollen Tafeln des Gesetzes auf seine steinernen Seiten in Hieroglyphenschrift einzutragen. Wenn es so wäre, wie ja in jedem menschlichen Gesellschaftszustande ein Augenblick eintritt, wo das geheiligte Sinnbild sich abnutzt und vor dem freien Gedanken verschwindet, wo der Mensch sich dem Priester entzieht, wo das Auswachsen der philosophischen Wissenschaften und Systeme die Grenzlinie der Religion durchbricht, so würde die Baukunst diesen neuen Zustand des menschlichen Geistes nicht wiedergeben können: ihre auf der Vorderseite beschriebenen Blätter würden auf der Rückseite leer bleiben, ihr Werk würde verstümmelt und ihr Buch unvollständig sein. Das geschah nun freilich nicht.

KEB: Sondern? Die Baukunst – Kulminationspunkt aller Kräfte des Menschen?

Hugo: Alle physischen und alle geistigen Kräfte der Gesellschaft liefen in demselben Punkte: der Baukunst, zusammen. In dieser Weise, und unter dem Vorwande, der Gottheit Kirchen zu bauen, entfaltete sich die Kunst in großartigen Verhältnissen…

KEB: Bis zur Erfindung des Buchdrucks…

Hugo: … bis zu Guttenbergs Auftreten war die Baukunst die hauptsächliche schriftliche Kunst, die Allgemeinschrift. Dieses granitne Buch wird im Oriente begonnen, vom griechischen und römischen Alterthume fortgesetzt, und das Mittelalter schreibt dessen letzte Seite. Übrigens zeigt sich jene Erscheinung einer Volksbaukunst, welche … die Baukunst einer Gesellschaftskaste verdrängt, bei ganz gleichartiger Richtung in der menschlichen Intelligenz, auch in andern großen Epochen der Geschichte. Also: um ein Gesetz, welches verlangen könnte, in zahlreichen Bänden aufgedeckt zu werden, hier nur summarisch darzustellen, so folgte im Innern des Morgenlandes, an der Wiege der Urzeiten, auf die Baukunst der Hindus diejenige der Phönizier, als die reiche Mutter der arabischen Baukunst; im Alterthume schloss sich an die ägyptische Baukunst, von welcher der etruskische Stil und die Cyklopenbauten nur eine Abart sind, die griechische an, von welcher der römische Stil nur eine mit dem karthagischen Gewölbe überlastete Verlängerung ist; in den neuern Zeiten trat an Stelle des romanischen der gothische Baustil. Und wenn wir diese drei Stilreihen trennen, so finden wir an den drei ältern Schwestern: der Baukunst der Hindus, der ägyptischen und der römischen, dasselbe Symbol wieder, das heißt: die Priesterherrschaft, die Kaste, die Einheit, das Dogma, den Mythos, Gott; und was die drei jüngern Schwestern: die phönizische, griechische und gothische Baukunst betrifft, so finden wir, wie groß übrigens die Formenverschiedenheit, welche ihrer Natur anhaftet, auch sein mag, gleichfalls die nämliche Bedeutung, das heißt: die Freiheit, das Volk, den Menschen.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Victor-Marie Hugo, geboren am 26 Februar 1802 in Besançon, gestorben am 22. Mai 1885 in Paris, war Schriftsteller, Publizist und Politiker und gilt neben Molière, Voltaire und Balzac vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt.
Gespräch mit Hans Jonas

„Das Prinzip Verantwortung“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Hans Jonas

KEB: Herr Professor Jonas, Sie gelten als einer der bedeutendsten Umweltethiker des 20. Jahrhunderts. In Ihrem epochalen Hauptwerk, „Das Prinzip Verantwortung“ haben Sie weitreichend Zeichen gesetzt bis in unser Jahrhundert hinein und über dieses hinaus. Unter anderem haben Sie „die universale Stadt“ als „zweite Natur des Menschen“ bezeichnet. Was genau heißt das?

Hans Jonas: Die Stadt der Menschen, einstmals eine Enklave in der nichtmenschlichen Welt, breitet sich über das Ganze der irdischen Natur aus und usurpiert ihren Platz. Der Unterschied zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen ist verschwunden, das Natürliche ist von der Sphäre des Künstlichen verschlungen worden; und gleichzeitig erzeugt das totale Artefakt, die zur Welt gewordenen Werke des Menschen, die auf ihn und durch ihn selbst wirken, eine neue Art von „Natur“, das heißt eine eigene dynamische Notwendigkeit, mit der die menschliche Freiheit in einem gänzlich neuen Sinn konfrontiert ist.

KEB: Das Zugrundegehen des Ganzen, die Auslöschung allen Lebens durch Taten des Menschen beschreiben Sie als reale Möglichkeit, deren Eintreten es zu verhindern gilt. Aber wie?

Hans Jonas: Fragen, die nie zuvor Gegenstand der Gesetzgebung waren, treten in den Umkreis der Gesetze ein, die die globale „Stadt“ sich geben muss, auf dass es eine Welt für die kommenden Geschlechter der Menschen gebe.

Dass es in alle Zukunft eine solche Welt geben soll – eine Welt geeignet für menschliche Bewohnung – und dass sie in alle Zukunft bewohnt sein soll von einer dieses Namens würdigen Menschheit, wird bereitwillig bejaht werden als ein allgemeines Axiom oder als überzeugende Wünschbarkeit spekulativer Phantasie (so überzeugend und so unbeweisbar wie der Satz, dass die Existenz einer Welt überhaupt besser sei als die Existenz keiner): aber als moralische Proposition, nämlich, als eine praktische Verpflichtung gegenüber der Nachwelt einer entfernten Zukunft und als Prinzip der Entscheidung in gegenwärtiger Aktion, ist der Satz sehr verschieden von den Imperativen der früheren Ethik der Gleichzeitigkeit; und er hat die sittliche Bühne erst mit unseren neuartigen Kräften und der neuen Reichweite unseres Vorherwissens betreten. Die Anwesenheit des Menschen in der Welt war ein erstes und fraglos Gegebenes gewesen, von dem jede Idee der Verpflichtung im menschlichen Verhalten ihren Ausgang nahm: jetzt ist sie selber ein Gegenstand der Verpflichtung geworden – der Verpflichtung nämlich, die erste Prämisse aller Verpflichtung, das heißt eben das Vorhandensein bloßer Kandidaten für ein moralisches Universum in der physischen Welt, für die Zukunft zu sichern; und das heißt unter anderem, diese physische Welt so zu erhalten, dass die Bedingungen für ein solches Vorhandensein intakt bleiben; und das heißt, ihre Verletzlichkeit vor einer Gefährdung dieser Bedingungen zu schützen.

KEB: Daraus leiten Sie eine Art „Nachhaltigkeitsimperativ“ ab – konkret bezogen auf den einzelnen Menschen. Was sind Ihre Handlungs-Maximen?

Hans Jonas: „Handle so, dass die Wirkung deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“; oder negativ ausgedrückt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens“; oder einfach: „Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden“; oder, wieder positiv gewendet: „Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein“.

KEB: Dieser Imperativ ist ein Imperativ des künftigen Seins der Menschen auf ihrem Planeten Erde.

Hans Jonas: … der neue Imperativ sagt eben, dass wir zwar unser eigenes Leben, aber nicht das der Menschheit wagen dürfen; und dass Achill zwar das Recht hatte, für sich selbst ein kurzes Leben ruhmreicher Taten vor einem langen Leben ruhmloser Sicherheit zu wählen (unter der stillschweigenden Voraussetzung nämlich, dass eine Nachwelt da sein wird, die von seinen Taten zu erzählen weiß); dass wir aber nicht das Recht haben, das Nichtsein künftiger Generationen wegen des Seins der jetzigen zu wählen oder auch nur zu wagen…

Homo faber kehrt seine Kunst auf sich selbst und macht sich dazu fertig, den Erfinder und Verfertiger alles Übrigen erfinderisch neu zu fertigen. Diese Vollendung seiner Gewalt, die sehr wohl die Überwältigung des Menschen bedeuten kann, diese letzte Einsetzung der Kunst über die Natur, fordert die letzte Anstrengung ethischen Denkens heraus, das nie zuvor wählbare Alternativen zu dem was für die definitiven Gegebenheiten der Menschenverfassung galt, ins Auge zu fassen hatte.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Hans Jonas, geboren am 10. Mai 1903 in Mönchengladbach, gestorben am 5. Februar 1993 in New Rochelle/USA, lehrte von 1955 bis 1976 als Professor an der New School for Social Research in New York, war ein jüdisch deutsch-amerikanischer Philosoph und als solcher einer der bedeutendsten Umweltethiker des 20. Jahrhunderts.
Gespräch mit Harry Graf Kessler

Architektur setzt einen Zweck voraus

Kurt E. Becker im Gespräch mit Harry Graf Kessler

KEB: Graf, Sie haben eine dezidierte Meinung zum Thema Architektur...

Graf Kessler: Architektur setzt auch immer einen Zweck voraus, der über den Architekten und über das Architekturwerk hinausliegt.

KEB: Ihre Interessen sind vieldimensional. Dementsprechend auch Ihr Nachdenken über Architektur auch hinein ins Religiöse.

Graf Kessler: … die Liturgie berücksichtigte von Anfang an die Durchkreuzung des religiösen Gefühls durch das am Sinnesreiz haftende Sinnesgefühl; und in dem Maße, in dem ihr die organische und klare Verkettung dieser verschiedenen Seelenvorgänge gelang, erreichte sie einerseits die von ihr erstrebte Reinheit der religiösen Gefühlsfarben, näherte sie sich aber andererseits auch der Poesie. Ihr Triumph, in dem die Verschmelzung zum ersten Mal ganz und untrennbar gelang, war der christliche Dom.

KEB: Mit dem christlichen Dom hat es konkret welche Bewandtnis?

Graf Kessler: Beim Dom konnte sich das von der Liturgie geschaffene Gewebe von Phantasie und Gefühlsfarben einer poetischen Konzeption einfügen, die ganz ausgebildet war, die also auch bestimmte und klare Sinnesgefühle einschloss. Denn gleichzeitig mit der Ausbildung der liturgischen Symbolik verwandelte sich die rhythmisch-harmonische Architektur der antiken Basilika aus praktischen, nicht liturgischen Ursachen in eine poetische, das heißt in eine Architektur, die durch die Phantasiereize der Masse und des Gleichgewichts wirken will.

KEB: Die christliche Architektur im Vergleich zur griechischen hat ihre Besonderheiten und vice versa.

Graf Kessler: Die griechische Architektur hatte diese poetische Wirkung auf die Phantasie zurücktreten lassen hinter der rhythmisch-harmonischen auf das Auge; sie kannte als konstruktive Glieder nur die Säule und die aus ihr folgenden Bauteile, die bestenfalls den Sinn der Säule verdeutlichen; der Aufbau sagte deshalb zur Phantasie bei jeder Verwendung dasselbe. – Es spricht für die Tiefe der durch die Gotik herbeigeführten Veränderung des architektonischen Gesichtspunkts, dass feine und geistreiche Ästhetiker wie Burckhardt und Schopenhauer dem beweglichen Geist der Griechen vertrauten, er habe sich immer wieder bei dieser für ihn selbstverständlichen Einfachheit des Stützens aufgehalten.... Man braucht nur an die Berliner Wachen zu denken, die nichts weiter als den Reiz des strammen Stützens haben, diesen aber auch künstlerisch mit voller Ausdrücklichkeit, um die verbreitete ästhetische Einschätzung des griechischen religiösen Monumentalgeschmacks als sachte Komik zu genießen.

KEB: Und dann die Verwandlung der Kirchenarchitektur...

Graf Kessler: Der Wunsch, die Schiffe der antik-christlichen Kirche einzuwölben, ist es gewesen, der die Verwandlung der Kirchenarchitektur in eine poetische einleitete. Er veränderte die Struktur des Baus gerade in den Jahrhunderten, in denen die hellenischen, rhythmisch-harmonischen Formen Reiz und Verständnis verloren; an die Stelle des Säulenrhythmus, der das Auge von Bogen zu Bogen zum Mosaikglanz des Bischofsthrons und der Apsis leitet, rückte deshalb in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit das Gleichgewicht der Gewölbe zwischen den Rippen und Widerlagern und Strebebogen, die wie lauter lebendige und verschieden beschäftigte Glieder die Wölbungen über den Schiffen emporhalten.

KEB: Innen- und Außen-Wahrnehmung des Doms haben ihre spezifischen Besonderheiten?

Graf Kessler: Aus diesem ersten Appell an die Phantasie folgte ein zweiter. Denn die ganze Domstruktur lässt sich nirgends mit einem Blick übersehen. Draußen fassen die Glieder und schließen zusammen, ohne zu zeigen, was sie fassen; das Innere aber wird von Kräften, die hier zum größeren Teile unsichtbar sind, geheimnisvoll emporgehalten. Der Dom entfaltete sich zu einer Konzeption, die daher nicht nur poetisch, sondern sozusagen dramatisch ist; sein Äußeres gleicht einer Exposition; die sichtbar tragende Kraft seiner Widerlager und Strebebogen reizt die Phantasie, ohne sie draußen durch sichtbar Gewölbtes, das den aufgetürmten Kräften widerstrebt, zu befriedigen; aber die Spannung löst sich in der schwebenden Majestät des Inneren.

KEB: Schließlich die poetische Konstruktion des Doms?

Graf Kessler: ...deshalb ist, was hier entstand, eine neue, eigene Konzeption. Diese Konzeption ist weder mit der Poesie erschöpft, die aus der Architektur allein sprechen würde, noch mit dem, was die Liturgie ursprünglich gibt. Dem liturgischen Gewebe von Phantasie und Gefühlsfarben fehlt zur Kunst die Form; durch die Architektur des Domes ergänzt es sich zur Poesie.

KEB: Ich danke für das Gespräch, Graf Kessler.

Harry Clemens Ulrich Graf von Kessler, geboren am 23. Mai 1868 in Paris, gestorben am 30. November 1937 in Lyon, begraben auf dem Père Lachaise in Paris, war ein in Frankreich und England aufgewachsener deutscher Schriftsteller, Publizist, Kunstsammler, Mäzen, Pazifist und Globetrotter, Anhänger Friedrich Nietzsches, Förderer der Berliner Sezession und Mitbegründer des Deutschen Künstlerbunds, befreundet mit Henry van der Velde und Hugo von Hofmannsthal, war der „Geschmackspapst“ seiner Generation und gilt als „Flaneur durch die Moderne“, wie ihn eine ihm gewidmete Ausstellung in Berlin 2016 titulierte.
Gespräch mit Friedrich Albert Lange

Verfall unsrer Cultur

Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Albert Lange

KEB: Herr Professor, das Beispiel „Stadt“ dient Ihnen zur Erläuterung des großen Ganzen des zu Ihrer Zeit modernen Wirtschaftens. Was ist Ihre initiale Überlegung?

Lange: Man betrachte eine europäische Weltstadt, deren Millionen jeden Morgen mit den mannigfachsten Bedürfnissen erwachen. Während die Mehrzahl noch im tiefsten Schlummer liegt, wird schon eifrig für Alle gesorgt. Hier rollt ein schwerer Wagen mit Gemüse beladen durch die Vorstadt, dort wird fettes Vieh zum Schlachthause geführt; der Bäcker steht vor dem glühenden Ofen und der Milchhändler lenkt seinen Wagen von Haus zu Haus. Hier wird ein Pferd an die Droschke gespannt, um unbekannte Personen von Ort zu Ort zu befördern, dort öffnet ein Kaufmann seinen Laden, indem er schon den Umschlag des Tages berechnet, ohne irgendeinen Kunden mit Bestimmtheit erwarten zu können.

KEB: Wodurch wird diese Betriebsamkeit motiviert? Ihre Antwort ist kurz und bündig: „Nur durch das Geschäft, nur durch das Interesse.“ Ihre Begeisterung dafür, dass, wie wir heute sagen würden, ausschließlich die „Privatwirtschaft“ der Motor dieser Geschäftigkeit ist, hält sich in Grenzen…

Lange: Durch solche und ähnliche Betrachtungen sucht man häufig zu beweisen, wie nöthig es sei, der Interessen-Wirthschaft die Sorge für das Wohl der Menschen zu überlassen.

KEB: Das sehen Sie anders? Wird dabei Wesentliches übersehen?

Lange: Die ganze Betrachtung ist eine Abstraction, welche nur die eine Seite der Wirklichkeit hervorhebt. Es werden keineswegs alle gerechtfertigten Bedürfnisse befriedigt, und sofern sie befriedigt werden, wird dies in unzähligen Fällen nicht durch die blosse Maxime des Eigennutzes bewerkstelligt, sondern unter Beihülfe von Mitleiden, Freundschaft, Dankbarkeit, Gefälligkeit und andern Motiven, die dem Egoismus entgegenwirken.

KEB: Es gibt weitere Erwägungen, die Ihrer Überzeugung nach übersehen werden?

Lange: Der ganze Mechanismus der Bedürfnis-Versorgung ist das Resultat endloser Sorgen und Opfer, die bei einer äusserlichen Betrachtung verschwinden, in denen aber die Geschichte von Generationen verborgen ist. Sehr viele Einrichtungen, welche jetzt das Interesse ausbeutet, sind ursprünglich der Menschenliebe, dem Wissensdrang, dem Gemeinsinn entsprossen, wären ohne diese menschlichen Eigenschaften niemals in‘s Leben getreten und würden mit der Zeit verfallen, wenn nicht dieselben Eigenschaften eine zeitgemäße Umgestaltung oder Ersatz durch andre Mittel zu schaffen wüssten.

KEB: Ihre Schlussfolgerung?

Lange: Der Boden des geschichtlich Gewordenen kommt ebensowohl jedem andern Princip zugute, wie dem des Egoismus. Jedes System, einerlei ob communistisch oder individualistisch, wird zur Utopie, wenn es nicht an das Bestehende anknüpft, und die Geltendmachung des einen oder des andern Princips bedeutet in der Praxis nur die Richtung, in welcher die fernere Entwicklung erfolgen soll. Es handelt sich nicht darum, ob der Einfluss der Interessen bei der bestehenden Bedürfnis-Versorgung groß oder klein ist, sondern ob es heilsam und zeitgemäß ist, ihn relativ größer oder relativ geringer zu machen.

KEB: Im Finale heißt das was konkret?

Lange: In dem letzteren Punkte namentlich culminirt die ganze Bedeutung der Frage, ob der Egoismus das Moralprinzip der Zukunft sein kann. Dass er factisch nach wie vor eine große Rolle spielen wird, ist sicher. Nach unsern Erörterungen dürfte es aber ebenfalls sicher sein, dass eine fernere Steigerung des Individualismus nicht einen neuen Aufschwung, sondern nur den Verfall unsrer Cultur bedeuten könnte.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Friedrich Albert Lange, geboren am 28. September 1828 in Solingen, gestorben am 21. November 1875 in Marburg, war ein deutscher Philosoph, Pädagoge und Ökonom, der nach wechselvollen Jahren als Gymnasiallehrer und Redakteur zunächst Professor für induktive Philosophie in Zürich und schließlich auf einen philosophischen Lehrstuhl an die Universität Marburg berufen wurde, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Er gilt als Begründer der Marburger Schule des Neukantianismus. Sein Hauptwerk, „Die Geschichte des Materialismus“, ist eigentlich eine „Philosophie des Materialismus“ und lohnt auch heute noch, in die Hand genommen zu werden.
Gespräch mit Adolf Loos

Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Adolf Loos

KEB: Herr Loos, Sie gehören zweifellos zu den Wegbereitern der Moderne in der Architektur – obwohl oder vielleicht gerade weil Sie gegen einen bestimmten Geist und Stil der Baukunst in Ihrer Zeit opponiert hatten. Vielleicht beginnen wir unser Gespräch mit Ihrem Urteil über Ihre Kollegen, die Architekten.

Loos: Die Architektur gehört nicht unter die Künste. Nur ein ganz kleiner Teil der Architektur gehört der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal. Alles, was einem Zweck dient, ist aus dem Reiche der Kunst auszuschließen…

KEB: Dem Architekten sprechen Sie sogar jegliche „Kultur“ ab...

Loos: Der Architekt hat wie fast jeder Stadtbewohner keine Kultur. Im fehlt die Sicherheit des Bauern, der Kultur besitzt. Der Stadtbewohner ist ein Entwurzelter.

KEB: Was ist für Sie Kultur?

Loos: Ich nenne Kultur jene Ausgeglichenheit des inneren und äußeren Menschen, die allein ein vernünftiges Denken und Handeln verbürgt. … Die Geschichte der Menschheit hatte bisher noch keine Periode der Kulturlosigkeit zu verzeichnen. Diese Periode zu schaffen war dem Stadtmenschen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vorbehalten. Bis dahin blieb die Entwicklung unserer Kultur in schönem gleichmäßigem Fluss. Man gehorchte der Stunde und sah nicht vorwärts und nicht rückwärts.

KEB: Und dann trat der Mensch quasi aus seiner ihm spezifisch eigenen Kulturgeschichte heraus. Kitsch, ohne dass Sie den beim Namen nennen, war die Folge?…

Loos: Da gab es Hausrat, der wie Häuser mit Säulen und Gesimsen versehen war … da gab es vor allem Ornamente. Und da der Handwerker, weil er ein moderner, kultivierter Mann war, nicht imstande war, Ornamente zu zeichnen, gründete man Schulen, in denen gesunde junge Menschen so lange verbogen wurden, bis sie es konnten.

KEB: Die Konsequenz?

Loos: Der Maurermeister, der Baumeister erhielt einen Vormund. Der Baumeister konnte nur Häuser bauen: im Stile seiner Zeit. Aber der, der in jedem vergangenen Stile bauen konnte, der, der aus dem Kontakt mit seiner Zeit gekommen war, der entwurzelte und verbogene, er wurde der herrschende Mann, er, der Architekt.

KEB: Ihre Kritik gilt vornehmlich dem Ornament.

Loos: …der Weg der Kultur ist ein Weg vom Ornament weg zur Ornamentlosigkeit! Evolution der Kultur ist gleichbedeutend mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande.

KEB: Mit dem Ornament wurde die Kultur „nervös“?

Loos: Die nervöse Eitelkeit war den alten Meistern fremd. Die Formen hatte die Tradition bestimmt. Nicht die Formen änderten sie. Sondern die Meister waren nicht imstande, die feste, geheiligte, traditionelle Form unter allen Umständen treu zu verwenden. Neue Aufgaben änderten die Form, und so wurden die Regeln durchbrochen, neue Formen entstanden. Aber die Menschen der Zeit waren einig mit der Architektur ihrer Zeit. Das neuerstandene Haus gefiel allen. Heute gefallen die meisten Häuser nur zwei Menschen: dem Bauherrn und dem Architekten.

KEB: Das Haus diene einem Bedürfnis, meinen Sie, die Kunst dagegen nicht?

