„Die Stadt ist die komplizierteste Gestaltung menschlichen Zusammenlebens“
Unser Wille, zu sein
Kurt E. Becker im Gespräch mit Wolfgang Borchert
KEB: Herr Borchert, lassen Sie uns über Hamburg, Ihre Heimatstadt, miteinander sprechen.
Borchert: Hamburg! Das ist mehr als ein Haufen Steine, Dächer, Fenster, Tapeten, Betten, Straßen, Brücken und Laternen. Das ist mehr als Fabrikschornsteine und Autogehupe – mehr als Möwengelächter, Straßenbahnschrei und das Donnern der Eisenbahnen – das ist mehr als Schiffssirenen, kreischende Kräne, Flüche und Tanzmusik – oh, das ist unendlich viel mehr.
KEB: Was also genau ist Ihnen Hamburg?
Borchert: Das ist unser Wille, zu sein. Nicht irgendwo und irgendwie zu sein, sondern hier und nur hier zwischen Alsterbach und Elbestrom zu sein – und nur zu sein, wie wir sind, wir in Hamburg. Das geben wir zu, ohne uns zu schämen: Daß uns die Seewinde und die Stromnebel betört und behext haben, zu bleiben – hierzubleiben, hier zu bleiben! Dass uns der Alsterteich verführt hat, unsere Häuser reich und ringsherum zu bauen – und daß uns der Strom, der breite graue Strom verführt hat, unserer Sehnsucht nach den Meeren nachzusegeln, auszufahren, wegzuwandern, fortzuwehen – zu segeln, um wiederzukehren, wiederzukehren, krank und klein vor Heimweh nach unserm kleinen blauen Teich inmitten der grünhelmigen Türme und grauroten Dächer.
KEB: Das ist nicht nur eine ganz besondere Bindung, die Sie an Hamburg hegen. Das ist eine wunderbare Beschreibung besonderen Sich-behaust-Fühlens.
Borchert: Hamburg, Stadt: Steinwald aus Türmen, Laternen und sechsstöckigen Häusern; Steinwald, dessen Pflastersteine einen Waldboden mit singendem Rhythmus hinzaubern, auf dem du selbst noch die Schritte der Gestorbenen hörst, nachts manchmal. Stadt: Urtier, raufend und schnaufend, Urtier aus Höfen, Glas und Seufzern, Tränen, Parks und Lustschreien – Urtier mit blinkenden Augen im Sonnenlicht: silbrigen, öligen Fleeten! Urtier mit schimmernden Augen im Mondlicht: zittrigen, glimmernden Lampen! Stadt: Heimat, Himmel, Heimkehr – Geliebte zwischen Himmel und Hölle, zwischen Meer und Meer; Mutter zwischen Wiesen und Watt, zwischen Teich und Strom; Engel zwischen Wachen und Schlaf, zwischen Nebel und Wind: Hamburg!
KEB: Herr Borchert, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Heizung mit Steinkohlen überall
Kurt E. Becker im Gespräch mit James Fenimore Cooper
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Wer am Markusplatz sein Herz nicht schlagen fühlt, hat keines
Kurt E. Becker im fiktiven Gespräch mit Franz Grillparzer
KEB: Herr Grillparzer, Sie haben im Verlauf Ihrer italienischen Reise unter anderem Venedig besucht. Lassen Sie uns über Ihre Eindrücke von diesem Besuch miteinander sprechen.
Grillparzer: Man hat oft den ersten Anblick von Venedig als so wunderbar beschrieben, ich habe es kaum so gefunden. Es hat zwar allerdings etwas Befremdendes, Häuser und Paläste gerade aus dem Meere heraufsteigen sehen, aber die Fantasie ersetzt leicht das fehlende Erdreich, und man glaubt eben einen breiten Fluss mit vielen Inseln vor sich zu sehen. Auch fehlt es in solcher Nähe, als ich beim Anbruch des Tages die Stadt bereits sah, dem Anblick an Einheit und Umfang; in einer größeren Entfernung mag das anders sein. Der erste Eindruck, den Venedig auf mich machte, war befremdend, einengend, unangenehm.
KEB: Was genau war Ihnen unangenehm?
Grillparzer: Diese morastigen Lagunen, diese stinkenden Kanäle, der Schmutz und das Geschrei des unverschämten, betrügerischen Volkes geben einen verdrießlichen Kontrast mit dem kaum verlassenen heitern Triest. Wenn man sich aber erst ein wenig erholt hat und den Totaleindruck dieser schwarzen Steinmassen gesondert auf sich einwirken lässt, dann wird man ebenso ergriffen, als man vorher verstimmt war.
KEB: Was hat diesen „Stimmungswandel“ bei Ihnen verursacht?
