„Mitten ins Erinnerungsland hinein“
Mitten auf den Gottesschoß gesetzt
Kurt E. Becker im Gespräch mit Lou Andreas-Salomé
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Fliegen durch Räume ohne Grenzen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Ernst Barlach
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Zu den Müttern dieses Gartens
Im Gespräch mit Walter Benjamin
KEB: Über Eindrücke Ihrer Kindheit in Berlin würde ich gern mit Ihnen sprechen, verehrter Herr Benjamin. Vom Allgemeinen vielleicht zum Besonderen …
Benjamin: Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren. Nein, nicht die ersten, denn vor ihnen war das eine, welche sie überdauert hat.
KEB: Labyrinthe in Berlin: wie aufregend schön …
Benjamin: Der Weg in dieses Labyrinth, dem seine Ariadne nicht gefehlt hat, führte über die Bendlerbrücke, deren linde Wölbung die erste Hügelflanke für mich wurde. Unweit von ihrem Fuße lag das Ziel: der Friedrich Wilhelm und die Königin Luise. Auf ihren runden Sockeln ragten sie aus den Beeten wie gebannt von magischen Kurven, die ein Wasserlauf vor ihnen in den Sand schrieb. Lieber als an die Herrscher wandte ich mich aber an ihre Sockel, weil, was darauf vorging, wenn auch undeutlich im Zusammenhange näher im Raum war. Dass es mit diesem Irrgang etwas auf sich hat, erkannte ich seit jeher an dem breiten, banalen Vorplatz, der durch nichts verriet, daß hier, nur wenige Schritte von dem Korso der Droschken und Karossen abgelegen, der sonderbarste Teil des Parkes schläft. Davon empfing ich schon sehr früh ein Zeichen. Hier nämlich oder unweit muss ihr Lager jene Ariadne abgehalten haben, in deren Nähe ich zum ersten Male, und um es nie mehr zu vergessen, das begriff, was mir als Wort erst später zufiel: Liebe.
KEB: Noch einmal: wie schön. Und wie romantisch.
Benjamin: Doch gleich an seiner Quelle taucht das „Fräulein“ auf, das sich als kalter Schatten auf sie legte. Und so war dieser Park, der wie kein anderer den Kindern offen scheint, auch sonst für mich mit Schwierigem, Undurchführbarem verstellt. Wie selten unterschied ich die Fische im Goldfischteich. Wie viel versprach die Hofjägerallee mit ihrem Namen und wie wenig hielt sie. Wie oft suchte ich das Gebüsch umsonst, in dem mit roten, weißen, blauen Türmchen ein Kiosk im Stil der Ankersteinbaukästen stand. Wie hoffnungslos kehrt mit jedem Frühling meine Liebe zum Prinzen Louis Ferdinand zurück, zu dessen Füßen die ersten Krokusse und Narzissen standen. Ein Wasserlauf, der mich von ihnen trennte, machte sie mir so unberührbar, als wenn sie unter einem Glassturz gestanden hätten.
KEB: Wunderlich wunderbare Reminiszenzen, fürwahr.
Benjamin: So kalt im Schönen musste fußen, was fürstlich ist, und ich begriff, warum Luise von Landau, mit der ich im Zirkel saß, bis sie gestorben war, am Lützowufer schräg gegenüber von der kleinen Wildnis hatte wohnen müssen, ihre Blüten von den Wassern des Kanals betreuen läßt. Später entdeckte ich neue Winkel, über andere habe ich zugelernt. Jedoch kein Mädchen, kein Erlebnis und kein Buch konnte mir über diesen Neues sagen. Als darum dreißig Jahre danach ein Landeskundiger, ein Bauer von Berlin, sich meiner annahm, um nach langer gemeinsamer Entfernung aus der Stadt mit mir zurückzukehren, durchfurchten seine Pfade diesen Garten, in welchen er die Saat des Schweigens säte. Er ging die Steige voran, und ein jeder war ihm abschüssig. Sie führten hinab, wenn schon nicht zu den Müttern allen Seins, gewiss zu denen dieses Gartens.
KEB: Herr Benjamin, einen herzlichen Dank für dieses Gespräch über Eindrücke zu Ihren Kindheitserlebnissen.
Walter Benjamin: Berliner Kindheit um 1900 (Projekt Gutenberg)
Eine unschätzbare Perle
Kurt E. Becker im Gespräch mit Annette von Droste-Hülshoff
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Noch mehr!
Kurt E. Becker im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.

Die gute alte Märchenzeit
Kurt E. Becker im Gespräch mit Heinrich Heine
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.

Es hat viel für sich, in einer kleinen Straße geboren worden zu sein
Kurt E. Becker im Gespräch mit Emmy Hennings
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Es ging das Gerücht, dass sie sich mit Literatur beschäftigten
Kurt E. Becker im Gespräch mit Klaus Mann
KEB: Herr Mann, lassen Sie uns über Ihre Vorfahren und deren Heimatstadt miteinander sprechen, bitte.