Loos: Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede vom Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers. Das Haus ist es nicht. Das Kunstwerk wird in die Welt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis dafür vorhanden wäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunstwerk ist niemandem verantwortlich, das Haus einem jeden. Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ. Das Kunstwerk weist der Menschheit neue Wege und denkt an die Zukunft. Das Haus denkt an die Gegenwart. Der Mensch liebt alles, was seiner Bequemlichkeit dient. Er hasst alles, was ihn aus seiner gewonnenen und gesicherten Position reißen will und belästigt. Und so liebt er das Haus und hasst die Kunst.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Adolf Loos, geboren am 10. Dezember 1870 in Brünn, Mähren, gestorben am 23. August 1933 in Kalksburg bei Wien, war ein österreichischer Architekt, Journalist, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Architektur und als energischer Gegner des Jugendstils.
Gespräch mit Nicollò Macchiavelli

Den Wohlstand seiner Stadt befördern

Kurt E. Becker im Gespräch mit Nicollò Macchiavelli

KEB: Herr Macchiavelli, Sie gelten als einer der ersten „Consultants“, wie man heute sagen würde, und sind in Ihrem Wirken mittendrin in einer Epoche, die den modernen Individualismus begründet hat. Dieser Individualismus steckt heute, so sieht es aus, in einer Sackgasse. Was wäre Ihr Rat?

Macchiavelli: Es ist notwendig, dass die Menschen, die in irgendeiner Gesellschaftsordnung miteinander leben, häufig zur Selbsterneuerung gebracht werden – gleichgültig, ob aus Anlass äußerer oder innerer Ereignisse. Dies geschieht entweder durch ein Gesetz, das die Menschen, die zur gleichen Gemeinschaft gehören, immer wieder unter Kontrolle hält, oder durch einen wirklich tüchtigen Mann, der aus ihrer Mitte hervorgegangen ist und durch sein Beispiel und sein treffliches Wirken die gleiche Wirkung hervorbringt wie das Gesetz.

KEB: Leistung steht im Mittelpunkt unserer Wirtschaftsordnung. Wie war das zu Ihrer Zeit?

Macchiavelli: Ein Herrscher soll seine Mitbürger ermuntern, ruhig ihre Arbeit zu verrichten im Handel, in der Landwirtschaft und in jedem anderen Gewerbe, damit sich der eine nicht scheut, seinen Besitz zu mehren aus Furcht, er könnte ihm wieder genommen werden, und der andere sich aus Furcht vor Steuer nicht scheut, ein Handelgeschäft zu eröffnen. Er sollte vielmehr Belohnungen aussetzen für jeden, der solches unternehmen will und der die Absicht hat, in irgendeiner Weise den Wohlstand seiner Stadt oder seines Landes zu fördern.

KEB: Gab’s sonst noch Tipps für Ihren „Principe“ zur Beförderung der Wirtschaft und des Wohlstands einer Stadt?

Macchiavelli: In ihren öffentlichen Magazinen halten gute Herrscher stets einen Jahresbedarf an Getränken, Nahrungsmitteln und Brennholz; außerdem haben sie immer für ein Jahr Arbeitsgelegenheiten in den öffentlichen Gewerbebetrieben, die der Lebensnerv der Stadt sind und von denen das niedere Volk lebt.

KEB: Tugend war ein wichtiges Stichwort in Ihren Schriften. In diesem Zusammenhang haben Sie eine sehr pointierte Art, Ihrem Fürsten die Entfaltung menschlicher Potenziale zu empfehlen.

Macchiavelli: Die größte Kraftentfaltung zeigt sich immer da, wo der freien Wahl am wenigsten Spielraum bleibt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, Städte in unfruchtbaren Gegenden zu bauen; denn dort sind die Menschen gezwungen, tüchtig zu arbeiten, können weniger dem Müßiggang ergeben sein und müssen einiger leben, weil sie wegen der Armut der Gegend weniger Grund zu Zwistigkeiten haben.

KEB: Und wenn es doch mal zu Müßiggang kommt?

Macchiavelli: Wo aber die günstige Lage eines Landes Müßiggang zur Folge haben könnte, muss man dafür Sorge tragen, dass die Gesetze Pflichten auferlegen, zu denen die günstige Lage nicht zwingt.

KEB: In diesem Zusammenhang hatten Sie eine sehr gute Meinung von den Deutschen. Nicht zuletzt deswegen, weil die dem freien Markt abhold waren.

Macchiavelli: Diese Rechtschaffenheit in unserer Zeit findet sich eigentlich nur noch bei den Deutschen. Dies hat zwei Ursachen: die erste ist die, dass sie nur geringen Handelsverkehr mit ihren Nachbarn unterhalten haben. Sie begnügten sich stets mit den Erzeugnissen ihres Landes und kleideten sich in die Wolle, die ihnen ihre Heimat gibt. Damit war die Ursache zu jedem Verkehr und der Anfang zu jeder Verderbnis beseitigt. Die zweite Ursache ist die, dass diese Städte, die sich noch eine freie und unverdorbene Verfassung erhalten haben, keine Edelleute unter ihren Mitbürgern dulden, noch erlauben, dass einer ihrer Mitbürger ein Leben wie ein Adeliger führt. Ja mehr noch, sie achten streng auf absolute Gleichheit im Innern und sind die erbittertsten Feinde der Herren und Ritter ihres Landes, da sie den Adel für die Wurzel der Verderbnis und die Ursache jeder staatlichen Unordnung halten.

KEB: Herr Macchiavelli, sechshundert Jahre später hat sich die Welt der Deutschen sehr verändert. Wir sind zwischenzeitlich Export-Weltmeister und handeln sogar mit Immobilien. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Nicollò Macchiavelli, 1469 geboren, 1527 gestorben, war Politiker, Diplomat, Philosoph und Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit, von vielen als Theoretiker der Macht verkannt. Tatsächlich war Macchiavelli überzeugter Republikaner und betrachtete die Herrschaft eines „Principe“ lediglich als notwendiges Übergangsstadium.
Gespräch mit Karl Marx

Grundbesitz – ein Handelsartikel

Kurt E. Becker im Gespräch mit Karl Marx

KEB: Herr Marx, in der Praxis gilt Ihr „Kommunismus“ als weitestgehend gescheitert. Dennoch bescheinigen Ihnen auch Ihre Kritiker analytische Schärfe und eine bezwingende Stringenz der Gedankenführung. Was ist denn der Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen?

Karl Marx: In jeder historischen Epoche hat sich das Eigentum anders und unter ganz verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen entwickelt. Eine Definition des Eigentums als eines unabhängigen Verhältnisses, einer besonderen Kategorie, einer abstrakten und ewigen Idee geben zu wollen, kann nichts anderes sein als eine Illusion der Metaphysik oder der Jurisprudenz.

KEB: Aus dieser Einsicht folgt für Sie konkret was?

Karl Marx: Die Jeremiaden der reaktionären Parteien, die vom Grunde ihrer Seele nach der Rückkehr des Feudalismus, des schönen patriarchalischen Lebens, der einfachen Sitten und großen Tugenden unserer Vorfahren schreien. Die Unterwerfung des Bodens unter die Gesetze, die alle anderen Industrien regieren, ist und wird stets der Gegenstand interessierten Gejammers sein.

KEB: Das klingt höchst aktuell. Dieses „Gejammer“ erleben wir auch heutzutage. Aber was heißt das denn in concreto?

Karl Marx: Das Bodenkapital ist ein fixes Kapital, aber das fixe Kapital nutzt sich ebenso ab wie die zirkulierenden Kapitalien. Wäre das Bodenkapital ewig, so würden gewisse Gebiete einen ganz anderen Anblick darbieten als es heute der Fall ist. Die römische Campagna, Sizilien, Palästina, würden sich im ganzen Glanze ihrer ehemaligen Üppigkeit zeigen. Solange der Boden nicht als Produktionsmittel ausgenutzt wird, solange ist er nicht Kapital. Die Bodenkapitalien können ebenso gut vermehrt werden wie die anderen Produktionsmittel.

KEB: In diesem Zusammenhang war Ihnen ja auch durchaus das Phänomen „Globalisierung“ schon geläufig…

Karl Marx: Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt.

KEB: Als Motor dieser gesamten Entwicklung sehen Sie wesentlich die Kraft der Bourgeoisie. Auch im Blick auf die Immobilienwirtschaft ist Ihnen da einiges aufgefallen.

Karl Marx: Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen im hohen Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen.

KEB: Für die Prozesse innerhalb der Immobilienwirtschaft heißt dies konkret was?

Karl Marx: Als Rente ist der Grundbesitz mobilisiert und wird ein Handelsartikel. Die Rente ist erst von dem Moment an möglich, wo die Entwicklung der städtischen Industrie und die durch dieselbe geschaffene Organisation den Grundbesitzer zwingen, nur auf den Handelsprofit, auf den Geldertrag seiner landwirtschaftlichen Produkte zu sehen, und in seinem Grundbesitz schließlich nichts anderes zu erblicken als eine Maschine zum Geld schlagen. Die Rente hat den Grundbesitzer so vollständig vom Boden, von der Natur losgelöst, dass er nicht einmal nötig hat, seine Ländereien zu kennen, wie wir das in England sehen.

KEB: England haben Sie ja überhaupt als Paradebeispiel auch modernen immobilienwirtschaftlichen Handelns ausgemacht.

Karl Marx: In England allein ist dieses Verhältnis zwischen industriellen Kapitalisten und Grundbesitzern vollständig entwickelt.

KEB: Ein Wort zu Ihrem Begriff der „Rente“.

Karl Marx: Der Überschuss des Preises der Produkte des besseren Bodens über ihre Produktionskosten bildet eben die Rente. Die Rente stellt den Grundbesitzer gegenüber den industriellen Kapitalisten, der den Boden vermittels seiner Lohnarbeiter ausbeutet und der nur den Überschuss über die Produktionskosten, mit Einschluss des Kapitalprofits, als Part an den Grundbesitzer zahlt.
Die Lage der Grundstücke, die Nähe von Städten und noch viele andere Umstände wirken auf die Höhe der Rente ein.

KEB: Rente – das heißt Geld?!

Karl Marx: Das Geld ist nicht nur ein Gegenstand der Bereicherungssucht, es ist der Gegenstand derselben. Das Geld erscheint also ebenso sehr als Gegenstand wie Quelle der Bereicherungssucht. Was in der Tat zugrunde liegt, ist, dass der Tauschwert als solcher und damit seine Vermehrung zum Zweck wird.

KEB: Herr Marx, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Karl Heinrich Marx, geboren am 5. Mai 1818 in Trier, gestorben am 14. März 1883 in London, war Philosoph, politischer Journalist, Kritiker des Kapitalismus und gilt als einflussreichster Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. Seine Theorien werden bis heute kontrovers diskutiert.
Gespräch mit Alexander Mitscherlich

Die Stadt – ein Biotop

Kurt E. Becker im Gespräch mit Alexander Mitscherlich

KEB: Herr Mitscherlich, was sagt der Psychoanalytiker zur Entwicklung der modernen Stadt?

Mitscherlich: Der Mensch wird so, wie die Stadt ihn macht, und umgekehrt; mit fortschreitender Urbanisierung trifft das auf immer mehr Menschen zu. Oder anders ausgedrückt: Wenn Städte Selbstdarstellungen von Kollektiven sind, dann ist das, was uns hier an Selbstdarstellung begegnet, alarmierend.

KEB: Inwiefern? Was alarmiert Sie?

Mitscherlich: Eine freiheitliche Städteplanung ist so lange unmöglich, als es kein Bewusstsein ihrer Hemmnisse gibt. Nicht zu erwarten ist, dass die Institution der politischen Öffentlichkeit, also die Parteien, den Besitzstand antastende Forderungen erheben werden, solange sie nicht von der Wählerschaft unter Druck gesetzt werden.

KEB: Was hat der Besitzstand mit der von Ihnen behaupteten Unwirtlichkeit unserer Städte zu tun?

Mitscherlich: Alte Städte hatten ein Herz. Die Herzlosigkeit, die Unwirtlichkeit der neuen Bauweise hat jedoch eine ins Gewicht fallende Entschuldigung auf ihrer Seite: das Tabu der Besitzverhältnisse an Grund und Boden, welches jede schöpferische, tiefergreifende Neugestaltung unmöglich macht. Denn Privatbesitz, unbeschadet seiner unter Umständen für die Gemeinschaft tödlichen Auswirkungen, ist ein Tabu, ein Fetisch, an dem niemand zu rühren wagte. Keine der gesetzgebenden Körperschaften, keine der Parteien.

KEB: Lassen Sie uns mal ein bisschen näher auf Ihre These von der Unwirtlichkeit eingehen…

Mitscherlich: Nicht nur die ästhetische Gestalt unserer Städte ist zu bedenken, will man die Ursache ihrer Unwirtlichkeit und der verbauten Zukunft der Städter auffinden. Der Mensch und seine Umwelt sind untrennbar. Wenn es nicht nur zu einer Planung für einen enthemmten Prozess der Vermehrung und der wirtschaftlichen Produktion und des Verbrauches kommen soll, dann müssen wir ganz scharf zu sehen lernen: Was ist gelungene Anpassung und was ist Biopathologie der industriellen Massenzivilisation.

KEB: Was meinen Sie mit „Biopathologie“?

Mitscherlich: Ohne emotionelle Nachbarschaft kann keine reife Menschlichkeit entstehen. Der Mensch ist ein Sozialwesen, muss immer funktional gesehen werden; nur, wo man auf den Nachbarn angewiesen ist, macht man von ihm als Nachbarn gebrauch. In den Städten wird aber jede Anstrengung zur kommunikationslosen Bedürfnisbefriedigung unternommen. Die vollendete Auflösung der städtischen Gesellung spiegelt sich in dem Wort „Selbstbedienung“.

KEB: Was könnte Ihrer Meinung nach die Konsequenz sein?

Mitscherlich: Die Stadt ist der Geburtsort dessen, was wir bürgerliche Freiheit nennen, dieses Lebensgefühls, das sich dumpfen Herrschaftsgewalten widersetzte. Es könnte sein, dass die Struktur dessen, was wir gewohnheitsmäßig noch Stadt nennen, sich so verändert, dass sie kein Biotop mehr für freie Menschen ist, sondern eine soziale Umwelt, aus welcher, wie früher aus der natürlichen, unbegreifliche Katastrophen hereinbrechen. So optimistisch sollten wir nicht sein, zu glauben, dass der Mensch in jedem Fall am Leben bleibt. Er bleibt vielleicht am Leben, die Frage ist aber, ob als Freier, als einer also, der überhaupt mit diesem Wort Freiheit noch einen Sinn und ein Ziel verbindet. Was aus dem Biotop unserer Städte wird, trägt zu der Entscheidung bei, welche Seite in diesem Geschichtsabschnitt den Wettlauf gewinnt.

KEB: Abschließend ein Wort zum Thema „Stadt als Biotop“, bitte.

Mitscherlich: Die Stadt, in der man durch Jahrhunderte lebte, war ein Biotop. Ein Platz, an dem sich Leben verschiedenster Gestalt ins Gleichgewicht bringt und in ihm hält. Wenn also eine Stadt geplant wird, dann, so sollte man meinen, hätte der Biotop-Forscher einen Beitrag zu leisten, und ein solcher Forscher, der es mit menschlichem Verhalten unter gegebenen Verhältnissen zu tun hat, ist der Psychoanalytiker.

KEB: Herr Mitscherlich, eine wunderbare Aufgabe für die Psychoanalyse. Dank für dieses Gespräch.

Alexander Mitscherlich, geboren 1908, gestorben 1982, Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller, langjähriger Leiter des von ihm gegründeten Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt an Main, ebenda Professor für Psychologie an der Universität Frankfurt. Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – vor allem für sein architekturkritisches Werk „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“.
Gespräch mit Michel de Montaigne

Rom ist ganz Hof und Adel

Kurt E. Becker im Gespräch mit Michel de Montaigne

KEB: Während Ihrer Zeit in Rom hatten Sie auch die Hafenstadt Ostia besucht. Was waren Ihre Eindrücke auf der Rückfahrt nach Rom?

Montaigne: Die Straße von Ostia nach Rom, die via ostiensis, ist reich an Spuren ihrer einstigen Schönheit: Dammaufschüttungen in großer Zahl, viele Überreste der alten Aquaedukte und mächtige Bauruinen, die fast die ganze Strecke säumen; Zweidrittel davon sind zudem noch mit jenen schwarzen Steinplatten gepflastert, die den Römern als Straßenbelag dienten.

KEB: Interessante Mutmaßungen, die Sie im Übrigen auf Ihrer Fahrt anstellen!

Montaigne: Wenn man dieses Ufer des Tiber sieht, leuchtet einem die Mutmaßung ohne weiteres ein, dass ehedem Wohnbauten die Straße auf beiden Seiten eingerahmt hätten, von Rom bis Ostia. Unter den Ruinen fiel uns etwa auf halbem Weg zur Linken das sehr schöne Grabmal eines römischen Prätors auf, dessen Inschrift noch völlig erhalten ist.

KEB: Und das altertümliche Rom, wie wir es heute kennen, was waren Ihre Eindrücke?

Montaigne: Die Ruinen in Rom selbst hingegen bestehn meist nur noch aus den wuchtigen Überresten jener Mauern aus Ziegelstein, die ursprünglich mit Platten aus Marmor, mit einem andren weißen Stein, mit einem bestimmten Putz oder mit von diesem überdeckten großen viereckigen Tafeln verkleidet waren. Der Lauf der Zeit hat diese Verkleidungen fast überall längst versetzt; gerade auf ihnen aber standen die Inschriften. So ging uns deren Kenntnis in den meisten Fällen verloren. Nur da blieben sie erhalten, wo der Bau aus massiven Quadersteinen bestand.

KEB: Spannend auch Ihre Mutmaßungen über die Römer bei der Fahrt gen Rom!?

Montaigne: Sobald man sich Rom nähert, sieht man fast ausschließlich kahles und unbebautes Land, sei es, weil die Natur keine Kultivierung zulässt, sei es, was ich wahrscheinlicher finde, weil diese Stadt kaum Menschen hat, die von ihrer Hände Arbeit leben.

KEB: Mit interessanten Schlussfolgerungen…

Montaigne: Dieses Rom ist ganz Hof und Adel: Jeder nimmt auf seine Weise am klerikalen Nichtstun teil. Es gibt keinerlei Geschäftsstraße, wo man etwas kaufen könnte, und wenn doch einmal, dann ist sie wie im kleinsten Nest. Nur Paläste und Gärten... Die Stadt ändert kaum jemals ihr Gesicht, ob Werk- oder Feiertag.

KEB: …die Sie vielleicht auch zu einem Aphorismus in einem Ihrer Essays inspiriert haben…

Montaigne: …der Geist, vom Müßiggang verwirrt, zum ruhelosen Irrlicht wird…Wie ein durchgegangnes Pferd macht er (der Geist, KEB), sich selber heute hundertmal mehr zu schaffen als zuvor, da er für andere tätig war; und er gebiert mir soviel Schimären und phantastische Ungeheuer, immer neue, ohne Sinn und Verstand, dass ich, um ihre Abwegigkeit und Rätselhaftigkeit mir mit Gelassenheit betrachten zu können, über sie Buch zu führen begonnen habe. So hoffe ich, ihn mit der Zeit dahin zu bringen, dass er selbst sich ihrer schämt…

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Michel Eyquem de Montaigne, geboren am 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne im Perigord, gestorben am 13. September 1592 ebenda, war ein französischer Humanist und Philosoph am Ende der Renaissance und zu Beginn der Reformation sowie der beginnenden Gegenreformation, Begründer der Essayistik, lebte in den Jahren 1580/1581 mehrere Monate in Rom.
Gespräch mit Lewis Mumford

Die Stadt – Ausdruck des „Menschen in der einen Welt“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Lewis Mumford

KEB: Herr Mumford, Sie haben sich wie kaum ein Zweiter mit der Stadt und deren Entwicklung in der Geschichte auseinandergesetzt. Gehen wir zurück zum Anfang: Was können wir von der antiken Stadt lernen?

Mumford: Die antike Stadt fügte viele verstreute Organe des gemeinsamen Lebens zusammen und förderte innerhalb ihrer Mauern deren Zusammenwirken und Verschmelzung. Die gemeinschaftlichen Funktionen, denen die Stadt diente, waren wichtiger; noch wichtiger waren die gemeinschaftlichen Ziele, die sich aus der lebendigeren Art des Umgangs und der Zusammenarbeit ergaben. Dank ihrer Speichermöglichkeiten war die Stadt imstande, eine komplexe Kultur von Generation zu Generation weiterzureichen, denn sie verfügte nicht nur über die äußeren Mittel sondern auch über die Menschen, die nötig waren, um dieses Erbe zu mehren und mitzuteilen.

KEB: Soweit ein Blick zurück. In den zweitausend Jahren der abendländischen Stadtgeschichte hat sich ja zwischenzeitlich einiges getan. Was kennzeichnet Ihrer Meinung nach denn die heutige Großstadt?

Mumford: Die Endgestalt der Großstadt erscheint als Ergebnis zweier Kräfte: eine produktive Industriewirtschaft, welche Energien in einem vorher niemals verfügbaren Ausmaß nutzte, und eine händlerische Verbraucherwirtschaft, die Annehmlichkeiten und Luxusgüter vervielfachte und allmählich den ganzen Kreis der Verbraucher ausweitete.

KEB: Sie haben in diesem Zusammenhang von einer „großstädtischen Pyramide“ gesprochen. Was ist darunter zu verstehen?

Mumford: Monopolistische Organisation, Kreditfinanzierung und Geltung durch Geld – das sind die drei Seiten der großstädtischen Pyramide. Was immer sich in den großen Städten abspielt, geht schließlich auf das eine oder das andere dieser Elemente zurück. In dieser Wirtschaftsepoche ist die Metropole das natürliche Kapitalreservoir, da ihre Banken, Maklerbüros und Börsen als Sammelbecken für die Ersparnisse des umliegenden Landes dienen, im Falle von Weltstädten auch für das überschießende Kapital ausländischer Geldgeber.

KEB: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Und welches Leitbild hat denn Ihrer Meinung nach eine moderne Stadt?

Mumford: Die Gestalt der Metropole ist ihre Gestaltlosigkeit, wie auch ihr Ziel die ziellose Expansion ist. Eine expansive Wirtschaft, die nicht der Befriedigung von Lebensnotwendigkeiten dient, sondern dem Gewinnstreben, muss natürlich ein neues Leitbild der Stadt schaffen: den ewig offenen und sich stetig weiter öffnenden Schlund, der dem Druck einer unablässigen Werbung gehorcht und die Auswürfe einer wachsenden industriellen und landschaftlichen Erzeugung verschlingt. Daher ist heute die Expansion zum Selbstzweck geworden; um sie zu ermöglichen, greifen die Herren dieser Gesellschaft zu jeglicher Form von Pyramidenbau.

KEB: Welche Konsequenz hat diese Entwicklung für die Bürger der Städte?