Grillparzer: Es ist vielleicht kein Ort in der Welt, wo das Altertum … mit solcher Lebendigkeit den Menschen anspräche. Rom ist tot, ein herrlicher Leichnam, aber Venedig regt sich noch und dehnt seine Riesenglieder zum unfreiwilligen Abschied aus dem Leben. Wer nicht sein Herz stärker klopfen fühlt, wenn er auf dem Markusplatze steht, der lasse sich begraben, denn er ist tot, unwiederbringlich tot. Dieser Palast des Dogen, ein Bild der Republik und der Stadt, mit seinen unförmlichen Körper auf den Stützen wunderlicher Säulen und Bögen ruhend, vereinend die Starrheit in seinen ungefügen, unbeworfenen Wänden mit aller Zierlichkeit der Kunst in seinen Arkaden und Zinnen … Wie ein Rätsel sieht er aus, dieser Palast, und scheint Rätsel zu beherbergen.
KEB: Wie die meisten Venedig-Besucher haben auch Sie sich eine Gondelfahrt gegönnt …
Grillparzer: Als ich in der Nacht bei Mondschein in der Gondel diesen Palast hinum fuhr, bei den Staatsgefängnissen vorbei und nun in den durch Streiflichter manchmal unterbrochenen Schatten, welche diese Riesengebäude einander geheimnisvoll zuwerfen, … da überfiel es mich mit Fieberschauer. Alle die Gewesenen und alle die Verblichenen, all die Verfolger und Verfolgten, Mörder und Gemordete schienen aufzusteigen vor mir mit unverhüllten Häuptern.
KEB: Der Markusplatz hat es Ihnen besonders angetan?
Grillparzer: Wer am Markusplatz sein Herz nicht schlagen fühlt, hat keines. Hier die drei Säulen mit den drei Kronen der drei Königreiche, die sich dienstbar nannten der stolzen Republik, dort die Pferde, Siegeszeichen aus dem eroberten Konstantinopel, und außer jenen zwei Säulen am Canale Grande das Meer, dass, gebändigt, statt zu grollen, schmeichelnd die Füße leckt, der es beherrschenden Stadt. Steh auf aus dem Grabe, entschlafener Doge und wirf deinen Ring hinab, deine Braut hat andere Bräutigame gefunden, seit du schläfst.
KEB: Ihr Gesamteindruck?
Grillparzer: Man durchwandelt die Stadt, überall Größe, Stolz, Reichtum, Weltherrschaft. Palast an Palast, fast alle gleich gebaut. Zwei Eingänge, einer auf dem Kanal, der andere ans Land. Im ersten Geschosse ein größer mit Marmor gepflasterter Saal, dessen eine Wand ganz aus Fenstern besteht, von außen mit Säulen geziert, wert, breitere Straßen zu zieren, alles düster, eng, streng. Diese Massen tragen den Charakter der Republik. Man möchte weinen, wenn man die Namen hört und die Reste sieht. Das Hotel all‘ Europe, wo ich wohnte, war einst das Haus der uralten Giustiniani, und in dem Saale, wo der alte Badoar seinen Siegesfeste feierte, putzt der Bediente meine Schuhe und hängt meinen Rock dahin, wo sonst eroberte Fahnen hingen. Als ich in den Laden des Buchhändlers Fuchs trat, um nach etwas zu fragen, stand ich in dem Zimmer, wo Bianca Capello geboren ist, kurz, für einen, der ein Gemüt hat, gibts keinen zweiten Ort wie Venedig.
KEB: Ich danke für dieses Gespräch, lieber Herr Grillparzer.
Schickt einen Philosophen nach London
Kurt E. Becker im Gespräch mit Heinrich Heine
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Reiseandenken wie in Mariazell
Kurt E. Becker im Gespräch mit Egon Erwin Kisch
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Enge, krumme, stinkende Straßen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Heinrich von Kleist
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Rom ist ganz Hof und Adel
Kurt E. Becker im Gespräch mit Michel de Montaigne
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.

Menschenunwürdige Mietskasernen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Carl von Ossietzky
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Heidelberg: Feierlich groß die Schlossruine
Kurt E. Becker im Gespräch mit Gustav Schwab
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Wie eine losgerissene Blüte im Meere
Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel über Venedig
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Das Glück der ganz reifen Menschen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel über Florenz
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Hier sollte man… hier müsste man…
Kurt E. Becker im Gespräch mit Kurt Tucholsky
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Spießbürgerliche Gesinnung
Kurt E. Becker im Gespräch mit Voltaire
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Sklavenkultur
Kurt E. Becker im Gespräch mit Max Weber
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Kultur schaffen und verteidigen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Stefan Zweig
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021