Mann: Eine würdig-idyllische Kleinstadt mit engen Gassen und grauen, giebeligen Häusern: Beginnt hier die Geschichte? Ich habe nichts mit dieser Stadt zu tun, noch verlangt es mich, sie jemals zu besuchen. Doch würde ich nicht existieren ohne einen gewissen Senator Heinrich Mann, hochrespektablen Bürger der Freien Hansestadt Lübeck, aber eben doch nicht mehr völlig hochrespektabel, schon ein wenig exzentrisch. Ein Lübecker Patrizier, der wirklich zur Gänze comme il faut ist, sucht sich seine Lebensgefährtin unter den Töchtern der Stadt und wählt nicht eine junge Dame aus dem fernen Brasilien, wie der Senator es tat. Sie war das Kind eines deutschen Kaufmanns und einer Eingeborenen. Dass sie als kleines Mädchen den Ozean auf einem Segelschiff überqueren musste, um nach Lübeck zu gelangen, schien mir das aufregendste Detail ihrer Geschichte. Denn dort, in der nördlichen Fremde, genoss sie eine durchaus „feine“ bedauerlich unromantische Erziehung und bewegte sich bald ganz natürlich unter den blonden Gespielinnen. Doch blieb es reizend, sich den Großpapa vorzustellen – den ich übrigens in Wirklichkeit nie gesehen hatte –, wie er mit seiner exotischen Braut zur Kirche fuhr. Der Senator, sehr stattlich und distinguiert, mit Backenbart, hohem Stehkragen, lehnt, ein wenig befangen, im Fond der prächtigen Kutsche, den er mit ihr teilt. Sie, das dunkle Köpfchen an ihn geschmiegt, darf hinter geschlossenen Lidern noch einmal die Palmen und bunten Vögel ihrer brasilianischen Heimat sehen, während der Wagen, vorbei an viel altem Gemäuer und majestätisch ragenden Türmen, den Weg zum Altar nimmt.
KEB: Ein Wort zum berühmten Haus der Manns in Lübeck und dem Behaustsein Ihrer Familie dort, von Ihrem Vater in den Buddenbrocks mit literarischem Ewigkeitswert versehen.
Mann: Das Mannsche Haus gehörte zu den feinsten der Stadt. Man speiste vorzüglich dort, auch die Weine ließen nichts zu wünschen übrig. Die Familie erfreute sich allgemeiner Beliebtheit, obwohl sie letzthin soviel Pech gehabt hatte, dass es beinahe anstößig wirkte. Die Schwester des Senators, Elisabeth, ließ sich von ihrem süddeutschen Gatten scheiden und kam auch mit ihrem zweiten Gemahl nicht aus; noch problematischer stand es um einen Bruder, meinen Großonkel Friedel, einen neurotischen Tunichtgut, der sich in der Welt herumtrieb und über eingebildete Krankheiten klagte. Was aber die schöne Frau Senator betraf, so ließ sich nicht leugnen, dass sie unter den Damen der bourgeoisen Aristokratie oft ein wenig fehl am Platze wirkte. Nicht als ob an ihrem Lebenswandel etwas auszusetzen gewesen wäre! Man fand sie nur ein bisschen zu „originell“. Es lag wohl an der exotischen Herkunft. In Lübeck passte es sich nicht, so dunkle Augen zu haben wie Frau Julia Mann; Schmelz und Feuer ihres Blickes hatten schon den Stich ins Skandalöse. Sie spielte Klavier, gerade ein wenig zu gut für eine Dame in ihrer Stellung, und sang fremdländische Lieder, die lieblich, aber auch verfänglich klangen: nur gut, dass man den Text nicht verstand …
KEB: Ein Wort noch zu Ihrem Vater und dessen Bruder, vielleicht.
Mann: Die beiden Söhne, Heinrich und Thomas, wären gewiss viel lustiger und strammer geworden, hätten sie eine Mama von gutem nordischen Schlage gehabt, anstelle der übertrieben pikanten Brasilianerin. Mit den beiden Jungen war nicht viel Staat zu machen; in der Schule fielen sie durch Aufsässigkeit und Faulheit auf, was verzeihlich gewesen wäre, wenn sie sich wenigstens sportlich hervorgetan hätten. Gerade auf diesem Gebiet aber waren sie komplette Versager. Es ging das Gerücht, dass sie sich mit Literatur beschäftigten. Der Herr Senator konnte einem leidtun! Kein Wunder, dass er so oft nervös und deprimiert erschien.
KEB: Ein herzliches Dankeschön, lieber Herr Mann, für diesen Einblick in die Geschichte Ihrer Familie. Ihr Vater hatte es ja immerhin zu einem Nobelpreis für Literatur gebracht …
Kleine weltvergessene Stadt
Kurt E. Becker im Gespräch mit Charlotte Niese
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Ein Tag glich dem andern
Kurt E. Becker im Gespräch mit Wanda von Sacher-Masoch
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Das erste Goetheanum ein Doppelkuppelbau
Kurt E. Becker im Gespräch mit Marie Steiner
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Ein ganzes Wald- und Mühlenidyll
Kurt E. Becker im Gespräch mit Theodor Storm
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021