Mumford: Nach demselben Gesetz verfällt die Stadt selber dem Verbrauch. Der Behälter muss ebenso rasch wechseln wie der Inhalt. Dieser Imperativ untergräbt aber eine der wichtigsten Funktionen der Stadt als Faktor menschlicher Beständigkeit. Das lebendige Gedächtnis der Stadt, das einstmals Generationen und Jahrhunderte miteinander verband, verschwindet; ihre Einwohner leben in einem einzigen vernichtenden Von-Augenblick-zu-Augenblick. Selbst der ärmste Wilde der Steinzeit hat niemals in einem so verkommenen und demoralisierten Gemeinwesen gelebt.

KEB: Ist das nicht ein sehr hartes Urteil?

Mumford: Das großstädtische Gemeinwesen ist in seiner ganzen Organisation darauf eingerichtet, Eigenwilligkeit und Selbstständigkeit abzutöten. Man sieht, was man sehen soll, denkt, was man denken soll. Auszuwählen, zu unterscheiden, Klugheit, Mäßigung oder Vorsicht zu üben, Selbstbeherrschung bis zur Enthaltsamkeit zu treiben, andere Maßstäbe als diejenigen des Marktes zu besitzen, sich andere Grenzen als diejenigen des alsbaldigen Verbrauchs zu setzen – das alles ist böse Ketzerei, die den ganzen Mythos von Megalopolis in Frage stellen und ihre Wirtschaft zum Erliegen bringen würden.

KEB: Das klingt alles sehr pessimistisch, Herr Mumford. Gibt es Ihrer Meinung nach einen Ausweg aus diesem von Ihnen diagnostizierten Dilemma?

Mumford: Eine brauchbare Lösung dieses Problems, um das sich die ganze Zukunft unserer städtischen Kultur dreht, hängt davon ab, dass wir das Bild einer organischeren Welt entwickeln, welches allen Dimensionen der lebendigen Organismen und der menschlichen Persönlichkeit gerecht wird. Daher ist für die Weiterentwicklung der Stadt in unserer Zeit eine der wichtigsten Voraussetzungen, dass wir die wesentlichen Verrichtungen und Werte zurückgewinnen, die erstmals in den antiken Städten, vornehmlich in Griechenland, verkörpert waren. Daher müssen wir uns jetzt die Stadt nicht in erster Linie als einen Ort vorstellen, wo man Geschäfte macht oder regiert, sondern als wichtiges Organ, das der neuen menschlichen Persönlichkeit Ausdruck verleiht und Geltung verschafft. Der Persönlichkeit des „Menschen in der einen Welt“.

Lewis Mumford, geboren 1895, gestorben 1990, US-Amerikaner, interdisziplinärer Denker mit großem Einfluss auf Stadtplanung und Architektur im 20. Jahrhundert. Wesentliches Anliegen: Eine menschengerechte Stadt- und Regionalplanung. Hauptwerk: Die Stadt. Geschichte und Ausblick
Gespräch mit Sir Thomas Morus

Utopia: Kein Eigentum, Häuserwechsel alle 10 Jahre

Kurt E. Becker im Gespräch mit Sir Thomas Morus

KEB: Sir, Sie gelten zeitlebens als unparteilich und Humanist, ganz gewiss keine einfachen Voraussetzungen zur Erfüllung Ihrer Aufgaben am Hof Heinrich VIII. Erasmus von Rotterdam, Ihr kongenialer Freund, hat Ihnen sein berühmtes Werk „Lob der Torheit“ gewidmet. Ganz in diesem Geist des frühen Humanismus haben Sie Ihrerseits „Utopia“ in der Absicht zu Papier gebracht, „die beste Verfassung eines Staates“ zu konzipieren. Beschränken wir uns in unserem kleinen Gespräch auf Ihre Ausführungen zur Hauptstadt Utopias.

Morus: Wer eine Stadt kennt, kennt alle: so völlig ähnlich sind sie einander, soweit nicht die Beschaffenheit des Geländes dem entgegensteht. Ich will deshalb irgendeine beschreiben; es kommt nämlich wirklich nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? Denn keine verdient es mehr, da dieser Stadt die übrigen die Würde als Sitz des Senats übertragen haben und da ich sie infolge meines ununterbrochenen fünfjährigen Aufenthaltes dort besser als jede andere kenne.

KEB: Beschreiben Sie bitte die stadtplanerische Konzeption von Amaurotum.

Morus: Amaurotum also liegt am flachen Abhange eines Berges und ist fast quadratisch angelegt. Denn in voller Breite beginnt die Stadt ein wenig unterhalb des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen weit bis zum Flusse Anydrus, wobei sie sich längs des Ufers beträchtlich länger hinzieht. Der Anydrus entspringt aus einer schwachen Quelle 80 Meilen oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zufluss anderer Wasserläufe, darunter zweier von mittlerer Größe, wasserreicher und breiter und ist vor der Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf nimmt er an Breite noch mehr zu und mündet dann 60 Meilen weiter in den Ozean. Auf dieser ganzen Strecke zwischen der Stadt und dem Meere sowie noch ein paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen Ebbe und Flut in ihrem sechsstündigen Wechsel den schnellen Lauf des Flusses. Wenn die Meeresflut 30 Meilen tief eindringt, drängt sie das Wasser des Flusses zurück und füllt sein Bett vollständig mit ihren Wellen. Das Flusswasser nimmt dann noch ein ganzes Stück weiter stromaufwärts den Salzgeschmack des Meeres an; von da ab wird es allmählich wieder süß, fließt klar durch die Stadt und drängt der bei Ebbe zurückströmenden Flut fast bis zur Mündung rein und unvermischt nach.
Die Brücke, die Amaurotum mit dem gegenüberliegenden Ufer verbindet, besteht nicht aus hölzernen Pfeilern und Balken, sondern ist ein Steinbau mit einem wunderschönen Brückenbogen. Sie befindet sich an der Stelle, die vom Meere am weitesten entfernt ist, damit die Schiffe an dieser ganzen Seite der Stadt ungehindert entlangfahren können.
Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen und Schutzwehren umgibt die Stadt auf allen Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter und durch Dorngestrüpp unwegsamer Graben umzieht die Stadtmauer auf drei Seiten; auf der vierten dient der Fluss selbst als Wehrgraben.
Die Straßen sind ebenso zweckmäßig für den Wagenverkehr wie für den Windschutz angelegt. Die Häuser sind keineswegs unansehnlich; man übersieht ihre lange und längs der ganzen Straße ununterbrochene Reihe von der gegenüberliegenden Häuserfront aus. Der Weg zwischen diesen beiden Fronten ist 30 Fuß breit. An der Rückseite der Häuser zieht sich die ganze Straße entlang eine breite Gartenanlage hin, die von der Rückseite anderer Häuserreihen eingezäunt ist.

KEB: In Ihrem Utopia gibt es kein Privateigentum. Sogar die Häuser werden regelmäßig gewechselt, sodass sich jeder Bewohner verpflichtet fühlt, das jeweilige Haus in einem guten Zustand zu erhalten.

Morus: … so wenig ist irgendwo etwas Eigentum eines Einzelnen; denn sogar die Häuser wechselt man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie.

KEB: Sogar an die Durchmischung der Hauptstadt mit Park- und Gartenanlagen haben Sie gedacht.

Morus: Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier große Stücke. In ihnen haben sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, dass es alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge in der Pflege der einzelnen Gärten. Und sicherlich wird man nicht leicht in der ganzen Stadt etwas finden, was für die Bürger nützlicher oder unterhaltsamer wäre, und, wie es scheint, hat deshalb auch der Gründer des Reiches auf nichts größere Sorgfalt verwendet als auf derartige Gärten.

KEB: An Nachhaltigkeit und nachhaltige Bauweise haben Sie ebenfalls gedacht.

Morus: Wie es nämlich heißt, hat Utopus selber gleich von Anfang an diesen ganzen Plan der Stadt festgelegt. Die Ausschmückung jedoch und den weiteren Ausbau überließ er den Nachkommen in der Erkenntnis, dass ein Menschenalter dazu nicht ausreichen werde. Daher steht in den Geschichtsbüchern der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit Eroberung der Insel umfassen, fleißig und gewissenhaft geschrieben sind und von ihnen aufbewahrt werden, die Häuser seien im Anfang niedrig gewesen, eine Art Baracken und Hütten, ohne Sorgfalt aus irgendwelchem Holz errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und Strohdächern. Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher Bau von drei Stockwerken; die Außenseite der Wände besteht aus Granit oder einer anderen harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig mit Schutt ausgefüllt wird. Die Dächer sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse belegt, die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, dass sie nicht brennt und noch wetterfester als Blei ist. Vor den Winden schützen sich die Utopier durch Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird; bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dünne Leinwand, die sie mit durchsichtigem Öl oder einer Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den doppelten Vorteil, dass mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird.

KEB: Ich danke für dieses Gespräch.

Sir Thomas Morus, geboren wahrscheinlich am 7. Februar 1478 in London, hingerichtet am 6. Mai 1535 ebenfalls in London, war ein englischer Staatsmann, Lordkanzler unter Heinrich VIII. und humanistischer Autor der Renaissance. Weil er seinem König den Treueeid verweigerte, wurde er zum Tode verurteilt und auf dem Tower Hill in London enthauptet.
Gespräch mit Friedrich Nietzsche

Geplagte Sklaven der drei M

Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Nietzsche

KEB: Herr Nietzsche, eine allzu hohe Meinung haben Sie nicht von den Architekten und Stadtplanern in Ihrer Zeit?!

Nietzsche: Ich gehe durch die neuen Straßen unserer Städte und denke, wie von allen diesen gräulichen Häusern, welche das Geschlecht der öffentlich Meinenden sich erbaut hat, in einem Jahrhundert nichts mehr steht, und wie dann auch die Meinungen dieser Häuserbauer umgefallen sein werden. Wir haben uns über unser Dasein vor uns selbst zu verantworten; folglich wollen wir auch die wirklichen Steuermänner dieses Daseins abgeben und nicht zulassen, dass unsere Existenz einer gedankenlosen Zufälligkeit gleiche.

KEB: Woran mangelt es?

Nietzsche: Stille und Weite, weit gedehnte Orte zum Nachdenken, Orte mit hochräumigen langen Hallengängen für schlechtes oder allzu sonniges Wetter, wohin kein Geräusch der Wagen und der Ausrufer dringt und wo ein feinerer Anstand selbst dem Priester das laute Beten untersagen würde: Bauwerke und Anlagen, welche als Ganzes die Erhabenheit des Sich-Besinnens und Beiseitegehens ausdrücken.

KEB: Ihr Ideal eines Gebäudes?

Nietzsche: An einem griechischen oder christlichen Gebäude bedeutet ursprünglich Alles Etwas, und zwar in Hinsicht auf eine höhere Ordnung der Dinge: diese Stimmung einer unausschöpflichen Bedeutsamkeit lag um das Gebäude gleich einem zauberhaften Schleier. Schönheit kam nur nebenbei in das System hinein, ohne die Grundempfindung des Unheimlich-Erhabenen, des durch Götternähe und Magie Geweihten, wesentlich zu beeinträchtigen; Schönheit milderte höchstens das Grauen, – aber dieses Grauen war überall die Voraussetzung. – Was ist uns jetzt die Schönheit eines Gebäudes? Das Selbe wie ein schönes Gesicht einer geistlosen Frau: etwas Maskenhaftes.

KEB: …das schöne Gesicht einer geistlosen Frau: Kommen wir zu Ihrem Urteil über die Menschen, die in Gebäuden und Städten wohnen und arbeiten?

Nietzsche: Die geplagten Sklaven der drei M, des Moments, der Meinungen und der Moden.

KEB: Wie wirkt dieses moderne Sklaventum?

Nietzsche: Die Einzelnen denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie größer sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muss: Weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist.

KEB: Das Bild der Jagd: Was oder wer wird gejagt?

Nietzsche: Die gebildeten Stände und Staaten werden von einer großartig verächtlichen Geldwirtschaft fortgerissen. Niemals war die Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und Güte. Die Gelehrtenstände sind nicht mehr Leuchttürme oder Asyle, inmitten aller dieser Unruhe der Verweltlichung; sie selbst werden täglich unruhiger, gedanken- und liebloser.

KEB: Ihrer Einschätzung nach hat diese Geldwirtschaft erheblichen Einfluss auch auf die Wirtschaft im Allgemeinen und auf die Kultur.

Nietzsche: Da ist die Selbstsucht der Erwerbenden, welche der Beihilfe der Kultur bedarf und ihr zum Danke dafür wieder hilft, aber dafür freilich zugleich Ziel und Maß vorschreiben möchte. Bildung würde von den Anhängern derselben als die einzige definiert werden, die der Mann, in Bedürfnissen und deren Befriedung, durch und durch zeitgemäß wird, mit der man aber zugleich am besten über Mittel und Wege gebietet, so leicht wie möglich Geld zu gewinnen.

KEB: Etwas präziser bitte: Was konkret heißt das für die Bildung und Ausbildung der Menschen?

Nietzsche: Jede Bildung ist hier verhasst, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, viel Zeit verbraucht. Nach der hier geltenden Sittlichkeit steht gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein Geld verdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Den Menschen wird nur so viel Kultur gestattet, als im Interesse des allgemeinen Erwerbs und des Weltverkehrs ist, aber so viel wird auch von ihm gefordert.

KEB: Was ist Ihr Ideal hinsichtlich der Bildungsziele?

Nietzsche: Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt. Nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister mit leidender Miene zu verstehen gibt, dass er eigentlich für etwas Besseres geboren ist. Es gibt gar nichts besseres, als das Gute! Das ist: Irgendeine Tüchtigkeit haben und aus ihr Schaffen, virtù im italienischen Sinne der Renaissance.

KEB: Ihr Urteil über Architekten?

Nietzsche: Der Architekt stellt weder einen apollinischen, noch einen dionysischen Zustand dar: Hier ist es der große Willensakt, der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des großen Willens, der zur Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspiriert; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was großen Stil hat.

KEB: Herr Nietzsche, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Friedrich Wilhelm Nietzsche, geboren am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen, gestorben am 25. August 1900 in Weimar, begraben an der Kirchenmauer in seinem Geburtsort, Philosoph, Dichter, Philologe, Großdenker der ewigen Wiederkehr des Gleichen als Grundlage eines bejahenden Lebensprinzips, den einen geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus, den anderen prophetischer Deuter der menschlichen Existenz in unserer Zeit.
Gespräch mit José Ortega y Gasset

Im Lärm des öffentlichen Lebens untergehen

Kurt E. Becker im Gespräch mit José Ortega y Gasset

KEB: Herr Professor, lange vor Neil Postman haben Sie den Verlust der Privatsphäre durch die Massenzivilisation beklagt. Ihre Diagnose zeigt die Öffentlichkeit auf dem Vormarsch bis in die feinsten Verästelungen unseres individuellen Lebens.

José Ortega y Gasset: Nun aber nimmt diese Tatsache auf einmal geradezu körperliche Formen an. Man denke nur an den Straßenlärm. Die Straße ist überlaut geworden. Eines der winzigen Privilegien, die früher der Mensch genoss, war die Stille, das Recht auf eine gewisse Dosis Stille. Vorbei. Die Straße dringt bis in unseren privaten Winkel vor, nimmt ihn in Besitz und lässt ihn im Lärm des öffentlichen Lebens untergehen. Wer nachdenken und sich in sich selbst versenken will, muss sich daran gewöhnen, dabei wie ein Taucher in einen Ozean von Kollektivgeräuschen untergetaucht zu werden. Man lässt den Menschen um nichts in der Welt mehr mit sich allein. Er muss mit anderen zusammen sein, ob er will oder nicht. Der anonyme Lärm der Hauptstraßen und der Plätze sickert durch die Mauern seines Hauses.

KEB: Sie verdeutlichen diese Entwicklung nicht zuletzt durch die Veränderung beim Bau unserer Häuser.

Ortega y Gasset: Ein Diagramm könnte die Entwicklung zeigen, die sich seit dem Mittelalter bis in unsere Zeit allein schon in der Mauerdicke vollzogen hat. Im 14. Jahrhundert ist das Haus eine Festung. Heute ist der in Stockwerke aufgeteilte Bau ein Bienenstock, beinahe selber schon eine ganze Stadt, und die Mauern sind dünne Wände, die uns knapp von der Straße trennen. Noch im 18. Jahrhundert sind die Häuser geräumig und tief.

KEB: Und heute?

Ortega y Gasset: Alles zwingt den Menschen, sein Einzeldasein und etwas von der Dichte seines Wesens aufzugeben. Wie das Haus durchlässig geworden ist, so auch der Mensch, und die öffentliche Atmosphäre, die Gedanken, die Entschlüsse, die Neigungen kommen und gehen durch uns hindurch, und jeder beginnt zu merken, dass er am Ende vielleicht ein anderer ist ... Man lässt dem Menschen keinen Winkel mehr, in den er sich zurückziehen, wo er mit sich allein sein kann. Aufgebracht protestieren die Massen gegen jede Reserve unseres Selbst.

KEB: Ihre Kritik an der Zivilisation im Allgemeinen ist die Folge.

Ortega y Gasset: Was wir „Zivilisation“ nennen – all diese physischen und moralischen Bequemlichkeiten, all diese Möglichkeiten zur Entspannung, alle diese Schutzmaßnahmen, alle diese gewohnheitsmäßig ausgeübten Fähigkeiten und Verfahren, mit denen wir zu rechnen pflegen, bilden in Wirklichkeit ein Repertorium oder System von Sicherheiten, die der Mensch sich aufbaut wie ein Floß in dem Schiffbruch, das das Leben von Anfang an und immer ist – alle diese Sicherheiten sind unsichere Sicherheiten, die eins, zwei, drei und ganz unvermerkt den Händen der Menschen entgleiten und sich in Phantasmen auflösen können. Die Geschichte berichtet uns von unzähligen Rückschlägen, Niedergängen und Entartungen. Es ist aber nicht gesagt, dass nicht noch viel radikalere Rückschläge als alle bekannten möglich wären, einschließlich der radikalsten von allen: der totalen Verflüchtigung des Menschen als Mensch und seines stillschweigenden Rückfalls in die tierische Ordnung, in die volle und endgültige Selbstentfremdung. Das Schicksal der Kultur, die Bestimmung des Menschen hängt davon ab, dass wir im Grunde unseres Wesens immer dieses dramatische Bewusstsein bewahren und wir einen in unserem Inneren fortklingenden Grundton wahrnehmen, dass für uns nur die Unsicherheit sicher ist.

KEB: Und die Sicherheit der Unsicherheit sehen Sie mit dem vermeintlichen Fortschritt entschwinden.

Ortega y Gasset: Die Idee des Fortschritts drückt sich nämlich nicht nur in der Behauptung aus, dass die Menschheit – ein abstraktes, unverantwortliches, nicht existierendes Wesen, das man damals erfand, fortschreite, was nicht zu bestreiten ist, sondern dass sie auch notwendigerweise fortschreite. Diese Idee chloroformierte den Europäer und den Amerikaner gegen die radikale Empfindung des Wagnisses, das dem Wesen des Menschen entspricht. Denn wenn die Menschheit unvermeidlich fortschreitet, dann heißt das, dass wir jede Wachsamkeit aufgeben können, uns um nichts zu kümmern brauchen, uns nicht für verantwortlich halten und uns darauf verlassen können, dass die Menschheit uns unweigerlich der Vollkommenheit und der ewigen Wonne entgegenführe … So haben die Dinge der Politik im Abendland ein Extrem erreicht, in dem, weil jedermann den Verstand verloren hat, schließlich alle glauben, ihn zu besitzen. Nur dass dann der Verstand, den ein jeder hat, nicht der seinige ist, sondern der, den der andere verloren hat.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

José Ortega y Gasset, geboren am 9. Mai 1883 in Madrid, gestorben am 18. Oktober 1955, ebenfalls in Madrid, war ein spanischer Philosoph, Soziologe und Essayist. Er gilt als einer der bedeutendsten spanischen Denker des 20. Jahrhunderts, mit seinem elitären Hauptwerk „Der Aufstand der Massen“ Zustimmung und Widerspruch jeweils in hohen Maßen evozierend.
Gespräch mit Andrea Palladio

Vom Nutzen, der Dauerhaftigkeit und der Schönheit

Kurt E. Becker im Gespräch mit Andrea Palladio

KEB: Sprechen wir über das Bauen. Was sind dessen wesentliche Kriterien?

Palladio: Bevor man zu bauen beginnt, muss man jedes Teil des Grund- und Aufrisses des Gebäudes, das man errichten will, sorgfältig bedenken. Drei Dinge müssen, wie Vitruv sagt, bei jedem Bau berücksichtigt werden, ohne die kein Bauwerk gelobt zu werden verdient, und zwar der Nutzen oder die Annehmlichkeit, die Dauerhaftigkeit und die Schönheit. Deshalb könnte man ein Bauwerk nicht vollkommen nennen, das dem Nutzen genügt, aber nicht von Dauer ist, oder von Dauer, aber nicht annehmlich, oder beides ist, aber keine Anmut besitzt.

KEB: Wie wird Annehmlichkeit erreicht, wie Dauerhaftigkeit, heute würden wir von Nachhaltigkeit sprechen?

Palladio: Annehmlichkeit wird man dann erzielen, wenn man jedem Glied den nötigen Platz gibt und einen passenden Ort, nicht kleiner, als die Würde es erfordert und nicht größer, als es dem Zweck entspricht, das heißt wenn die Loggien, Säle, Zimmer, Vorratsräume, Kornspeicher den ihnen gemäßen Ort einnehmen. Der Dauerhaftigkeit wird man Genüge leisten, wenn alle Mauern lotrecht ausgerichtet und im unteren Teil dicker sind als im oberen und wenn sie gute und ausreichende Fundamente haben, wenn zudem die oberen Säulen genau über den unteren zu stehen kommen und alle Öffnungen, wie Ausgänge und Fenster, übereinander liegen: So soll Solides über Solidem, das Leere über dem Leeren zu liegen kommen.

KEB: Und last not least ein Wort zur Schönheit?!

Palladio: Die Schönheit ergibt sich aus der schönen Form und aus der Entsprechung des Ganzen zu den Teilen, der Teile untereinander und diese zum Ganzen, sodass ein Bau wie ein ganzer, wohlgestalter Körper erscheint, in dem ein Glied dem anderen entspricht und alle Glieder notwendig dem entsprechen, was man vorhat.

KEB: Die Kosten spielen natürlich auch eine Rolle?!

Palladio: Wenn man diese Dinge in der Zeichnung und im Modell bedacht hat, muss man sorgfältig alle Ausgaben berechnen, die auf einen zukommen können, sogleich das Geld bereit stellen und das benötigte Material vorbereiten, damit nichts während der Arbeit fehlt, das die Fertigstellung des Werks behindern könnte. Dem Bauherrn wird kein geringes Lob zuteilwerden, wenn der ganze Bau keinen bescheidenen Nutzen haben, wenn er mit der gebotenen Zügigkeit ausgeführt ist und alle Mauern auf gleiche Weise hochgezogen sind und entsprechend aufsteigen, damit sie nicht Risse bekommen, wie man sie an den Bauten zu sehen pflegt, die über längere Zeit und ungleichmäßig hochgezogen wurden.

KEB: Ihre Ideen zur Konzeption eines Hauses im Besonderen?

Palladio: Damit die Häuser dem Nutzen der Familie entsprechen … soll man große Sorgfalt verwenden nicht nur auf die wesentlichen Teile wie die Loggien, die Säle, prächtig ausgestatte Zimmer und geräumige Treppen, hell und leicht zu ersteigen, sondern auch, dass die kleinen und unansehnlichen Teile zum Dienst an den größeren und würdigeren an den dazu geeigneten Platz gelegt sind. Weil nun, so wie beim menschlichen Körper, einige Glieder schön sind und edel, andere hingegen hässlich und unedel, und weil wir sehen, dass jene dennoch der Letzteren durchaus bedürfen, ja ohne sie nicht bestehen können, so müssen auch im Bauwerk einige Teile ansehnlich und würdevoll, andere dagegen weniger elegant sein, ohne die jedoch die schönen Teile nicht funktionieren könnten und so einen Teil ihrer Würde und Schönheit verlieren würden. Aber wie der gnädige Gott, der diese unsere Glieder derart angeordnet hat, dass die schönsten so gesetzt sind, dass sie gesehen werden, die weniger edlen aber an verborgenen Stellen, so werden auch wir beim Bauen die hauptsächlichen und wichtigen Teile augenfällig anordnen, die weniger schönen jedoch an Orte, die dem Auge so viel wie möglich verborgen sind, denn dort wird man alles Hässliche unterbringen und an all das, was Verlegenheit verursachen könnte, und selbst das, was schön ist, hässlich erscheinen ließe.

KEB: Und eine gehörige Portion Pragmatismus steckt natürlich auch in Ihrer Architektur-Konzeption!?

Palladio: Darum finde ich es gut, wenn man ganz unten im Hause, in Teilen, die ich manchmal unter der Erde anlege, die Keller, die Lager für Holz, die Vorratskammern, die Küchen, die Speisezimmer, die Waschküchen, die Öfen und all das andere unterbringt, das man für das tägliche Leben braucht. Daraus ergeben sich zwei Vorteile: Zunächst der, dass der obere Teil des Hauses von dergleichen ganz frei bleibt. Sodann ein nicht minder wichtiger, sofern es sich in einem Obergeschoß gesünder lebt, denn sein Fußboden liegt fern von Bodenfeuchtigkeit. Dazu kommt, dass es, indem es höher liegt, einen schönen und gefälligen Anblick wie Ausblick bietet. Auch wird man dafür sorgen, dass das Gebäude im Übrigen auch große, mittlere und kleine Räume hat, die nebeneinander liegen, sodass man sich ihrer abwechselnd bedienen kann. Die kleinen Räume teilen sich in Studierzimmer, Bibliotheken oder solche zum Aufbewahren von Reitzeug oder von Geräten für andere Beschäftigungen, das wir alltäglich brauchen, das man aber in Räumen, in denen wir schlafen, essen oder Gäste empfangen, nicht gut aufbewahrt. Der Bequemlichkeit dient auch, wenn die Zimmer für den Aufenthalt im Sommer weit und geräumig sind und gegen Norden liegen, die für den Winter gegen Süden oder Westen. Sie sollen eher klein sein, denn im Sommer suchen wir Schatten und Wind, im Winter die Sonne, die kleinen Zimmer erwärmen sich schneller als die großen. Die Räume aber, die wir im Frühling und Herbst nutzen wollen, werden sich gegen Osten wenden und über Garten und Grün blicken. In diesem Teil werden auch die Studierzimmer und Bibliotheken sein, denn man nutzt sie eher am Morgen als zu anderen Tageszeiten. Doch die großen Zimmer sollen zu den mittleren und diese zu den kleinen so liegen …, dass ein Teil des Hauses mit dem anderen verbunden ist und somit der Baukörper ein besonderes Miteinander der Glieder zeigt, das das Ganze schön und ansehnlich macht.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Andrea di Pietro della Gondola, genannt Palladio, geboren am 30. November 1508 in Padua, gestorben am 19. August 1580 in Vicenza, war Italiens bedeutendster Architekt der Renaissance in Oberitalien, der erste große Berufsarchitekt überhaupt, und bedeutender Architektur-Theoretiker. Nach ihm benannt der Palladianismus, ein klassizistisch geprägter Baustil.
Gespräch mit Jochen Heinrich Pestalozzi

In Pandoras Büchse: Das Eigentum

Kurt E. Becker im Gespräch mit Jochen Heinrich Pestalozzi

KEB: Herr Pestalozzi, lassen Sie uns ganz generell über das Thema „Eigentum“ miteinander sprechen. Speziell im Blick auf Wohneigentum sind damit zweifellos essentielle Fragestellungen verbunden.

Pestalozzi: Sein Zweck und sein Recht muss … von meiner Selbstsorge ausgehen und mich zur Befriedigung meiner selbst in meinen nächsten Verhältnissen hinführen. Aber der gesellschaftliche Mensch genießt dieses Recht und erkennt diesen Zweck nicht; im Gegenteil, das Eigentum ist in seiner Hand Pandorens Büchse geworden, aus der alle Übel der Erde entsprungen. Es ist durch die Nahrung, die es der Selbstsucht unserer tierischen Natur gibt, das große Hindernis des gesellschaftlichen Zwecks geworden und hat den Menschen bald allgemein dahin gebracht, dass er dasselbe entweder wie ein beladener Esel auf wundem Rücken herumträgt oder wie ein spielendes Kind als ein nichtiges Ding versplittert.

KEB: Was sind Ihre Anschauungen vom Recht auf Eigentum?

Pestalozzi: Der Besitzstand ist geheiligt, weil wir gesellschaftlich vereinigt sind und wir sind gesellschaftlich vereinigt, weil der Besitzstand geheiligt ist. Welchen Ursprung er auch immer gehabt habe, das geht uns weiter nichts an, wir müssen ihn respektieren, weil er ist und größtenteils wie er ist oder unsere Bande alle auflösen. Aber wie er gebraucht wird und wie er gebraucht werden dürfe, das geht uns unendlich viel an. Je größer das gesellschaftliche Eigentum, je mehr ist es mit den Rechten vieler anderer, die auf eine nähere oder entferntere Art daran Teil haben, belastet und kann folglich dem Zweck der gesellschaftlichen Vereinigung nur insoweit ein Genüge leisten, als die an demselben teilnehmenden Mitnutznießer derselben, in ihren Rechten gesichert, sich durch dasselbe einen befriedigenden Ersatz ihrer Naturrechte verschaffen können. Die Beschränkung der Nutznießung des Eigentums muss daher nach dem Grade seiner Ausdehnung immer steigen und nach dem Grade seiner Einschränkung muss die Nutznießung immer abnehmen. Die Natur führt uns allgemein auf diese Bahn. Der Mann mit beschränktem Vermögen zieht, mit gleicher Tätigkeit und mit gleichen Kenntnissen, Nutzen aus demselben, dem sich der große Reichtum nie nähern kann.

KEB: Ihr Vorschlag für eine Regelung der Verhältnisse?

Pestalozzi: Auch ruhet dieser Grundsatz ganz und gar nicht auf willkürlichen Voraussetzungen, sondern auf der Natur der gesellschaftlichen Rechtmäßigkeit des Besitzstandes selber. Wenn dieser nicht als der fortdauernde Genuss aller Folgen meiner bloß tierischen Kraft soll angesehen werden, so muss seine Benutzung notwendig so weit in gesetzliche Schranken gelenkt werden, dass es dem untergeordneten Nutznießer des großen Besitzstands immer möglich bleibt, im gesellschaftlichen Zustand durch diese Nutznießung diejenige Befriedigung zu finden, um derentwillen er das bürgerliche Joch beruhigt am Halse trägt.

KEB: Ihre Skepsis gipfelt in der Frage ob der Mensch, der keinen Teil an der Welt hat, in den bestehenden Einrichtungen der Staaten einen wirklichen Ersatz seiner Naturansprüche an das Gemeinrecht der Erde findet?

Pestalozzi: Wenn ich das und dergleichen frage, so kann ich mir nicht verhehlen, das erleuchtete Jahrhundert kennt diesen Grundsatz nicht, je aufgeklärter unsere Zeiten werden, je weniger lassen die Staaten solche Fragen an sich kommen. Unsere Gesetzgebungen haben sich zu einer solchen Höhe geschwungen, dass es ihnen unmöglich ist, an den Menschen zu denken. … Indessen ist der, so keinen Teil an der Welt hat, zum Voraus von ihnen vergessen, man steckt ihn aber unter das Militär oder erlaubt ihm sich selber darunter zu stecken, zu Zeiten macht man für ihn eine Lotterie, darin ein jeder sein Glück mit wenigen Kreuzern probieren kann.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Johann Heinrich Pestalozzi, geboren am 12. Januar 1746 in Zürich, gestorben am 17. Februar 1827 in Brugg, Kanton Aargau, war ein Schweizer Pädagoge, Schul- und Sozialreformer, Philosoph und Politiker. Er gilt als Vorläufer der Anschauungspädagogik und der daraus Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Reformpädagogik.
Gespräch mit Karl R. Popper

Lob der Technik

Kurt E. Becker im Gespräch mit Karl R. Popper

KEB: Herr Professor Popper, Architektur und Stadtentwicklung waren keine Themen, denen Sie sich in Ihren Forschungen gewidmet haben. Dennoch haben Sie in Ihrer Philosophie auf jeden Fall mittelbar auch entscheidende Grundlagen für die Erklärung unserer Urbanisierungs-Kultur durch Ihren Hinweis auf die Technik als „Kulturfaktor“ gelegt. Ein Blick auf die großen Zusammenhänge wäre hier ganz hilfreich.

Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Alle Organismen sind Erfinder und Techniker, gute oder weniger gute, erfolgreich oder weniger erfolgreich im Lösen von technischen Problemen. Menschliche Technik löst menschliche Probleme, etwa Kanalisierung, Wasser- oder Nahrungsmittelbeschaffung und –speicherung, wie es zum Beispiel schon die Bienen tun.

KEB: Ihre Philippika gegen die Grünen in diesem Zusammenhang ist legendär…

Popper: Deshalb ist die Gegnerschaft gegen die Technik, wie wir sie häufig bei den Grünen finden, Unsinn, denn sie ist ja Gegnerschaft gegen das Leben – was leider die Grünen nicht bemerkt haben. Wir im Westen leben im Himmel, natürlich im ersten Himmel und noch nicht im siebten Himmel. Unser Himmel ist sehr verbesserungsfähig. Wir dürfen unsere Welt nicht länger beschimpfen und schlechtmachen. Sie ist bei weitem die beste, die es je auf Erden, und besonders in Europa, gegeben hat.

KEB: Im Leben und Forschen dürfen, ja sollen wir sogar Fehler machen. Das ist eine der Grundthesen Ihrer Philosophie. Erkenntnistheoretisch sprechen Sie von „Falsifikation“. Den Grünen allerdings unterstellen Sie einen Kardinalfehler…

Popper: Alles, was die Grünen der Technik vorwerfen, (ist) fast gänzlich auf die Bevölkerungsexplosion zurückzuführen. Von diesem großen Problem sprechen aber die Grünen zu wenig – offenbar deshalb, weil es ihren Angriff auf die Technik zunichtemachen könnte, wenn sie dieses Problem ernsthaft zu untersuchen bereit wären.

KEB: Ihr Lob der Technik hat sogar eine moralische Dimension.

Popper: Moralisch ... war die große Befreiung der Haussklaven, auch Dienstmädchen genannt, die zum großen Teil durch die Motorisierung des Haushalts ermöglicht wurde. Die ungeheure Revolution und die Befreiung, die alle Frauen … erfahren haben, ist heute merkwürdigerweise fast vergessen, obwohl sie eine Befreiung aus herzzerreißender Sklaverei war. Wer ahnt heute, was es bedeutete, wenn alles Wasser getragen werden musste, wenn für alle Heizung Kohle getragen werden musste, wenn alle Wäsche mit der Hand gewaschen werden musste, wenn es noch keine Petroleumlampen mit Dochten gab. … Die furchtbare Hausarbeit muss die Lebensdauer sehr verkürzt haben, von dem Arbeitsleid, das heute durch Lebensfreude ersetzt wird, ganz zu schweigen. Das verdanken die Frauen der Technik, auch die, die die Feindschaft gegenüber der Technik predigen.

KEB: Ein Blick in die Zukunft?

Popper: Ich behaupte, dass wir einen ganz scharfen Schnitt machen müssen zwischen der Gegenwart, die wir beurteilen können und sollen, und der Zukunft, die weit offen ist und von uns beeinflusst werden kann. Wir haben deshalb die moralische Pflicht, der Zukunft ganz anders gegenüberzustehen, als wenn sie etwa eine Verlängerung der Gegenwart und der Vergangenheit wäre. Die offene Zukunft enthält unabsehbare und moralisch gänzlich verschiedene Möglichkeiten. Deshalb darf unsere Grundeinstellung nicht von der Frage beherrscht sein „Was wird kommen?“, sondern von der Frage „Was sollen wir tun: Tun, um womöglich die Welt ein bisschen besser zu machen?“

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Sir Karl Raimund Popper, geboren am 28. Juli 1902 in Wien, gestorben am 17. Dezember 1994 in London, war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der mit seinen Arbeiten zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zu Sozial- und Geschichtsphilosophie sowie zur politischen Philosophie den kritischen Rationalismus begründete.
Gespräch mit David Riesman

Der „außen-geleitete Charakter“

Kurt E. Becker im Gespräch mit David Riesman

KEB: Herr Professor, in Anlehnung an Max Webers Idealtypen haben Sie den „außen-geleiteten Charakter“ konzipiert. Was hat es mit dem auf sich?

Riesman: Der von mir als außen-geleitet bezeichnete Charaktertyp tritt erst seit Kurzem in dem gehobenen Mittelstand unserer Städte in Erscheinung, wobei er in den Großstädten deutlicher als in den Kleinstädten zu bemerken ist.

KEB: Worauf ist diese Außen-Leitung Ihrer Erkenntnis nach zurückzuführen?

Riesman: … (Ich habe) … den Eindruck, dass die Umstände, auf die, wie ich glaube, die Außen-Lenkung zurückführen ist, auf eine ständig wachsende Anzahl von Großstädtern in den hochindustrialisierten Ländern einwirken werden. So stellen meine Untersuchungen des außen-geleiteten Charakters eine Analyse sowohl des Amerikaners als auch des heutigen Menschen überhaupt dar. Vielfach fällt es mir schwer, oftmals ist es mir unmöglich, zu sagen, wo die Grenze zwischen beiden zu ziehen ist. Einerseits neige ich zu der Ansicht, dass die Heimat des außen-geleiteten Typus doch wohl in Amerika zu finden ist, und zwar aufgrund gewisser Elemente, die spezifisch für die amerikanische Gesellschaft sind, beispielweise ihrer europäischen Abstammung und des Fehlens einer feudalherrschaftlichen Vergangenheit. Demgegenüber neige ich dann andererseits dazu, mehr Gewicht auf Kapitalismus, Industrialisierung und Verstädterung, als auf globale Entwicklungstendenzen zu legen als auf irgendwelche charakterbildenden Besonderheiten auf dem amerikanischen Schauplatz.

KEB: Die Außen-Leitung hat weitreichende Konsequenzen – bis hinein in die Erziehung von Kindern.

Riesman: Viele Menschen sehen sich durch diese Entwicklung gezwungen, neue Wege zum Erfolg einzuschlagen und ihr Verhalten noch mehr zu „sozialisieren“, um zu Erfolg und besserer Anpassung an den Ehepartner und andere Menschen zu gelangen. Mit diesen Wandlungen gehen ähnliche in der Familienstruktur und den Methoden der Kindererziehung einher. In den großstädtischen Kleinfamilien … lockern sich die alten Formen der Disziplin. Im Zusammenhang mit den neuen Verhaltensweisen gelangt jetzt die Gruppe der Zeitgenossen, „Kameraden“ und „Kollegen“ (Peer Group) zu großer Bedeutung, und die Eltern sehen in dem Vergehen gegen innere Wertsetzungen einen geringeren Fehler, als wenn das Kind unbeliebt oder nicht in der Lage ist, mit den anderen Kindern gut auszukommen.

KEB: Sie warnen unter anderem vor einem fortschreitenden Mangel an persönlicher Zuwendung…

Riesman: Ich möchte hier betonen, wie gefährlich es ist, die Aufgabe der Eingliederung des Kindes in die Gesellschaft den im persönlichen Kontakt mit dem Kinde stehenden Erwachsenen abzunehmen und auf andere Instanzen zu übertragen … . Das Kind im Stadium der Innen-Lenkung verlässt … das Elternhaus, entweder um zur Schule oder in die Bibliothek zu gehen oder um sich den Massenkommunikationsmitteln zuzuwenden, sodass eine persönliche Vermittlung nicht mehr möglich ist.

KEB: Abschließend ein ganz anderer Aspekt Ihres Außen-Leitungs-Themas, die Rolle der Architekten und Innenarchitekten betreffend.

Riesman: … die meisten Kunden suchen den Innenarchitekten … vielleicht nur auf, um mithilfe der standesgemäßen Ausstattung ihren Reichtum zur Geltung zu bringen. Aber neben dieser Tätigkeit kann der Innenarchitekt sich noch anderweitig betätigen, indem er nämlich Anregungen zu einem grundlegenderen Wechsel häuslicher Verhaltensgewohnheiten liefert, die das Freizeitleben angenehmer, im wörtlichen und übertragenen Sinne „farbiger“ gestalten.

KEB: Es geht letztlich bei dieser Beratungsfunktion um „Fassaden“ – in des Wortes tatsächlicher und übertragener Bedeutung…

Riesman: Diese Funktion tritt vielleicht noch deutlicher bei der Arbeit des Architekten für den Kundenkreis aus dem gehobenen Mittelstand zutage. Genau wie der Innenarchitekt hat natürlich auch er Kunden, die sich nur an ihn wenden, damit er ihnen die standesgemäße äußere Fassade liefert. Aber noch vor einer Generation hätte er es sich nicht im Traume einfallen lassen, seiner Kundschaft Ratschläge über die inneren Funktionszusammenhänge der Wohnung unter anderen Gesichtspunkten als den der „Gemütlichkeit“ oder des „gefälligen Aussehens“ zu erteilen. Heute kann der Architekt dagegen bei seinen Planungen im Innen – ebenso wie im Außenbau bestimmte Freizeitbeschäftigungen seiner Kunden berücksichtigen oder neue vorsehen. Eine Vielzahl von Geschmacksneigungen, Vorlieben, Modellplänen und Entwürfen … sowie viele Freizeit- und Spielvorrichtungen, die vor einer Generation kaum existierten, werden von ihm aufgegriffen, gesichtet und weitergegeben. Der Architekt – und in höherer Instanz der Stadtplaner – vereint in seiner Hand Gestaltungsmöglichkeiten für Freizeit und Spiel, die sonst unter einer Vielzahl von Spezialisten aufgestellt würden.

KEB: Die Abhängigkeit des außen-geleiteten Charakters wird durch vielerlei Berater nur immer noch größer?!

Riesman: Dass sich die Freizeitberater in den nächsten Jahrzehnten noch gewaltig vermehren werden, lässt sich leicht voraussehen. Allerdings bleibt der Einwand, dass die Abhängigkeit des außen-geleiten Menschen nur noch erhöht werden wird, wenn man ihn dem Freizeitberater anvertraut, damit dieser seine Freizeitbeschäftigung kultiviere, denn er ist ja gerade aufgrund seiner Abhängigkeit außen-geleitet und nicht autonom.

KEB: Ich danke für dieses Gespräch.

David Riesman, geboren am 22. September 1909 in Philadelphia, gestorben am 10. Mai 2002 in Binghamton (New York), war ein US-amerikanischer Soziologe und Erziehungswissenschaftler, lehrte mehr als zwei Jahrzehnte an der Harvard University und war Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der American Philosophical Society. Sein Hauptwerk, „Die einsame Masse“, gilt als erster Welt-Bestseller der Soziologie.
Gespräch mit Jean-Jaques Rousseau

„Dies ist mein“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Jean-Jaques Rousseau

KEB: Sie haben eine sehr klare Meinung zur Frage, wie die Ungleichheit unter den Menschen zustande gekommen ist?!

Rousseau: Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies ist mein“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Begründer der zivilen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viele Leiden und Schrecken hätte nicht derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch davor, auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und dass die Erde niemandem gehört!“

KEB: Mit den ersten Entwicklungsfortschritten des handwerklichen Könnens und den daraus resultierenden Produkten entstanden aus Ihrer Sicht die ersten Streitigkeiten?

Rousseau: Schon früh, als man aufhörte, unter dem erstbesten Baum zu schlafen oder sich in Höhlen zurückzuziehen, erfand man verschiedene Arten von Beilen aus harten und scharfen Steinen, die dazu dienten, Holz zu schlagen, die Erde aufzugraben und Hütten aus Astwerk zu bauen, auf das man hernach den Einfall hatte, Lehm und Schlamm zu streichen. Dies war die Epoche einer ersten Umwälzung, welche die Gründung und Sonderung der Familien hervorbrachte und eine Art von Eigentum einführte, woraus vielleicht schon damals viele Streitigkeiten und Kämpfe erwachsen sind. Da indessen die Stärksten wahrscheinlich die Ersten waren, die sich Wohnungen bauten, zu deren Verteidigung sie sich fähig fühlten, ist anzunehmen, dass die Schwachen es für schneller und sicherer hielten, es ihnen nachzutun, als zu versuchen, sie aus ihren Wohnungen zu vertreiben; und was diejenigen betrifft, die schon Hütten besaßen, so strebte wohl kaum einer danach, sich die seines Nachbarn anzueignen: Weniger, weil sie ihm nicht gehörte, als weil sie für ihn nutzlos gewesen wäre und er sich ihrer nicht hätte bemächtigen können, ohne sich einem heftigen Kampf mit der Familie auszusetzen, die sie bewohnte.

KEB: Die Wirkungen des Eigentums beurteilen sie in summa negativ?

Rousseau: Alle … Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das unabtrennbare Gefolge der entstehenden Ungleichheit …

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch

Jean-Jaques Rousseau, geboren am 28. Juni 1712 in Genf, gestorben am 2. Juli 1778 in Ermenonville, Frankreich, Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher, Komponist, war einer der wichtigsten Wegbereiter der französischen Revolution.
Gespräch mit Bertrand Russell

Abhängig von der Macht törichter Leute

Kurt E. Becker im Gespräch mit Bertrand Russell

KEB: „Soll es einem Pionier gestattet sein, sich auf einem vom Staat gepachteten Stück Land eine Blockhütte zu bauen?“ Eine interessante Frage, Herr Professor, die Sie thematisieren. Ebenso interessant Ihre Antwort: „Ja; daraus folgt aber nicht, dass es Privatleuten erlaubt sein müsse, in New York Wolkenkratzer zu bauen. … Wirtschaftliche Macht über andere Menschen darf nicht Einzelnen überlassen bleiben, aber Privateigentum, das keine wirtschaftliche Macht verleiht, kann erhalten bleiben.“

Das Grundrauschen Ihrer Einstellung speziell zu Immobilienthemen ist damit angeklungen. Lassen Sie uns in diesem Zusammenhang zunächst über Retail sprechen, wie es heute so schön bezeichnet wird, den Einzelhandel also.

Russell: Die Existenz der müßig genannten Reichen hat … unheilvolle Folgen. … Man beachte beispielsweise die unzähligen unnötigen Einzelhandelsgeschäfte in London.

KEB: Unheilvolle Folgen? Inwiefern?

Russell: In allen Stadtteilen, in denen die reichen Frauen einkaufen, gibt es zahllose, meist von russischen Gräfinnen geführte Hutläden, deren jeder behauptet, ein wenig erlesener zu sein als alle anderen. Ihre Kundinnen schlendern von einem zum andern und verbringen Stunden mit einem Einkauf, der nur Angelegenheit von Minuten sein sollte. Die Arbeitskraft der Verkäuferinnen in diesen Läden ist ebenso vergeudet wie die Zeit derer, die dort einkaufen. Und ein weiterer Schaden ist, dass der Lebensunterhalt einer Reihe von Menschen somit auf absoluter Nutzlosigkeit beruht. Die Kaufkraft der sehr reichen Leute zieht zahllose Parasiten an, die zwar selbst weit davon entfernt sein mögen, reich zu sein, und trotzdem fürchten, es wäre ihr Ruin, wenn es keine müßigen Reichen als Käufer für ihre Waren gäbe. All diese Menschen nehmen moralisch, geistig und künstlerisch Schaden durch ihre Abhängigkeit von der verantwortlichen wirtschaftlichen Macht törichter Leute.

KEB: Auch zu Regulierungsfragen haben Sie eine entschiedene Meinung.

Russell: Häuser können von Privatunternehmern gebaut werden, aber die Bauweise ist durch Ortsstatut geregelt. In diesem Falle wird sogar allgemein anerkannt, dass eine weit straffere Regelung wünschenswert wäre.

KEB: Auch in der Stadtplanung sehen Sie eine hoheitliche Aufgabe.

Russell: Eine einheitliche Stadtplanung … könnte mit allem Abstoßenden und Schmutz der Elendsviertel und Vororte aufräumen und aus den modernen Städten etwas Schönes, Gesundes und Erfreuliches machen. Dieses Beispiel verdeutlicht wiederum ein Argument gegen das Privatunternehmertum in unserer so sehr beweglichen Welt. Die Gebiete, die als Einheiten gelten, sind zu umfangreich, als dass selbst die mächtigsten Plutokraten damit fertig werden könnten.

KEB: Ihr Beispiel ist wieder einmal London.

Russell: London ... muss als ein Ganzes gesehen werden, da seine Einwohner zu einem hohen Prozentsatz in einem Teil der Stadt schlafen und in einem anderen Teil arbeiten.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Bertrand Arthur William Russell, 3. Earl Russell, geboren am 18. Mai 1872 bei Trellech, Monmouthshire, Wales, gestorben am 2. Februar 1970 in Penrhyndeudraeth, Wales, war ein britischer Philosoph, Mathematiker, Logiker und Moralist. Er unterrichtete unter anderem in Cambridge, der London School of Economics, der Harvard University und der Universität in Peking. Ohne ein einziges belletristisches Werk verfasst zu haben, erhielt er 1950 den Nobelpreis für Literatur.Russell gilt als einer der Väter der analytischen Philosophie. Darüber hinaus war er ein weltweit bekannter Aktivist für Frieden und Abrüstung und eine Leitfigur des Pazifismus. Auch sozialistischen Ideen stand er aufgeschlossen gegenüber.

Gespräch mit dem Herzog von Saint-Simon

Versailles: Ein Eiland der Trübsal und Hässlichkeit

Kurt E. Becker im Gespräch mit dem Herzog von Saint-Simon

KEB: Hoheit, aufgrund Ihrer Stellung hatten Sie einen sehr intimen Einblick in das Leben am Hof von Ludwig XIV. von Frankreich. Ihre zu Recht berühmten Memoiren geben darüber reichlich und kritisch Aufschluss – auch über die Bauaktivitäten ihres Königs. In diesem Zusammenhang bezeichnend: Ihr Urteil über die Lage des Herrschaftssitzes…

Saint-Simon: Versailles ward erwählt. Der trübseligste, undankbarste aller Orte, aussichts-, wald- und wasserarm, wo der Boden Sand oder Sumpf und die Luft infolgedessen ungesund war.

KEB: Ihr Urteil über die Baukünste Ludwig XIV. ist eindeutig.

Saint-Simon: Es gefiel ihm, auch die Natur gewaltsam zu beherrschen, sie der Kunst und dem Gelde zu unterwerfen. Planlos reihte er ein Gebäude neben das andere, Hässliches und Schönes, Großartiges und Kleinliches, alles bunt durcheinander. Eng und unbequem, finster und ohne Aussicht sind sogar seine und der Königin Räume. Die Gärten verraten erstaunliche Prachtliebe. Aber sie sind geschmacklos und laden nicht zum Aufenthalt ein. Man erreicht den Schatten der Bäume erst, nachdem man ein großes Stück Sandwüste durchquert hat. Dann steht man auf dem Hügel – und hier ist das Ende der Gärten. Die Wege sind mit Kies bedeckt. Man zerschneidet sich beinahe die Sohlen darauf, würde aber ohne ihn bald im Sand, bald im Schlamm versinken.

Überall ist die Natur vergewaltigt worden, und man mag wollen oder nicht: man wird davon abgestoßen und angewidert. Das Wasser, das man von allen Seiten herbeigeleitet und angesammelt hat, ist grün, dick, schlammig. Es steigt eine fühlbar ungesunde, feuchte Luft daraus empor. Die spielenden Wasserkünste freilich bieten einen unvergleichlichen Anblick. Es hat alles zwei Seiten. Daher wird man einesteils angezogen, andernteils abgestoßen.

KEB: Und das Gebäude-Ensemble an sich?

Saint-Simon: Nach dem Hofe zu ist alles erstickend eng und zusammengedrängt. Von der Gartenseite aus hat man von dem Schloss einen Gesamteindruck. Aber es sieht aus wie ein Schloss nach einem Brande, oder wie eins, dem Oberstock und Dach fehlen. Es wird von der Kapelle erdrückt. … Sie sieht düster aus wie ein Riesensarg. Die Einzelarbeit daran ist erlesen, während das Ganze nichts taugt. Am besten ist der Chor, denn ins Schiff hinunter ging der König kaum. Wozu noch weiter von den ungeheuerlichen Fehlern des Riesenpalastes reden, der Unsummen verschlungen hat, mit allem, was dazu gehört: Gewächshäusern, Obstgärten, Hunde- und Pferdeställen, den zahllosen Gesindehäusern? Das ist eine ganze Stadt, wo ehedem nur ein elendes Wirtshaus stand, eine Windmühle und jenes Gartenschlösschen, das Ludwig XIII. hatte bauen lassen.

Mit einem Wort: das Versailles Ludwigs des Vierzehnten ist ein geschmackloses Machwerk, dazu unvollendet. Trotz der großen Menge der Säle gibt es nicht einen einzigen wirklich großen Theater-, Bankett- oder Ballsaal. Überall bleibt noch sehr viel zu tun. Park und Alleen stehen so dichtgedrängt voller Bäume und Sträucher, dass sie keine Luft haben. Beständig muss neues Wild ausgesetzt werden. Wassergräben, vier bis fünf Meilen lang, gibt es im Überfluss, ebenso dicke Mauern, die das Ganze wie ein Eiland der Trübsal und Hässlichkeit umschließen.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Louis de Rouvroy, Duc de Saint-Simon, geboren am 16. Januar 1675 in Versailles, gestorben am 2. März 1755 in Paris, nicht zu verwechseln mit Henri Saint Simon, einem jüngeren entfernten Verwandten, war ein französischer Politiker und Schriftsteller. Er war Mitglied des französischen Hochadels und hatte unter König Ludwig XIV. verschiedene Staatsämter inne. Seine Memoiren liefern eine gute Beschreibung der „Baukünste“ seines Königs.
Gespräch mit Friedrich Schiller

Mit der physischen Welt in gutem Vernehmen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Schiller

KEB: Herr Professor, Sie sollen beim Bau Ihres Gartenhauses in Jena selbst Hand angelegt haben, waren also Baumeister in eigener Sache, Ihres eigenen umbauten Raums. Lassen Sie uns aber heute nicht über Ihre praktischen Erfahrungen beim Bauen miteinander sprechen, sondern einen großen Blick tun auf die Natur, von der wir heute wissen, dass sie durch Gebäudeemissionen Schaden nimmt, dadurch eine wesentliche Ursache des Klimawandels forcierend. Sind die menschlichen Hervorbringungen Feinde der Natur, oder können wir durch unsere Einsicht in die Naturgesetze einen Ausgleich bewirken?

Schiller: Eben der Umstand, dass die Natur im Großen angesehen, aller Regeln, die wir durch unsern Verstand ihr vorschreiben, spottet, dass sie auf ihrem eigenwilligen freien Gang die Schöpfungen der Weisheit und des Zufalls mit gleicher Achtlosigkeit in den Staub tritt, dass sie das Wichtige wie das Geringe, das Edle wie das Gemeine in einem Untergang mit sich fortreißt, dass sie hier eine Ameisenwelt erhält, dort ihr herrlichstes Geschöpf, den Menschen, in ihre Riesenarme fasst und zerschmettert, dass sie ihre mühsamsten Erwerbungen oft in einer leichtsinnigen Stunde verschwendet und an einem Werk der Thorheit oft jahrhundertelang baut – mit einem Wort – dieser Abfall der Natur im Großen von den Erkenntnisregeln, denen sie in ihren einzelnen Erscheinungen sich unterwirft, macht die absolute Unmöglichkeit sichtbar, durch Naturgesetze die Natur selbst zu erklären und von ihrem Reiche gelten zu lassen, was in ihrem Reiche gilt, und das Gemüt wird also unwiderstehlich aus der Welt der Erscheinungen heraus in die Ideenwelt, aus dem Bedingten ins Unbedingte getrieben.

KEB: Unser Verhältnis zur Macht der Natur ist von Furcht geprägt?

Schiller: Noch viel weiter als die sinnlich unendliche führt uns die furchtbare und zerstörende Natur, solange wir nämlich bloß freie Betrachter derselben bleiben. Der sinnliche Mensch freilich und die Sinnlichkeit in dem Vernünftigen fürchten nichts so sehr als mit dieser Macht zu zerfallen, die über Wohlsein und Existenz zu gebieten hat.

KEB: Sehen Sie einen Ausweg aus diesem natürlichen/kultürlichen Dilemma?

Schiller: Das höchste Ideal, wonach wir ringen, ist, mit der physischen Welt, als der Bewahrerin unserer Glückseligkeit, in gutem Vernehmen zu bleiben, ohne darum genötigt zu sein, mit der moralischen zu brechen, die unsre Würde bestimmt. Nun geht es aber bekanntermaßen nicht immer an, beiden Herren zu dienen, und wenn auch … die Pflicht mit dem Bedürfnisse nie in Streit geraten sollte; so geht doch die Naturnotwendigkeit keinen Vertrag mit dem Menschen ein, und weder seine Kraft noch seine Geschicklichkeit kann ihn gegen die Tücke der Verhängnisse sicherstellen. Wohl ihm also, wenn er gelernt hat zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann!

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Johann Christoph Friedrich Schiller, ab 1802 von Schiller, geboren am 10. November 1759 in Marbach am Neckar, gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar, war Arzt, Dichter, Philosoph und Historiker und lehrte in Jena Geschichte. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker, Lyriker und Essayisten. Philosophisch stand Schiller unter dem Einfluss Immanuel Kants, von ihm auch inspiriert, aber mit spezifisch eigenen Akzenten versehen sein Natur- und Schönheitsbegriff.
Gespräch mit Kurt Schilling

Heimat ist nicht etwas Zufälliges

Kurt E. Becker im Gespräch mit Kurt Schilling

KEB: Herr Professor, Sie haben intensiv über den Begriff „Heimat“ nachgedacht. Lassen Sie uns an diesem Nachdenken teilhaben, bitte.

Schilling: Heimat ist nicht etwas Zufälliges, nicht nur, oder gar nicht einmal in jedem Fall, der bloße Geburtsort, der in der polizeilichen Kennkarte vermerkt ist ebenso wie das Geburtsdatum, Heimat ist ursprünglich ein Beginn des Zeitalters der Sesshaft-Werdung jener epochale Vorgang der Verbindung des Menschen mit dem Boden, das Heimischwerden des Menschen im Tag auf der Erde, nachdem er als Mensch Jahrhunderttausende lang nicht auf der Erde heimisch gewesen ist und sich zuletzt sogar in der künstlich erhellten Nacht der Höhlen den Ort gesucht und im Bild geschaffen hat, von dem aus er die Welt im Tag überhaupt erst bestehen konnte …

KEB: Heimat assoziieren Sie nicht zuletzt mit Kultur…

Schilling: In allen Hochkulturen ist der Mensch an einem bestimmten Ort auf der Erde heimisch gewesen, die Landschaft, ja die Gegend war Heimat für ihn und charakteristisch für seine ganze „Kultur“, wenn es auch immer Wanderungen gegeben hat. Das Wort Kultur heißt im Unterschied zur „Zivilisation“ Bodenbestellung, Bodenpflege und gilt daher heute im Maschinenzeitalter als suspekt oder wird in seiner Bedeutung verdreht.

KEB: Das Land – Heimat des Menschen?

Schilling: Das Land wurde vom Menschen verändert und der Mensch vom Land und den Aufgaben, die er in ihm hatte. Das Land wurde seine Heimat und blieb es bis zum Ende.

KEB: … und diese Verbindung von Land und Mensch wird nun zerstört im „Maschinenzeitalter“?

Schilling: Der „Dienst“ an der Maschine ist bloß an den Aufstellungsort der Maschine gebunden und löst die Verbindung von Mensch und Boden. Das Haus, das die Familie mitsamt Kindern, Knechten und Mägden geborgen hat, wird in dieser Zeit zum Mietshaus, das da gebaut wird, wo die Maschine steht, die der Arbeiter – vielfach auch schon der Ingenieur – bedient. Es ist ein erheblicher Unterschied zwischen den Häusern, Dörfern und sogar den Städten, die der Besitz und der Wohnort von Generationen werden, und den Mietshäusern und „Eigentumswohnungen“, die kurzfristig mietbar, beiderseits kündbar oder rasch käuflich oder verkäuflich sind, durch die der Strom verschiedener Bewohner fluktuiert. Solche Häuser werden ebenso verbraucht und ohne Sorgfalt benutzt, wie die Menschen selbst im Dienst der Maschine.

KEB: Herr Professor, ich danke für dieses Gespräch.

Kurt Schilling, geboren am 17. Oktober 1899 in München, gestorben am 11. Februar 1977 in Kreuth, war ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seiner Nazi-Vergangenheit zum Trotz lohnt sich eine Beschäftigung mit seinem Schrifttum zur Philosophie der Technik, die ohnehin auf die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zu datieren ist, als Schilling bereits wieder lehren durfte.
Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Stütze und Last

Kurt E. Becker im Gespräch mit Arthur Schopenhauer

KEB: Stütze und Last, Herr Schopenhauer, beschreiben Sie als beständiges Thema der Baukunst, verbunden mit dem Grundgesetz, dass keine Last ohne genügende Stütze und keine Stütze ohne angemessene Last sein könne. Können wir das an einem Beispiel konkretisieren?

Schopenhauer: Die reinste Ausführung dieses Themas ist Säule und Gebälk: daher ist die Säulenordnung gleichsam der Generalbaß der ganzen Architektur geworden. In Säule und Gebälk nämlich sind Stütze und Last vollkommen gesondert; wodurch die gegenseitige Wirkung Beider und ihr Verhältniß zueinander augenfällig wird. Denn freilich enthält selbst jede schlichte Mauer schon Stütze und Last: allein hier sind Beide noch ineinander verschmolzen. Alles ist hier Stütze und Alles Last: daher keine ästhetische Wirkung. Diese tritt erst durch die Sonderung ein und fällt dem Grade derselben gemäß aus. Denn zwischen der Säulenreihe und der schlichten Mauer sind viele Zwischenstufen. Schon auf der bloß zu Fenstern und Thüren durchbrochenen Mauer eines Hauses sucht man jene Sonderung wenigstens anzudeuten…

KEB: Last gibt es aber auch ohne Stütze?

Schopenhauer: Ein lukulentes Beispiel von Last ohne Stütze bieten die, an den Ecken mancher, im geschmackvollen Stil der „Jetztzeit“ erbauten Häuser hinausgeschobenen Erker dem Auge dar. Man sieht nicht was sie trägt: sie scheinen zu schweben und beunruhigen das Gemüth.

KEB: In punkto Ästhetik sehen Sie die italienische Architektur gegenüber der deutschen im Vorteil. Warum?

Schopenhauer: Dass in Italien sogar die einfachsten und schmucklosesten Gebäude einen ästhetischen Eindruck machen, in Deutschland aber nicht, beruht hauptsächlich darauf, dass dort die Dächer sehr flach sind. Ein hohes Dach ist nämlich weder Stütze noch Last: denn seine beiden Hälften unterstützen sich gegenseitig, das Ganze aber hat kein seiner Ausdehnung entsprechendes Gewicht. Daher bietet es dem Auge eine ausgebreitete Masse dar, die dem ästhetischen Zwecke völlig fremd, bloß dem nützlichen dient, mithin jenen stört, dessen Thema immer nur Stütze und Last ist.

KEB: Ein Wort zur Größe im Verhältnis zur Ästhetik eines Gebäudes?

Schopenhauer: … die Werke der Architektur (müssen), um ästhetisch zu wirken, durchaus eine beträchtliche Größe haben; ja, sie können nie zu groß, aber leicht zu klein seyn. Sogar steht, ceteris paribus, die ästhetische Wirkung im geraden Verhältniß der Größe der Gebäude; weil nur große Massen die Wirksamkeit der Schwerkraft in hohem Grade augenfällig und eindringlich machen. Hierdurch bestätigt sich abermals meine Ansicht, dass das Streben und der Antagonismus jener Grundkräfte der Natur den eigentlichen ästhetischen Stoff der Baukunst ausmacht, welcher, seiner Natur nach, große Massen verlangt, um sichtbar, ja fühlbar zu werden.

KEB: Last not least ein Wort zur Architektur der Griechen?

Schopenhauer: Das … alleinige Thema der Architektur, Stütze und Last, ist so sehr einfach, dass eben deshalb diese Kunst, soweit sie schöne Kunst ist …, schon seit der besten Griechischen Zeit, im Wesentlichen vollendet und abgeschlossen, wenigstens keiner bedeutenden Bereicherung mehr fähig ist. Hingegen kann der moderne Architekt sich von den Regeln und Vorbildern der Alten nicht merklich entfernen, ohne eben schon auf dem Wege der Verschlechterung zu seyn. Ihm bleibt daher nichts übrig, als die von den Alten überlieferte Kunst anzuwenden und ihre Regeln, soweit es möglich ist, unter den Beschränkungen, welche das Bedürfniß, das Klima, das Zeitalter, und sein Land ihm unabweisbar auflegen, durchzusetzen. Denn in dieser Kunst, wie auch in der Skulptur, fällt das Streben nach dem Ideal mit der Nachahmung der Alten zusammen.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Arthur Schopenhauer, geboren am 22. Februar 1788 in Danzig, gestorben am 21. September 1860 in Frankfurt am Main, war ein deutscher Philosoph des subjektiven Idealismus, der überzeugt war, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt.
Gespräch mit Joseph A. Schumpeter

Verflüchtigung der Substanz des Eigentums

Kurt E. Becker im Gespräch mit Joseph A. Schumpeter

KEB: Herr Professor Schumpeter, Sie legen stringent dar, dass der Prozess des Kapitalismus das Leben aus der Idee des Eigentums entfernt und in die virtuelle Welt von Aktienpaketen verflüchtigt. Was sind die Konsequenzen?

Schumpeter: …diese Verflüchtigung dessen, was wir die materielle Substanz des Eigentums – seine sichtbare und fühlbare Wirklichkeit – nennen können, beeinflusst nicht nur die Haltung der Aktienbesitzer, sondern auch die der Arbeiter und die der Öffentlichkeit im Allgemeinen. Ein Eigentum, das von Person und Materie gelöst und ohne Funktion ist, macht keinen Eindruck und erzeugt keine moralische Treuepflicht, wie es die lebenskräftige Form des Eigentums einst tat. Zuletzt bleibt niemand mehr übrig, der sich wirklich dafür einsetzen will.

KEB: Was heißt das speziell für den Besitz von Immobilien?

Schumpeter: Bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bildeten das Stadthaus und der Landsitz überall nicht nur den angenehmen und behaglichen Rahmen des Privatlebens auf den höheren Einkommensstufen, sondern sie waren auch unentbehrlich. Nicht nur die Pflege der Gastlichkeit jeden Ausmaßes und Stils, sondern auch die Behaglichkeit, Würde, Ruhe und Vornehmheit der Familie waren davon abhängig, dass sie ein angemessenes eigenes Foyer mit einem angemessenen Dienstbotenstab hatte. Die im Ausdruck „Haus“ oder „Häuslichkeit“ zusammengefassten Einrichtungen wurden demgemäß von durchschnittlichen Mann und der durchschnittlichen Frau aus bürgerlichen Kreisen als Selbstverständlichkeit aufgefasst, genauso wie sie auch Ehe und Kinder – die „Gründung einer Familie“ – als Selbstverständlichkeit betrachteten.

KEB: Sie greifen damit zurück auf den alten Ökonomie-Begriff eines Aristoteles, der das gesamte Wirtschaften von oikos, vom Haus, von der Hauswirtschaft her dachte. Und Sie wiederum verleihen diesem oikos-Begriff darüber hinaus eine ganz spezielle Tiefendimension, die Sie mit dem Schwinden der von Ihnen apostrophierten „Häuslichkeit“ zunehmend verflachen sehen.

Schumpeter: Heutzutage treten nun einerseits die Annehmlichkeiten des bürgerlichen „Hauses“ neben seinen Bürden immer mehr in den Hintergrund… Auf der andern Seite ist die Häuslichkeit der alten Art nicht mehr ein unumgängliches Erfordernis, um in der bürgerlichen Sphäre behaglich und verfeinert zu leben. Das Apartmenthaus und das Apartmenthotel stellen einen rationalisierten Typ des Wohnens und einen andern Stil des Lebens dar…

KEB: Sie unterstellen, dass das Zurückdrängen der Häuslichkeit in den oberen Schichten der kapitalistischen Gesellschaft auch mit dem Abnehmen des Kinderwunsches in Verbindung zu bringen sei…

Schumpeter: Es handelt sich auch hier um eine Wechselbeziehung: Das allmähliche Verschwinden des geräumigen Hauses – in dem allein sich dass reiche Leben einer zahlreichen Familie entfalten kann – und die zunehmenden Reibungen, mit denen es funktioniert, bilden ein weiteres Motiv, um die Sorgen der Elternschaft zu vermeiden; aber der abnehmende Wunsch auf Nachkommenschaft vermindert seinerseits wieder den Wert eines geräumigen Hauses.

KEB: Daraus schlussfolgern Sie einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Kapitalismus?

Schumpeter: Um sich klar zu werden, was dies alles für die Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Produktionsmaschine bedeutet, brauchen wir nur daran zu erinnern, dass die Familie und ihr Haus die hauptsächliche Triebfeder, die typisch bürgerliche Art des Gewinnmotivs zu sein pflegten. Die Ökonomen haben dieser Tatsache nicht immer genügend Gewicht beigelegt. Wenn wir uns ihre Vorstellungen vom Selbstinteresse der Unternehmer und Kapitalisten näher betrachten, so kann es uns nicht entgehen, dass die Ergebnisse, die es hervorbringen soll, durchaus nicht dem entsprechen, was man vom rationalen Selbstinteresse des unabhängigen Individuums oder des kinderlosen Ehepaars erwarten würde, welche die Welt nicht mehr durch die Fenster eines Familienhauses betrachten.

KEB: Ihre Kollegen gehen also von irrigen Annahmen aus?

Schumpeter: Bewusst oder unbewusst haben sie das Verhalten eines Mannes analysiert, dessen Ansichten und Motive durch ein solches Haus geformt sind und der in erster Linie für seine Frau und seine Kinder arbeiten und sparen will. Sobald diese Motive aus dem moralischen Aspekt des Geschäftsmannes weichen, haben wir eine andere Art des Homo oeconomicus vor uns, der sich für anderes interessiert und anders handelt. Für ihn und vom Standpunkt seines individualistischen Utilitarismus aus wäre das Verhalten jenes alten Typus de facto völlig irrational. Er geht der einzigen Art von Romantik und Heroismus verlustig, die in dieser unromantischen und unheroischen Zivilisation des Kapitalismus noch übrig geblieben ist…

KEB: Summa summarum schlussfolgern Sie: „Die Börse ist ein armseliger Ersatz für den Heiligen Gral...“

Herr Professor, ich danke für das Gespräch.

Joseph A. Schumpeter, geboren am 8. Februar 1883 in Triesch, Mähren, gestorben am 8. Januar 1950 in Taconic, Conneticut, USA, war einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, der mit seiner an Karl Marx angelehnten Theorie der schöpferischen Zerstörung auch heutige Ökonomen noch immer maßgeblich beeinflusst – speziell im Zusammenhang mit dem Modebegriff „Disruption“.

Gespräch mit Hans Sedlmayer

Verlust der Mitte

Kurt E. Becker im Gespräch mit Hans Sedlmayer

KEB: Herr Professor, Sie gelten als Verteidiger der Tradition gegen die Moderne. In Ihrem noch heute oft gelesenen Standardwerk „Verlust der Mitte“ beklagen Sie den Mangel an Verbindlichkeiten im Wertekanon, wie wir das heute formulieren würden. Was heißt das konkret in punkto der Architektur-Entwicklung?

Sedlmayer: Die Baukunst zeigt die Tendenz, alle plastischen, anthropomorphen und malerischen Werte … aus sich auszustoßen, auch das Element der Farbe und das Ornament, zuletzt auch die „Säulenanordnungen“, auf denen die Architektur seit der Renaissance beruht hatte. Sie will „reine“ Architektur werden und proklamiert sich mit Stolz als „autonom“...Die neue Architektur der Revolution wäre also die von jenen fremden Beimengungen nach Möglichkeit gereinigte, eine „pure“, eine „absolute“, eine „befreite“ Architektur.

KEB: Diese Entwicklung bereitet Ihnen Kopf- und Bauchschmerzen?!

Sedlmayer: Diese Auffassung ist ...nicht annehmbar. Wir haben erkannt, dass die Revolutionsarchitektur sich unter eine viel unmenschlichere Heteronomie begeben hat: eben unter die der puren Geometrie. Und sie hört durch das Ausstoßen alles vermeintlich Nicht-Architektonischen auf, Ordnungsmacht für die anderen Künste zu sein...Die Gleichsetzung der Architektur mit der Geometrie, auf der das „abstrakte“ Bauen beruht, wird noch überboten durch ein neues Dogma, welches das ältere in sich einschließt, aber auch überwältigt. Es heißt: Jeder baue erst eine Maschine. Zwischen dem Bauen von Schiffen, Flugzeugen, Fahrzeugen usw. und dem Bauen von Häusern aller Art wird kein grundsätzlicher Unterschied mehr anerkannt. Anstelle des geometrisch-statischen tritt jetzt das „dynamische“ Konstruieren, anstelle der elementaren die höhere Geometrie.

KEB: Verkürzt: Maschinen kämpfen gegen Menschen?

Sedlmayer: Der große Kampf der Maschinen gegen die Architekturen, besonders auch die alten … erscheint, so gesehen, wie der unbewusste Ausbruch eines tiefen Hasses der Maschinenmenschen gegen das Architektonische. Sie realisieren nun, was die avantgardistische Theorie – unter dem Beifall des modernen Publikums – von früher gefordert hatte…

KEB: Hier zitieren Sie Le Corbusiers Dogma: „Der Kern unserer alten Städte mit ihren Domen und Münstern muss zerschlagen und durch Wolkenkratzer ersetzt werden…“

Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Hans Sedlmayer, geboren am 18. Januar 1896 in Hornstein, Österreich-Ungarn, gestorben am 9. Juli 1984 in Salzburg, war ein österreichischer Kunsthistoriker, wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP verlor er 1945 zunächst seine Professur, erhielt aber 1951 wieder einen Ruf an die Universität München und anschließend an die Universität Salzburg, wo er die Lehrkanzel für Kunstgeschichte gründete.
Gespräch mit Alphons Silbermann

„Profanbauten mit Geist und Seele“

Kurt E. Becker im Gespräch mit Alphons Silbermann

KEB: Herr Professor Silbermann, Sie galten zu Ihren Lebzeiten auch als „Wohnsoziologe“, forschten den Deutschen unter anderem in deren Badezimmer hinterher. Was war für Sie als Wohnsoziologe Architektur und welche Bedeutung hat Architektur in der Gegenwart?

Silbermann: Architektur ist Ausdruck einer humanen Lebensweise. Sie hat daher im Dienste und im Empfang ihrer Benutzer zu stehen. Sie ist ein Rahmen und eine Gesamtheit von Mitteln, die dazu beitragen, die Existenz des Menschen angenehmer zu gestalten. Sie hat zur Achtung des Privatlebens beizutragen, der „Privacy“, wie die Engländer sagen, und zur gleicher Zeit der Begegnung mit anderen Menschen, der Gastlichkeit sowie der Entwicklung von Gemeinwesen, die stolz darauf sind, dass es sich in ihnen gut leben lässt.

KEB: L’art pour l’art in der Wissenschaft war ja nie Ihr Ding, ganz in diesem Sinne sind auch Ihre „stolzen“ Forderungen an die Architektur zu verstehen. Welche Voraussetzungen muss Architektur Ihrer Meinung nach erfüllen, damit sie diesen Ansprüchen genügen kann?

Silbermann: Es ist notwendig, dass die Architektur auf einem humanen Maßstab verbleibt, dass sie sowohl in Fläche als auch in Höhe das Kolossale, die Gigantonomie meidet, die zurzeit so gefällig gewordenen Dinosaurier-Ausmaße. Architektur muss eine Landschaft bzw. ein Landschaftsbild ausmachen und darum die sie umgebende urbane und natürliche Landschaft respektieren. Sie hat sich, soweit möglich, an der natürlichen Gegend zu inspirieren, den Geist und den Stil der Örtlichkeit zu erwecken, um so der Mannigfaltigkeit der traditionellen Lebensweise der Region entgegenzukommen.

KEB: Entspricht heutige Architektur diesem „humanen Maßstab“? Wenn nein: Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Silbermann: Zu vermeiden sind für jede Gelegenheit passende Gebäude, die Gleichförmigkeit der industriell hergestellten Raumvolumen, sodass am Ende niemand mehr weiß, wo er sich befindet und nicht nur die Orientierung verliert, sondern überdies seine eigene Identität.

KEB: Sie haben sich ja selbst immer als militanten Humanisten bezeichnet und darin Ihre eigene Identität gefunden, verehrter Herr Professor. Was sagt ein „militanter Humanist“ zur modernen Architektur?

Silbermann: Der englische Politiker Edmund Burke, Gegner einer romantisch verhüllten Aufklärung, sagte einst, dass eine Kultur ihre Solidität ihrer Kontinuität verdanke. Auch die gegenwärtige Architektur, gebe sie sich modern oder postmodern, wie das unlogische Wort lautet, ist in eine Geschichte eingeschrieben.

KEB: Was heißt das?

Silbermann: Alle diese Gegebenheiten setzen ein Erbe fort, das nach Bewahren verlangt, womit ich nicht etwa einer rückläufigen Vergangenheitsträchtigkeit das Wort rede, sondern der Liebe des Erbgutes als eine Beschaffenheit des Menschen sowie als eine Beschaffenheit seiner Zukunft. Kurzum: Es gilt, repräsentative Profanbauten zum Träger eines Geistes und einer Seele zu machen.

KEB: Nun sind Sie ja selbst Preisträger eines „Preises für humanes Bauen“. Was verstehen Sie selbst unter „humanem Bauen“?

Silbermann: Wer wie ich als Soziologe spricht, hat sich bei der Betrachtung eines Werkes der Architektur, nenne man es ein Kunstwerk oder nicht, dem Augenblick zuzuwenden, in dem sich das Werk mit der Gesellschaft trifft, will sagen, mit demjenigen Individuum oder denjenigen Gruppen, von denen es empfangen und erlebt wird. Dieses beim Architekturerlebnis im Gegensatz zu anderen Kunst-Erlebnissen hervorstechende Element einer relativen Permanenz stellt nicht nur eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber dem Bauwerk dar, nachdem es errichtet worden ist, sondern bedeutet bereits eine Verpflichtung zu Zeiten der Errichtung. Damit spreche ich aus, was allzu leicht und allzu gerne übersehen wird, dass es nicht die Bauten sind, die den Menschen zu beherrschen haben, sondern dass der Mensch, der ihnen ihren Symbolwert verleiht, in dieser Verpflichtung Urheber und Anreger zu sein und zu bleiben hat.

KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Alphons Silbermann, geboren am 11. August 1909 in Köln am Rhein, gestorben am 4. März 2000 ebenda. Promovierter Jurist, von den Nazis aus Deutschland vertrieben, Kellner und Bar-Pianist in Paris, Fast Food-Unternehmer in Sydney. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Professor für Soziologie an der Universität Köln, verstand sich selbst als „Alltagssoziologe“, der sich mit dem Befinden und der Befindlichkeit der Menschen in der Gesellschaft auseinanderzusetzen habe. Bahnbrechend unter anderem seine Studien zum „Wohnen der Deutschen“, die ihm einen Preis für humanes Bauen, verliehen von der damaligen Bauministerin Irmgard Adam-Schwaetzer 1991 in Bonn, einbrachten.
Gespräch mit Georg Simmel

Großstädtisches Leben

Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel

KEB: Herr Simmel, Ihr Aufsatz „Die Großstadt und das Geistesleben“ hat Kultur- und Soziologiegeschichte geschrieben. Wie definieren Sie die psychologische Grundlage, von der Sie in Ihren Überlegungen ausgegangen sind?

Simmel: Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, das heißt sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.

KEB: Aus diesen Einsichten wurden von Ihnen auch die Unterschiede vom großstädtischen zum kleinstädtischen Leben abgeleitet. Eine prägnante Kurzform dieser Unterschiede?

Simmel: Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens – stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewusstseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes. Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter des großstädtischen Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, das vielmehr auf das Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist.

KEB: Ihr Hauptwerk schlechthin ist die „Philosophie des Geldes“. Darin verorten Sie die Geldwirtschaft grundsätzlich in der Stadt?

Simmel: Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen, weil die Mannigfaltigkeit und Zusammendrängung des wirtschaftlichen Austausches dem Tauschmittel eine Wichtigkeit verschafft, zu der es bei der Spärlichkeit des ländlichen Tauschverkehrs nicht gekommen wäre. Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhange. Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart.

KEB: Und basierend auf der Geldwirtschaft sehen Sie in der Stadt auch eine völlig neue Form des Handels entstehen?

Simmel: Das Wesentliche auf wirtschaftspsychologischem Gebiet ist hier, dass in primitiveren Verhältnissen für den Kunden produziert wird, der die Ware bestellt, sodass Produzent und Abnehmer sich gegenseitig kennen. Die moderne Großstadt aber nährt sich fast vollständig von der Produktion für den Markt, d.h. für völlig unbekannte, nie in den Gesichtskreis des eigentlichen Produzenten tretende Abnehmer.

KEB: Sie haben ein wunderbares Zitat eines britischen Kollegen parat, das die Gründe für den Brexit auf den Punkt bringt.

Simmel: Im Verlauf der ganzen englischen Geschichte habe London niemals als das Herz von England gehandelt, oft als sein Verstand und immer als sein Geldbeutel!

KEB: Und die Komplexität städtischen Lebens und dessen Gefährdung verdeutlichen Sie an einem einfachen Beispiel in Deutschlands Hauptstadt.

Simmel: Wenn alle Uhren in Berlin plötzlich in verschiedener Richtung falschgehen würden, auch nur um den Spielraum einer Stunde, so wäre sein ganzes wirtschaftliches und sonstiges Verkehrsleben auf lange hinaus zerrüttet.

KEB: Herr Simmel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Georg Simmel, geboren 1858, gestorben 1918 war ein deutscher Philosoph und Soziologe. In seinem Hauptwerk „Die Philosophie des Geldes“ veranschaulicht er die Macht des Geldes mit dem simplen Beispiel, dass die Banken größer und mächtiger seien als die Kirchen. Sie seien die Mittelpunkte der Städte.
Gespräch mit Adam Smith

Lob der nützlichen Investition

Kurt E. Becker im Gespräch mit Adam Smith

KEB: Ihre Lehre geht unter anderem von der These aus, dass Kapitalien durch Sparsamkeit vermehrt werden und durch Verschwendung und unkluges Betragen vermindert. Zumindest in punkto des Themas „Sparsamkeit“ wäre ein sehr großes Fragezeichen hinter Ihre These zu setzen. Grundsätzlich jedoch haben Ihre Überlegungen zum Verhältnis von Privat- und Volksvermögen einen ganzen Wissenschaftszweig begründet. Beginnen wir unser Gespräch mit der Frage nach dem Einkommen eines Privatmannes.

Smith: Das Einkommen eines Privatmannes kann entweder für Dinge ausgegeben werden, die man sofort verbraucht und bei denen die Ausgabe des einen Tages die eines anderen weder erleichtern noch unterstützen kann, oder es kann für Dinge ausgegeben werden, die dauerhafter sind, sich daher anhäufen lassen, und bei denen die Ausgabe jedes Tages, wenn es dem Eigentümer gefällt, die des folgenden erleichtern oder unterstützen und ihre Wirkung erhöhen kann. Ein reicher Mann kann z. B. entweder sein Einkommen auf eine verschwenderische und kostspielige Tafel, auf den Unterhalt einer großen Zahl von häuslichen Dienstboten und auf eine Menge Hunde und Pferde verwenden, oder er kann, indem er sich mit einem einfachen Tische und wenigen Bedienten begnügt, den größten Teil davon zur Ausschmückung seines Hauses oder seiner Villa, zu nützlichen oder schönen Gebäuden, zu nützlichen oder schönen Gerätschaften, zur Sammlung von Büchern, Statuen und Gemälden verbrauchen, oder zu nichtigeren Dingen, wie Edelsteinen, allerlei Spielzeug und sinnreichem Kram, oder auch, was das Läppischste ist, zur Sammlung einer großen Garderobe schöner Kleider…

KEB: Die Konsequenz?

Smith: Wenn von zwei Menschen mit gleichem Vermögen der eine sein Einkommen hauptsächlich auf jene, der andere das seinige auf diese Art ausgebe, so würde die Machtfülle desjenigen, der seinen Aufwand hauptsächlich in dauerhaften Waren anlegen würde, in stetem Wachstum sein, indem der Aufwand jedes Tages etwas dazu beitrüge, die Wirkung des Aufwandes des folgenden Tages zu unterstützen und zu erhöhen; dagegen würde die Machtfülle des anderen am Ende des Zeitraumes nicht größer sein als am Anfang. Auch würde der erstere am Ende des Zeitraums der reichere Mann von beiden sein: er würde einen Vorrat von Gütern irgendwelcher Art haben, der, wenn er auch nicht so viel wert wäre, als er gekostet hat, doch immer etwas wert sein würde. Von dem Aufwande des Letzteren bliebe hingegen keinerlei Spur zurück und die Ergebnisse einer zehn- oder zwanzigjährigen Verschwendung wären so vollständig ausgetilgt, als hätten sie niemals existiert.

KEB: Nun kommt Ihr berühmter Rückschluss vom privaten Wohlstand zu dem eines Volkes?!

Smith: Wie die eine Art des Aufwandes für den Wohlstand eines Privatmannes günstiger ist, als die andere, so ist sie es auch für den einer Nation. Die Häuser, Gerätschaften und Kleidungsstücke der Reichen werden nach kurzer Zeit den unteren und mittleren Volksklassen nützlich. Sie können sich sie kaufen, wenn die oberen Klassen ihrer müde werden, und so steigert sich allmählich das allgemeine Behagen des ganzen Volkes, wenn jene Art des Aufwandes unter den reichen Leuten allgemein wird.

KEB: Und der Wohlstand kommt Ihrer Überzeugung nach allen zugute?

Smith: In Ländern, die lange reich gewesen sind, findet man oft die unteren Volksklassen im Besitz von Häusern und Gerätschaften, die noch gut und vollkommen brauchbar sind, die aber für ihren Bedarf weder gebaut noch gefertigt sein konnten. … In manchen alten Städten, mit denen es entweder lange Zeit nicht vorwärts ging, oder die etwas in Verfall geraten sind, findet man manchmal kaum ein Haus, das für seine gegenwärtigen Bewohner gebaut sein könnte. Tritt man dann in ein solches Haus, so findet man häufig manche vortreffliche wenn auch veraltete Gerätschaften, die noch ganz gut zu gebrauchen sind und die ebenso wenig für die jetzigen Besitzer gemacht sein können. Stattliche Paläste, herrliche Landhäuser, große Sammlungen von Büchern, Statuen, Gemälden und anderen Sehenswürdigkeiten sind oft nicht bloß für die Nachbarschaft, sondern für das ganze Land, dem sie gehören, ein Schmuck und eine Ehre.

KEB: Investitionen in Immobilien finden Sie prinzipiell positiv?

Smith: Hat ... jemand für Gebäude, Gerätschaften, Bücher oder Gemälde je zu viel Geld ausgegeben, so lässt sich noch nicht auf eine Unklugheit schließen, wenn er sein Verfahren ändert. Diese Dinge sind derart, dass weitere Ausgaben oft durch frühere Ausgaben unnötig gemacht werden; und wenn jemand plötzlich innehält, so scheint er das nicht deshalb zu tun, weil er die Grenzen seines Vermögens überschritten, sondern weil er seiner Neigung Genüge getan hat.
Überdies unterhält dieser Aufwand auf die eine Art produktive, und auf die andere Art unproduktive Arbeitskräfte. Auf die eine Art vermehrt er also den Tauschwert des jährlichen Boden- und Arbeitsproduktes des Landes, auf die andere vermehrt er ihn nicht.

KEB: Immobilien sind krisensicher?

Smith: ...gegenwärtig (ist) in den reichen Ländern Europas ein sehr großer, oft der größte Teil des Bodenproduktes dazu bestimmt, das Kapital des reichen und unabhängigen Pächters wiederherzustellen, das Übrige dazu, seine Profite und die Rente für den Grundeigentümer zu zahlen. … Bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge in Europa übersteigt der Anteil des Grundeigentümers selten ein Drittel, oft nicht ein Viertel von dem ganzen Produkte des Bodens. Dennoch ist die Grundrente in allen kultivierten Teilen des Landes seit jenen alten Zeiten um das Dreifache und Vierfache gestiegen, und dieses Drittel oder Viertel von dem Jahresprodukte ist, wie es scheint, drei- oder viermal größer, als damals das Ganze war. Unter den Fortschritten der Kultur vermindert sich die Rente im Verhältnis zu dem Produkte des Bodens, obgleich sie im Verhältnis zu dessen Ausdehnung wächst.

KEB: Ihre Bewertung europäischer Großstädte zu Ihrer Zeit?

Smith: Paris, Madrid und Wien ... Unter diesen drei Städten ist Paris die bei weitem gewerbtätigste; aber Paris ist auch selber der Hauptmarkt für alle dort bestehenden Manufakturen, und der eigene Bedarf der Stadt bildet den Hauptzweck des in ihr betriebenen Handels. London, Lissabon und Kopenhagen sind vielleicht die einzigen drei europäischen Städte, die sowohl beständige Sitze einer Hofhaltung sind, als auch zugleich als Handelsstädte angesehen werden können, d. h. als Städte, deren Handel sich nicht bloß auf ihren eigenen Bedarf, sondern auch auf den anderer Länder und Städte erstreckt. Die Lage von all den dreien ist außerordentlich vorteilhaft, und befähigt sie natürlich dazu, die Stapelplätze für einen großen Teil der Güter zu sein, die für den Bedarf entlegener Orte bestimmt sind.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Adam Smith, geboren am 16. Juni 1723 in Kirkcaldy, Grafschaft Fife, Schottland, gestorben am 17. Juli 1790 in Edinburgh, war ein schottischer Moralphilosoph und Aufklärer und gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie.
Gespräch mit Oswald Spengler

Weltgeschichte ist die Geschichte der Stadtmenschen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Oswald Spengler

KEB:  Nicht nur in punkto Ihrer zyklischen Geschichtstheorie haben Sie eine besondere Sicht auf die Weltgeschichte, Herr Spengler.

Oswald Spengler: Es ist eine ganz entscheidende und in ihrer vollen Bedeutung nie gewürdigte Tatsache, dass alle großen Kulturen Stadtkulturen sind. Der höhere Mensch … ist ein städtebauendes Tier. Dies ist das eigentliche Kriterium der „Weltgeschichte“, das sie von der Menschengeschichte überhaupt aufs Schärfste abhebt – Weltgeschichte ist die Geschichte des Stadtmenschen… Daraus folgt aber, und das ist wesentlicher als alles andere: alle politische, alle Wirtschaftsgeschichte kann nur begriffen werden, wenn man die vom Lande sich mehr und mehr absondernde und das Land zuletzt völlig entwertende Stadt als das Gebilde erkennt, welches den Gang und Sinn der höheren Geschichte überhaupt bestimmt.

KEB: Eine Entwicklung, die Sie freilich höchst kritisch sehen.

Oswald Spengler: Mit der Zivilisation tritt das Klimakterium ein. Die uralten Wurzeln des Daseins sind verdorrt in den Steinmauern ihrer Städte. Der freie Geist – ein verhängnisvolles Wort! – erscheint wie eine Flamme, die prachtvoll aufsteigt und jäh in der Luft verlodert… Und zuletzt beginnt die riesenhafte Weltstadt, die Stadt als Welt, neben der es keine andere geben soll, die Vernichtungsarbeit am Landschaftsbilde...

KEB: Nicht von ungefähr sprechen Sie von der „Todessymbolik“ der Stadt.

Oswald Spengler: Der Steinkoloss „Weltstadt“ steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht. Diese steinerne Masse ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner großartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig „Gewordenen“. Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten Material dieser dämonischen Steinwüste geworden.

KEB: Allerdings, und da ist Ihre geradezu prophetische Weitsicht bemerkenswert, sahen Sie schon zu Ihrer Zeit die Entwicklung der Stadt noch nicht an ihrem Ende angelangt.

Oswald Spengler: Die Weltstädte der westeuropäisch-amerikanischen Zivilisation haben noch bei weitem nicht den Gipfel ihrer Entwicklung erlangt. Ich sehe – lange nach 2000 – Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen, die sich über weite Landschaften verteilen, mit Bauten, gegen welche die größten der Gegenwart zwerghaft wirken, und Verkehrsgedanken, die uns heute als Wahnsinn erscheinen würden.

KEB: Herr Spengler, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Oswald Spengler, geboren am 29. Mai 1880 in Blankenburg im Harz, gestorben am 8. Mai 1936 in München, war ein deutscher Geschichtsphilosoph, Privatgelehrter und Schriftsteller, der in seinem Hauptwerk, „Der Untergang des Abendlandes“, eine zyklische Geschichtstheorie entwickelte als Gegensatz zur vorherrschenden linearen Geschichtsschreibung.
Gespräch mit Rudolf Steiner

Anthroposophische Architektur – Formen des organischen Lebens

Kurt E. Becker im Gespräch mit Rudolf Steiner

KEB: „Herr Steiner, Ihr gesamtheitlicher Blick auf die Welt in der Anthroposophie hat auch eine spezifisch eigene Form der Architektur hervorgebracht. Eindrucksvoll Gestalt gewonnen hat diese anthroposophische Architektur auf dem Dornacher Hügel bei Basel in der Schweiz. Dort insbesondere durch den Bau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaften. Wie ist es dazu gekommen?“

Steiner: „Ich glaubte, meine Kraft auf den Aufbau der inneren geistigen Arbeit der Anthroposophie konzentrieren zu müssen und nahm dankbar die Initiative hin, derselben eine eigene Wirkensstätte zu schaffen. In dem Augenblicke aber, in dem die Initiative ihrer Verwirklichung entgegenging, war die künstlerische Ausgestaltung für mich eine Sache der inneren geistigen Arbeit. Ich hatte mich dieser Ausgestaltung zu widmen.“

KEB: „Planen und Bauen – Ergebnis einer künstlerischen Eingebung?“

Steiner: „… aus denselben Grundlagen, aus denen die Gedanken der Anthroposophie kommen, (müssen) auch die künstlerischen Formen des Baues kommen …, wenn er eine wirkliche Umrahmung der anthroposophischen Weltanschauung sein solle. … Dass dieses nicht in der Art einer strohernen Allegorik der Bauformen oder eines vom Gedanken angekränkelten Symbolismus zu geschehen hat, liegt im Wesen der Anthroposophie, die nach meiner Überzeugung eben zur wirklichen Kunst führt.“

KEB: „Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaften trägt den Namen Johann Wolfgang von Goethes. Was hat’s damit auf sich?“

Steiner: „Ich habe im Laufe der Jahre, in denen gebaut wurde, öfters ausgesprochen, dass ich im Aufbau der anthroposophischen Weltanschauung vor vielen Jahren von der Betrachtung Goethescher Vorstellungsart ausgegangen bin, und dass für mich deren Heim ein Goetheanum ist. Daraufhin haben vorzugsweise nicht-deutsche Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft den Entschluss gefasst, fernerhin dem Bau den Namen Goetheanum zu geben.“

KEB: „Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere am Goetheanum?“

Steiner: „… am Goetheanum wurden keine abstrakten Ideen verkörperlicht. Die Ideengestaltung wurde völlig vergessen, wenn aus der künstlerischen Empfindung die Form, aus der künstlerischen Anschauung Linie aus Linie, Fläche aus Fläche hervorgeholt wurde. Wenn in Farben auf der Wand dargestellt wurde, was auch unmittelbar im Farbenbilde geschaut wurde… Weil das mit dem Wesen des anthroposophischen Lebens zusammenhängt, wird derjenige, der sich des Auges und nicht des dogmatisierenden Verstandes beim Besuche in Dornach bedient hat, keine Symbole und Allegorien, sondern wirkliche künstlerische Versuche gewahr geworden sein.“

KEB: „Am Goetheanumsbau wurde aus dem Anthroposophen Rudolf Steiner auch ein anthroposophischer Architekt…?“

Steiner: „Als daran gegangen wurde, diesen Bau auszuführen, konnte es nicht sein, dass man sich an einen Künstler wandte, der im antiken, oder Renaissance- oder gotischen Stile der Anthroposophie hätte eine Heimstätte schaffen sollen. Wäre eben Anthroposophie bloße Wissenschaft, bloßer Ideeninhalt, dann hätte es so sein können. - Aber Anthroposophie ist Leben, ist Ergreifen des Allmenschlichen und der Welt im und durch den Menschen. … Die Initiative der Freunde dieser Weltanschauung für den Bau des Goetheanums konnte in Wahrheit nur ausgeführt werden, wenn dieser Bau bis in die Einzelheiten seiner Gestaltung aus demselben lebendigen Geiste heraus entstand, aus dem die Anthroposophie selbst quillt. Ich habe öfter ein Bild gebraucht: Man betrachte eine Nuss und die Nussschale. Die Schale ist gewiss kein Symbol der Nuss. Aber sie ist aus denselben Gesetzmäßigkeiten heraus geformt wie die Nuss. So kann der Bau nur sein die Hülle, die in ihren Formen und Bildern künstlerisch den Geist verkündigt, der im Worte lebt, wenn Anthroposophie durch Ideen spricht.“

KEB: „Am Goetheanum wurde ja so etwas wie ein „Baustil“ verwirklicht?“

Steiner: „… rein künstlerisch ist für das Goetheanum entstanden, was man einen Baustil nennen kann, der von der Symmetrie, Wiederholung und so weiter zu dem übergehen musste, was in den Formen des organischen Lebens atmet.“

Rudolf Steiner, geboren am 27. Februar 1861 in Kraljevec, gestorben am 30. März 1925 in Dornach, Goethe-Forscher und Philosoph, Herausgeber der Naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes, Begründer der Anthroposophie

Gespräch mit Henry David Thoreau

… das Haus besitzt ihn, nicht aber er das Haus

Kurt E. Becker im Gespräch mit Henry David Thoreau

KEB: Sie gehören nicht nur zu den weltweit einflussreichsten Denkern zum Thema „ziviler Ungehorsam“, mit Fug und Recht lässt sich auch behaupten, dass Sie theoretisch und praktisch einer der Vordenker dessen waren, was heute als „Nachhaltigkeitsethik“ beschrieben werden kann. Nicht von ungefähr haben Sie sich mit eigenen Händen eine Hütte im Wald gebaut und dort auch gelebt. Was haben Sie aus Ihrem „Experiment“, wie Sie es selbst bezeichnen, gelernt?

Thoreau: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ. Er wird mancherlei hinter sich lassen, wird eine unsichtbare Grenze überschreiten. Neue, allgemeine und freiere Gesetze werden sich um ihn und in ihm bilden, oder die alten werden ausgedehnt und zu seinen Gunsten in freierem Sinne ausgelegt werden. Es wird ihm vergönnt sein, unter Wesen einer höheren Seinsordnung zu leben.

KEB: Die wichtigste Lehre dieses Experiments?

Thoreau: Überflüssiger Reichtum kann nur Überflüssiges erkaufen. Die Lebensbedürfnisse der Seele kosten kein Geld.

KEB: Lassen Sie uns unter diesen Umständen einen Blick tun auf die Lebensbedürfnisse des Menschen.

Thoreau: Die Lebensbedürfnisse des Menschen in unserm Klima lassen sich ziemlich genau unter die Rubriken Nahrung, Wohnung, Kleidung und Brennmaterial verteilen; denn nicht bevor wir uns dieser Dinge versichert haben, sind wir bereit, an die wahren Probleme des Lebens mit Freiheit und einiger Aussicht auf Erfolg heranzutreten.

KEB: Von der Befriedigung der Grundbedürfnisse zum Luxus?

Thoreau: Das meiste von dem, was man unter dem Namen Luxus zusammenfasst, und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur zu entbehren, sondern geradezu Hindernisse für den Aufstieg des Menschengeschlechtes. Was Luxus und Bequemlichkeiten anbelangt, so haben die Weisesten immer ein einfacheres und ärmlicheres Leben geführt als die Armen. Niemand war ärmer an äußern Reichtümern als die alten chinesischen, indischen, persischen und griechischen Philosophen, niemand aber auch so reich an innern.

KEB: Sie konstrastieren das Leben der „Wilden“ mit dem in der Zivilisation!? Und Sie leiten daraus ein Problem ab, das aktuell die Menschen auch in Deutschland bewegt.

Thoreau: Bei den Wilden hat jede Familie ihr Obdach, ihre Wohnung, die den Vergleich mit jeder anderen aushält und für gröbere und einfachere Bedürfnisse genügt…
In großen Städten, wo die Zivilisation am meisten vorherrscht, beträgt die Zahl derjenigen, welche Wohnungseigentümer sind, nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtbevölkerung. Der Rest bezahlt eine jährliche Steuer für dieses äußerlichste Kleidungsstück, das für Sommer und Winter unentbehrlich geworden ist, welche hinreichen würde, ein ganzes Dorf indianischer Wigwams aufzukaufen, so aber dazu beiträgt, die Betreffenden, solange sie leben, arm zu behalten. Ich will mich hier nicht näher auf den Nachteil einlassen, den die Miete gegenüber dem Besitz aufweist, doch ist es klar, dass der Wilde ein eigenes Haus besitzt, weil es so wenig kostet, während der zivilisierte Mensch gewöhnlich eines mietet, weil er die Mittel nicht hat, es zu besitzen; auch wird im Lauf der Zeit das Mieten nicht leichter.

KEB: Sie befeuern die aktuelle politische Diskussion in Deutschland…

Thoreau: Wenn behauptet wird, dass die Zivilisation wirklich einen Fortschritt für den Menschen bedeute …, so muss auch nachgewiesen werden können, dass sie bessere Wohnungen schuf, ohne sie zu verteuern…

KEB: Ihr Urteil zur Moral der zivilisierten Gesellschaft?

Thoreau: … unsere Häuser sind solch schwerfällige Besitztümer, dass wir eher darin gefangen sitzen als behaust sind und die schlechte Nachbarschaft, die wir vermeiden sollten, ist unser eigenes verächtliches Ich … Während die Zivilisation nun aber unsere Häuser verbessert hat, ist es ihr nicht in gleichen Maßen gelungen, die Menschen, welche darinnen wohnen, zu verbessern. Sie hat Paläste geschaffen, doch war es nicht so leicht, auch Edelleute und Könige zu schaffen … Der Luxus der einen Klasse wird aufgewogen durch die Bedürftigkeit der anderen. Auf der einen Seite steht der Palast, auf der anderen das Armenhaus und der verschämte Arme.

KEB: Ihr Urteil über Hausbesitzer

Thoreau: … das Haus besitzt ihn, nicht aber er das Haus.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Henry David Thoreau, geboren am 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts, gestorben am 6. Mai 1862 ebenda, war ein amerikanischer Schriftsteller und Philosoph und gilt als „Prophet des zivilen Ungehorsams“.
Gespräch mit Alexis de Tocqueville

Den Erwerb von Grundbesitz erleichtern

Kurt E. Becker im Gespräch mit Alexis de Tocqueville

KEB: Herr de Tocqueville, Sie haben sich nicht nur mit Grundfragen der Demokratie sondern auch mit dem Thema „Armut“ befasst. Was sind Ihre wesentlichen Erkenntnisse der dynamischen Armutsentwicklung zu Ihrer Zeit.

Tocqueville: Die Konzentration des Grundbesitzes in nur wenigen Händen führt nicht allein zu dem Nebeneffekt, dass ein Teil der bäuerlichen Klassen verarmt. Mehr noch: Sie flößt den Bauern Gedanken und Gewohnheiten ein, die sie langfristig und zwangsläufig in Armut stürzen müssen.

KEB: In diesem Zusammenhang stellen Sie grundlegende Fragen…

Tocqueville: Wer sind die in den unteren Klassen, die sich mit Wollust allen Ausschweifungen und Zügellosigkeiten hingeben und die gern so leben, als gäbe es kein Morgen, wer zeigt sich immer und überall sorglos? Wer schließt diese verfrühten und unklugen Heiraten, die nur dazu da zu sein scheinen, die Zahl der Unglücklichen auf Erden zu vergrößern?

KEB: … und geben ebensolche Antworten…

Tocqueville: Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Es sind die Proletarier, die auf Erden nichts weiter besitzen als die Kraft ihrer Arme. Wenn aber gerade jene Männer zu irgendeinem noch so kleinen Stück Land kommen, bemerkt man dann nicht, wie sich ihre Gedanken und Gewohnheiten ändern? Lässt sich da nicht erkennen, dass sie sich mit dem Grundbesitz auch der Zukunft bewusst werden? Von dem Augenblick an, da sie fühlen, dass sie etwas zu verlieren haben, denken sie an die Zukunft. …. Es ist also eigentlich nicht so sehr die Armut, die den Bauern blind für die Zukunft werden und den rechten Weg verlassen lässt, ist er doch vielleicht mit einem winzig kleinen Feld genauso arm. Es ist vielmehr das Fehlen jeglichen Besitzes, es ist die absolute Abhängigkeit vom Zufall.

KEB: Und Ihr probates Mittel?

Tocqueville: Es sei auch noch hinzugefügt, dass es hinsichtlich der Mittel, die den Menschen einen Sinn für Disziplin, Tatkraft und Sparsamkeit vermitteln, wohl kein mächtigeres gibt, als ihnen den Erwerb von Grundbesitz zu erleichtern.

KEB: Ich danke für das Gespräch.

Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville, geboren am 29. Juli 1805 in Verneuil-sur-Seine, gestorben am 16. April 1859 in Cannes, war ein französischer Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der Vergleichenden Politikwissenschaft. Sein berühmtestes Werk ist seine Studie „Über die Demokratie in Amerika“.
Gespräch mit Ferdinand Tönnies

Gemeinschaft und Gesellschaft

Kurt E. Becker im Gespräch mit Ferdinand Tönnies

KEB: Immobilien und deren Akkumulationen genießen einen hohen Rang in ihrem soziologischen Theorie-Gebäude, lieber Herr Professor Tönnies. Haus, Dorf, Stadt kategorisieren Sie als Gemeinschaften, Großstadt und Weltstadt dagegen als Kategorien der Gesellschaft. Lassen Sie uns Ihren Begrifflichkeiten und damit den Dingen auf den Grund gehen. Durchaus im Sinne aristotelischer Philosophie hat das Haus eine spezifisch eigene Bedeutung in Ihrer Soziologie.

Tönnies: Die Verfassung des Hauses ist hier zuvörderst wichtig als Haushaltung, d. i. in ihrem ökonomischen Aspekt, als zusammen arbeitende und zusammen genießende Gemeinschaft. Der sich gleich Atemzügen immer wiederholende menschliche Genuss ist die Ernährung, daher Schaffung und Bereitung von Speise und Trank die notwendige und regelmäßige Arbeit. … Und wie Wald, Feld und Acker die natürliche äußere Sphäre, so ist der Herd und sein lebendiges Feuer gleichsam der Kern und die Wesenheit des Hauses selbst, die Stätte, um welche sich Mann und Weib, Jung und Alt, Herr und Knecht, zur Teilnahme am Mahle versammeln. So wird Herdfeuer und Tafel symbolisch bedeutend; jenes als die im Wechsel der Generationen dauernde Lebenskraft des Hauses; diese als die gegenwärtigen Mitglieder zur Erhaltung und Erneuerung von Leib und Seele vereinend. Die Tafel ist das Haus selber, insofern, als jeder darin seinen Platz hat und sein gebührend Teil zugewiesen erhält.

KEB: Inwiefern passen Tausch und Handel in diese Art von Ökonomie?

Tönnies: Hingegen widerspricht der eigentliche Tausch dem Wesen des Hauses; es sei denn insofern er unterhalb der Verteilung stattfindet und als die Individuen an dem ihnen Zugewiesenen ein unabhängiges Eigentum haben mögen, wie an den Dingen, die ein jeder außerhalb der gemeinschaftlichen Tätigkeit für sich allein mag geschaffen haben. Das Haus selber als Ganzes, und durch die Hand seines Herrn oder Verwalters, kann Überschüsse seiner Produkte durch Tausch in nützlicher scheinende Form verwandeln. Und solcher Tausch kann als regelmäßiger, und indem er innerhalb einer Gemeinschaft von Häusern, die selber wie ein umfassendes Haus sich darstellt, stattfindet (wie im Dorfe, in der Stadt, und zwischen Stadt und Land in einer Landschaft oder in einem städtischen Gebiete) in Ruhe und Frieden sich vollziehend, Normen gemäß, die durch Verständnis als gerecht sich offenbaren, selber nur als ein Ausdruck gesetzmäßiger Verteilung und gleichsam des Mitgenusses an der gedeckten Tafel, begriffen werden.

KEB: Eine Abgrenzung von Dorf, Stadt und Großstadt, bitte.

Tönnies: Die Stadt ist die höchste, nämlich komplizierteste Gestaltung menschlichen Zusammenlebens überhaupt. Ihr ist mit dem Dorfe die lokale Struktur gemein, im Gegensatz zur familiaren des Hauses. Aber beide behalten viele Merkmale der Familie, das Dorf mehrere, die Stadt mindere. Erst wenn die Stadt sich zur Großstadt entwickelt, verliert sie diese fast gänzlich, die vereinzelten Personen oder doch Familien stehen einander gegenüber und haben ihren gemeinsamen Ort nur als zufällige und gewählte Wohnstätte. Aber wie die Stadt innerhalb der Großstadt, was diese durch ihren Namen kundtut — so dauern überhaupt die gemeinschaftlichen Lebensweisen, als die alleinigen realen, innerhalb der gesellschaftlichen, wenn auch verkümmernd, ja absterbend fort.

KEB: Die Besonderheit der Großstadt?

Tönnies: In der Großstadt aber, und mithin im gesellschaftlichen Zustande überhaupt, sind nur die Oberen, Reichen, Gebildeten eigentlich wirksam und lebendig, das Maß gebend, wonach die unteren Schichten, teils mit dem Willen jene zu verdrängen, teils ihnen ähnlich zu werden, sich richten müssen, um selber gesellschaftliche und willkürliche Macht zu gewinnen. Die Großstadt besteht … aus lauter freien Personen, die im Verkehre einander fortwährend berühren, miteinander tauschen und zusammenwirken, ohne dass Gemeinschaft und gemeinschaftlicher Wille zwischen ihnen entstünde: anders als sporadisch oder als Überbleibsel der früheren und noch zugrunde liegenden Zustände.

KEB: Ein Wort zur „Weltstadt“.

Tönnies: In ihr ist Geld und Kapital unendlich und allmächtig, sie vermöchte für den ganzen Erdkreis Waren und Wissenschaft herzustellen, für alle Nationen gültige Gesetze und öffentliche Meinungen zu machen. Sie stellt den Weltmarkt und Weltverkehr dar; Weltindustrien konzentrieren sich in ihr, ihre Zeitungen sind Weltblätter, und Menschen aller Stätten des Erdballes versammeln sich geldgierig und genuss-süchtig, aber auch lern- und neugierig in ihr.

KEB: Lassen Sie uns last not least die sozialen und familialen Auswirkungen der Urbanisierungsprozesse thematisieren.

Tönnies: In der Großstadt …, in der Hauptstadt und zumal in der Weltstadt, gerät das Familienwesen in Verfall. Je mehr und also je länger sie ihre Wirkungen ausüben kann, desto mehr müssen die Reste desselben als zufällige erscheinen. Denn Wenige gehen hier mit der Kraft ihres Willens in einem so engen Kreise auf. Alle werden durch Geschäfte, Interessen, Vergnügungen nach außen und auseinander gezogen.

KEB: Herr Professor, ein herzliches Dankeschön für dieses Gespräch.

Ferdinand Tönnies, geboren am 26. Juli 1855 bei Oldenswort, gestorben am 9. April 1936 in Kiel, war ein deutscher Soziologe, Nationalökonom und Philosoph. Tönnies wurde bereits mit 22 Jahren promoviert, mit 25 habilitiert und war als Hochschullehrer zeitlebens der Christian-Albrechts-Universität in Kiel verbunden. Mit seinem 1887 erstmals publizierten Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ wurde er zum Begründer der Soziologie in Deutschland.
Gespräch mit Kurt Tucholsky

Es gibt alles, nur keine Wohnungen

Kurt E. Becker im Gespräch mit Kurt Tucholsky

KEB: Herr Tucholsky, Ihr Pariser „Wohnungs-Report“ stammt aus dem Jahr 1926. Was ist Ihr Befund?

Tucholsky: Es gibt in Paris 1600 Wohnungen, die die Stadt gebaut hat – und demgegenüber stehen etwa 60000 Familien, die offiziell um Unterkunft gebeten haben…

KEB: Viel geändert hat sich seither auf dem Wohnungsmarkt offensichtlich nicht. Und das nicht nur auf dem Pariser. Die Wohnungsnot ist in Ballungszentren überall seither größer geworden. Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Merkmale des Pariser Marktes?

Tucholsky: Wohnungsämter gibt es nicht; das nötige Quantum Umständlichkeit, Korruption, Heuchelei und Unannehmlichkeiten bringen die Wohnungsagenturen auf. So ein Agent hat in der Stadt mehrere „démarcheurs“ herumlaufen, die ihm anzeigen, wo eine Wohnung frei ist. Der Agent ist in den seltensten Fällen vom Hausbesitzer legitimiert, die Sache zu vertreten – er weist nur Adressen nach. Kommt der Abschluss zustande, so erhält er vom Mieter 10% der ersten Jahresmiete – und um überhaupt kontrollieren zu können, ob der Mieter durch seine Vermittlung gemietet hat, tritt häufig wiederum der démarcheur in Tätigkeit, und der erfährt das seine durch die Portierfrau.

KEB: Wie kommt man überhaupt zu einer Wohnung und wie sind die Kosten?

Tucholsky: Wie jede private Nachfrage in Paris, so ist auch diese durchaus patriarchalisch und unobjektiviert geregelt – das fast völlig mangelnde Angebot hat zu den groteskesten Erscheinungen geführt. Wohnungen von etwa fünf und sechs Zimmern, die für den, der heute mieten will, über 30000 Francs im Jahr kosten, sind jederzeit ziemlich leicht zu haben – dazu kommen dann noch die sogenannten „charges“, Steuerlasten, die durchweg mit 10 Prozent, also mit weiteren 3000 Francs berechnet werden. In dieser Preislage geht‘s. Darunter aber ist‘s fürchterlich.

KEB: Der Leerstand war schon immer ein Mysterium. Auch 1926…

Tucholsky: Wonach leere Wohnungen eigentlich vergeben werden, ist ein tiefes Geheimnis … Es ist nicht einmal immer das Geld. Eine leere Wohnung ist ein Machtfaktor, ein Trumpf, den man nicht ohne weiteres aus der Hand gibt. Dafür bekommt man Geld, viel Geld natürlich – aber dafür kann man auch andres bekommen als Geld: nämlich Empfehlungen, Beteiligungen, vielleicht eine reiche Braut …

KEB: Irgendwelche Charakteristika der Wohnungen als solche?

Tucholsky: Man bekommt da oft die typische Großstadtwohnung zu sehen, ein bisschen kleiner als in Berlin, etwas eng – auch haftet Paris neben vielen anderm der falsche Ruf an, es gäbe daselbst keine Badezimmer und was so damit zusammenhängt. Es gibt sie. Es gibt auch einen schwanken Fahrstuhl, der sich auf einer Riesensäule vorsichtig nach oben schiebt, und in dem man nicht hinunterfahren darf; es gibt alles, was man braucht, nur keine Wohnungen.

KEB:Herr Tucholsky, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Kurt Tucholsky, geboren am 9. Januar 1890 in Berlin, gestorben am 21. Dezember 1935 in Göteborg, war ein deutscher Journalist und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Zeitweilig war er Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ und warnte früh vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus.
Gespräch mit Thorstein Veblen

Architektonische Unglücksfälle

Kurt E. Becker im Gespräch mit Thorstein Veblen

KEB: Herr Professor, mit Ihrer „Theorie der feinen Leute“ haben Sie Soziologie-Geschichte geschrieben. Eine der wesentlichen Erkenntnisse Ihrer Untersuchung gipfelt in der These, dass es sich beim Konsum um ein Prestigemittel handelt, der die Stellung des Konsumenten in der Gesellschaft in besonderer Art und Weise demonstriert. Wo tritt dieser „demonstrative Konsum“ am häufigsten auf?

Veblen: Bemerkenswert ist …, dass der Konsum als Prestigemittel wie als Zeuge der Wohlanständigkeit in jenen Schichten der Gesellschaft am beliebtesten ist, wo auch der menschliche Kontakt des Individuums am größten und die Mobilität der Bevölkerung am stärksten ist. Der demonstrative Konsum verschlingt nämlich einen relativ größeren Teil des Einkommens der städtischen als der ländlichen Bevölkerung. Daraus geht hervor, dass die Städter, um den Schein zu wahren, in größerem Ausmaß von der Hand in den Mund leben als die Landbevölkerung.

KEB: Auch das, was wir als „schön“ empfinden, gewinnt durch den Konsum als Prestigemittel eine quasi demonstrative Bedeutung.

Veblen: Der... Unterschied im Geschmack der verschiedenen Gesellschaftsklassen zeigt sich auch bei anderen Konsumgütern, wie zum Beispiel bei Möbeln, Häusern, Parks und Gärten. Die verschiedenen Ansichten über das Schöne entsprechen aber nicht etwa verschiedenen Normen des unverdorbenen Schönheitsempfindens. Es handelt sich keineswegs um einen konstitutionellen Unterschied der ästhetischen Begabung, sondern eher um unterschiedliche Prestigenormen, die bestimmen, welche Gegenstände jeweils in den Bereich des ehrenvollen Konsums einer Klasse fallen.

KEB: Rasen, Parkanlagen und Wiesen sind Ihnen interessante Beispiele zur Untermauerung ihrer generellen These, denn der kurz geschnittene Rasen erschließt sich Ihnen auch nur als eine bestimmte Art der Demonstration...

Veblen: Die öffentlichen Parkanlagen … sind bestenfalls Nachahmungen von Wiesen, die dann am gepflegtesten aussehen würden, wenn man Vieh darauf weiden ließe, was übrigens der Schönheit des Ganzen sehr zuträglich wäre, wie jeder weiß, der einmal eine wohlgepflegte Wiese gesehen hat.

KEB: Auch zum Thema „Architektur“ haben Sie eine dezidierte Meinung.

Veblen: Die selektive Anpassung neuer Ideen und Entwürfe an die Forderung der demonstrativen Verschwendung und die Ersetzung der ästhetischen durch die finanzielle Schönheit kommt vor allem in der Entwicklung der Architektur zum Ausdruck. Es dürfte ziemlich schwierig sein, ein zivilisiertes modernes Wohnhaus oder ein öffentliches Gebäude zu finden, das in den Augen eines Menschen, der die ästhetischen Elemente von jenen der ehrenvollen Verschwendung zu trennen weiß, Anspruch auf etwas Besseres als auf verhältnismäßige Harmlosigkeit erheben kann. Die endlosen Reihen von Fassaden, welche die besseren Wohn- und Mietshäuser unserer Städte zieren, gleichen endlosen Reihen architektonischer Unglücksfälle, die zeigen, wie man am besten teuer und unbequem wohnen kann. Die seitlichen und rückwärtigen Brandmauern dieser Häuser, welche die Hände des Künstlers unberührt ließen, erscheinen vom ästhetischen Gesichtspunkt aus im Allgemeinen am besten gelungen.

KEB: Herr Professor Veblen, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Thorstein Bunde Veblen, geboren am 30. Juli 1857 in Cato, Wisconsin, gestorben am 3. August 1929 in Menlo Park, Kalifornien, war ein US-amerikanischer Ökonom und Soziologe mit norwegischen Wurzeln, einer der Mitbegründer der New School of Social Research in New York, und gilt vielen als Enfant terrible der modernen Soziologie unter anderem seines unsteten Lebenswandels wegen. Er analysierte als einer der ersten Sozialwissenschaftler überhaupt das komplexe Beziehungsgefüge zwischen Güterverbrauch und gesellschaftlichem Wohlstand bzw. Prestige. Nach ihm wurde der „Veblen-Effekt“ benannt, der in der Volkswirtschaftslehre das Phänomen beschreibt, dass die Nachfrage nach bestimmten Gütern unter Umständen trotz einer Preiserhöhung derselben ansteigt, weil Konsumenten es vorziehen, durch den Konsum teurer Güter ihren Status gegenüber anderen herauszustellen.
Gespräch mit Otto Wagner

Unsere Lebensweise hat die Uniformität unserer Wohnhäuser zur Folge

Kurt E. Becker im Gespräch mit Otto Wagner

KEB: Herr Professor, Sie gelten als Weltstadtplaner mit einer einzigartigen Reputation quasi rund um den Globus. Was ist denn das aus Ihrer Sicht Elementare, das ein Stadtplaner zu berücksichtigen hat?

Wagner: Da unsere Lebensweise, unser Tun und Lassen, unsere technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften heute anders sind als vor tausend Jahren oder selbst vor ganz kurzer Frist, immer also ein stetig Werdendes waren und sind, muss die Kunst diesem Umstande, also auch unserer Zeit, Ausdruck verleihen. Kunst hat daher das Stadtbild der jeweiligen Menschheit anzupassen.

KEB: Nun ist unsere „Moderne“ von Besonderheiten spezifischer Art geprägt.

Wagner: Unser demokratisches Wesen, in welches die Allgemeinheit mit dem Schrei nach billigen und gesunden Wohnungen und mit der erzwungenen Ökonomie der Lebensweise eingepresst wird, hat die Uniformität unserer Wohnhäuser zur Folge. Deshalb wird auch diese im künftigen Stadtbilde stark zum Ausdrucke kommen. Die Einzelwohnung ist bei gleichem Kubikinhalte und gleichem Grundriss bei vielgeschossigen Häusern in Bezug auf den Herstellungs- und Vermietungspreis billiger als in Häusern mit wenig Geschoßen, stehen doch Grundpreis, Fundierung und Dach nur einmal in Rechnung. Da überdies der Spruch „Zeit ist Geld“ heute mehr als je in Betracht kommt, ist die Mehrung der Stockwerke bei Wohn- und Geschäftshäusern bis zu sieben oder acht Geschoßen, ja bis zum Wolkenkratzer (wenn es die Gemeinde gestattet) im Stadtzentrum naturgemäß.

KEB: Für die Kunst bedeutet das was?

Wagner: Die Zahl der Wohnhäuser wird in jeder Großstadt die Anzahl der öffentlichen Bauten weit überwiegen; aus ihrer Zusammenlagerung entstehen daher lange und gleiche Straßeneinfassungsflächen. Die Kunst unserer Zeit hat durch breite Straßen diese Uniformität zur Monumentalität erhoben und weiß dieses Motiv durch glückliche Unterbrechungen künstlerisch voll zu verwerten. Es kann daher kein Zweifel darüber obwalten, dass, wenn die Kunst in solchen Fällen richtig eingreift, nie von einer „Stadtschablone“ die Rede sein kann. Diese entsteht immer nur dann, wenn die Kunst nicht zu Worte kommt.

KEB: Und falls sie zu Wort kommt?

Wagner: Den größten Einfluss auf das Stadtbild hat die „Stadtphysiognomie“. Ihr fällt die schwierige Aufgabe zu, den ersten Eindruck so angenehm als möglich zu machen. Dieser Eindruck ist wieder von der „Mimik“ der Großstadtphysiognomie … abhängig.

KEB: Ihre Idee von einer optimalen Stadtphysiognomie?

Wagner: Die nicht unterbrochene Kette einer mit schönen Läden … geschmückten Radialstraße, welche die Menge hastig durcheilt, andere Straßen, die sich für den Bummel eignen und die Spaziergänger durch gegenseitiges Begaffen befriedigen, sowie das Prüfen des Luxus nach dem Maßstabe der eigenen Tasche gestatten, eine Anzahl schöner und guter Restaurants, welche leibliche Befriedigung und Ruhe bringen, Plätze, auf welchen sich auf hoher künstlerischer Stufe stehende Bauwerke oder Monumente etc. dem Beschauer überraschend bieten und manches kaum zu nennende andere, diese sind es in erster Linie, welche der Stadt die einnehmende Physiognomie verleihen. Kommen hiezu die besten Verkehrsmittel, eine einwandfreie Straßenreinigung, die allen Komfort umfassende, jeder sozialen Stellung Rechnung tragende Unterkunft, so sind damit die Hauptbedingungen eines günstigen Großstadteindruckes für die künstlerisch indifferente Allgemeinheit angeführt.

KEB: Und die Realität sieht wie aus?

Wagner: Ein Einfluss der Kunst auf das Werden der Großstadt, also auf deren künftige Gestaltung ist heute nahezu ausgeschlossen. Nicht der Zwang der Ökonomie bildet hiebei Hauptgrund dieser Tatsache, er liegt vielmehr in der völligen Gleichgültigkeit der Allgemeinheit für künstlerisches Schaffen, also im Mangel des Kunstempfindens. Die Menge war durch Jahrtausende gewohnt, die Kunst im Städtebau den Machthabern zu überlassen und übersieht jetzt, dass die autonome Gemeinde an deren Stelle getreten ist, dass also diese jetzt das erforderliche Kunstempfinden beizubringen hat.

KEB: Ich danke für das Gespräch.

Otto Koloman Wagner, geboren am 13. Juli 1841 in Penzing bei Wien, gestorben am 11. April 1918 in Wien, seit 1894 ordentlicher Professor an der Akademie für bildende Künste in Wien, war der bedeutendste österreichische Architekt, Architekturtheoretiker und Stadtplaner Wiens in der Belle Époque , bzw. im sogenannten Fin de Siècle. Nicht zuletzt seine Jugendstilbauten prägen das Stadtbild der österreichischen Hauptstadt bis auf den heutigen Tag.

Gespräch mit Max Weber

Die Bändigung der Gewinnsucht

Kurt E. Becker im Gespräch mit Max Weber

KEB: Herr Professor Weber, seit Monaten bestimmen weltweit Themen wie Finanzkrise und Manager-Gier die wirtschaftlichen Diskussionen der Industrienationen. Sind das neue Phänomene oder gab’s die auch schon zu Ihrer Zeit?

Weber: Wenn Henry Villard zum Zweck eines auf der Börse durchgeführten Handstreichs den berühmten Blind Pool arrangierte, so sind diese und ähnliche Erscheinungen eines grandiosen Beutekapitalismus ihrem „Geist“ nach grundverschieden von der rationalen Leitung eines regulären großkapitalistischen Betriebs, gleichartig dagegen den ganz großen Finanz- und Kolonialausbeutungsunternehmungen und dem mit Seeraub und Sklavenjagd vermengten „Gelegenheits“-Handel, wie es sie seit den ältesten Zeiten gegeben hat.

KEB: Sie haben den Kapitalismus unter anderem als „herrenlose Sklaverei“ bezeichnet. Was ist denn das Charakteristikum dieser „Sklaverei“ aus Ihrem Blickwinkel?

Weber: Im Gegensatz zu allen anderen Herrschaftsformen ist die ökonomische Kapitalherrschaft ihres „unpersönlichen“ Charakters halber ethisch nicht reglementierbar. Sie tritt schon äußerlich meist in einer Art „indirekten“ Form auf, dass man den eigentlichen „Herrscher“ gar nicht greifen kann.

KEB: Gibt es Beispiele in der Geschichte, die auch eine spezifische Form persönlicher Wirtschaftsethik möglich machen oder möglich gemacht haben?

Weber: In China kann es geschehen, dass ein Mann, der einem anderen ein Haus verkauft hat, nach einiger Zeit zu ihm kommt und ihn um Aufnahme bittet, weil er inzwischen verarmt ist. Lässt der Käufer das altchinesische Gebot der Bruderhilfe außer acht, so geraten die Geister in Unruhe; deshalb geschieht es, dass der verarmte Verkäufer als Zwangsmieter ohne Miete wieder in das Haus einzieht.

KEB: Das China heute, verehrter Herr Professor, sieht anders aus. Deutlich kapitalistischer. Überhaupt: Lässt sich denn auf dieses Gebot der Bruderhilfe so etwas wie Kapitalismus aufbauen?

Weber: Mit einem so gearteten Recht kann der Kapitalismus nicht wirtschaften; was er braucht, ist ein Recht, das sich ähnlich berechnen lässt wie eine Maschine; rituell- religiöse und magische Gesichtspunkte dürfen keine Rolle spielen. Die Schaffung eines solchen Rechtes wurde dadurch erreicht, dass der moderne Staat sich mit den Juristen verbündete, um seine Machtansprüche durchzusetzen.

KEB: Sie haben „Geld“ einmal als das „vollkommenste wirtschaftliche Rechnungsmittel“ bezeichnet, das formal rationalste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handels. Wird dadurch nicht irrationales Handeln, wie von den Ökonomen gewünscht, aus dem Kanon des Wirtschaftens verbannt?

Weber: Die Voraussetzung des Kampfes des Menschen mit dem Menschen auf dem Markt setzt auch die Beeinflussung des Resultates durch die Überbietungsmöglichkeiten mit Geldeinkommen versorgter Konsumenten und die Unterbietungsmöglichkeit für die Güterbeschaffung ausgestatteter Produzenten absolut voraus.

KEB: In modernen Begriffen beschreiben Sie damit den sogenannten freien Markt. Gab es diesen Begriff auch zu Ihrer Zeit bereits?

Weber: Eindeutig der kapitalistischen Entwicklung günstig ist die Deckung möglichst alles Bedarfs auch der Verwaltung durch Vergebung auf dem freien Markt. Mit Einschluss zum Beispiel auch der Vergebung der Heeresanwerbung und Ausbildung an private Unternehmer.

KEB: Das hohe Lied also auf den freien Markt?

Weber: Die Geldwirtschaft ergibt einerseits die objektive Berechenbarkeit der individuellen Erwerbsleistung der Einzelnen und ihres Verbrauchs und eröffnet ihnen auf der anderen Seite überhaupt erst die Möglichkeit, individuelle Bedürfnisse frei zu befriedigen.

KEB: Das klingt sehr nach heiler Welt des freien Marktes. Wie geht diese freie Welt unter anderem auch des Beutekapitalismus, von der Sie gesprochen haben, mit der protestantischen Ethik einher, die Sie ja als Initial des modernen Kapitalismus bezeichnet haben?

Weber: Kein Puritaner hätte je durch Pfandwucher, durch Ausnutzung des Irrtums des Gegenparts, durch Feilschen und Schachern, durch Beteiligung an politischen oder kolonialen Raubverdiensten erworbenes Geld für gottwohlgefälligen Gewinn halten können. Der feste Preis, die absolut sachliche, jeden Durst nach Geld verschmähende, bedingungslos legale Geschäftsgebahrung jedermann gegenüber bewährten sie vor ihrem Gott. Gerade die rationale ethische Bändigung der „Gewinnsucht“ ist das dem Puritanismus Spezifische.

KEB: An dieser protestantischen Ethik können sich heutige Unternehmer und Banker ein Beispiel nehmen. Abschließend ein Blick in die Glaskugel, Herr Weber. Was haben wir zu erwarten?

Weber: Das universelle Wiederaufleben des „imperialistischen“ Kapitalismus, welcher von je her die normale Form der Wirkung kapitalistischer Interessen auf die Politik war, und mit ihr des politischen Expansionsdrangs, ist kein Zufallsprodukt und für absehbare Zeit muss die Prognose zu seinen Gunsten lauten.

KEB: Danke für dieses Gespräch.

Maximilian Carl Emil Weber, geboren am 21. April 1864 in Erfurt, gestorben am 14. Juni 1920 in München, begraben auf dem Heidelberger Bergfriedhof, gilt als Klassiker der Soziologie und der gesamten Kultur- und Sozialwissenschaften. Mit seinem Namen untrennbar verbunden sind Begriffe wie „Werturteilsfreiheit“ oder „Verantwortungs- und Gesinnungsethik“. Sein Forschungsansatz war universaler Natur und reichte von religionssoziologischen Fragen über die Rationalitätsaspekte der Bürokratie bis hin zu einer Herrschaftstypologie, die sich durch seine Ausführungen zum „Charisma“ ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat. Seine These von der Beeinflussung des kapitalistischen Geistes durch die protestantische Ethik wird noch heute diskutiert.
Gespräch mit Oscar Wilde

Abschaffung des Privateigentums

Kurt E. Becker im Gespräch mit Oscar Wilde

KEB: Lassen Sie uns über das Privateigentum miteinander sprechen, Herr Wilde. Ein großer Teil rubriziert bekanntlich unter Grundbesitz und Immobilien. Sie sind der Überzeugung, dass Eigentum der Individualität schadet?!

Wilde: Die Anerkennung des Privateigentums hat in der Tat den Individualismus geschädigt und verdunkelt, indem es den Menschen verwechselte mit dem, was er besitzt. Es hat den Individualismus völlig in die Irre geführt. Es hat ihm Gewinn, nicht Wachstum zum Ziel gemacht. So dass der Mensch dachte, die Hauptsache sei, zu haben, und nicht wusste, dass es die Hauptsache ist, zu sein.

KEB: Mit Ihren Thesen nehmen Sie die Anschauung eines Erich Fromm vorweg. Der hat in seinem Buch „Haben oder Sein“ ins gleiche Horn geblasen.

Wilde: Die wahre Vollkommenheit des Menschen liegt nicht in dem, was er hat, sondern in dem, was er ist. Das Privateigentum hat den wahren Individualismus vernichtet und einen falschen hingestellt. Durch Aushungern hat es einem Teil der Gemeinschaft die Möglichkeit benommen, individuell zu sein. Es hat dem andern Teil der Gemeinschaft die Möglichkeit, individuell zu sein, benommen, indem es ihn auf den falschen Weg brachte und ihn überbürdete.

KEB: Besitz ist in der Gesellschaft wichtiger als die Person. Das ist zumindest Ihre Überzeugung?!

Wilde: In der Tat ist die Persönlichkeit des Menschen so völlig von seinem Besitz aufgesogen worden, dass das englische Gesetz stets einen Angriff gegen das Eigentum eines Menschen weit strenger behandelt hat als gegen seine Person, und ein guter Bürger wird immer noch daran erkannt, dass er Eigentum hat. Die Betriebsamkeit, die zum Geldverdienen erforderlich ist, ist gleichfalls sehr demoralisierend. In einer Gemeinschaft wie der unsern, wo das Eigentum Rang, gesellschaftliche Stellung, Ehre, Würde, Titel und andere angenehme Dinge der Art verleiht, macht es der Mensch, ehrgeizig wie er von Natur wegen ist, zu seinem Ziel, solches Eigentum anzuhäufen, und fährt damit bis zur Ermüdung und zum Überdruss fort, auch wenn er weit mehr aufgehäuft hat, als er braucht oder benutzen kann, ja sogar mehr, als ihn erfreut und mehr, als er weiß. Der Mensch arbeitet sich zu Tode, um Eigentum zu erlangen, und wenn man freilich die ungeheuren Vorteile sieht, die das Eigentum mit sich führt, ist es nicht zum Verwundern. Bedauern muss man, dass die Gesellschaft so aufgebaut ist, dass der Mensch in eine Grube gezwängt ist, wo er nichts von dem frei zur Entfaltung kommen lassen kann, was Schönes und Bannendes und Köstliches in ihm ist – wo er tatsächlich die wahre Lust und die wahre Freude am Leben entbehrt.

KEB: Privateigentum sollte also abgeschafft werden?

Wilde: Nach der Abschaffung des Privateigentums werden wir ... den wahren, schönen, gesunden Individualismus haben. Niemand wird sein Leben damit vergeuden, dass er Sachen und Sachwerte anhäuft. Man wird leben. Leben – es gibt nichts Selteneres in der Welt. Die meisten Leute existieren, weiter nichts.

KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde, geboren am 16. Oktober 1844 in Dublin, gestorben am 30. November 1900 in Paris, war ein irischer Schriftsteller, Lyriker, Romanautor, Dramatiker und Kritiker und einer der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten Schriftsteller in viktorianischen Großbritannien. Wilde selbst hatte sich als „Künstler und Anarchist“ bezeichnet und war bekennender antiautoritärer Sozialist.