„Dauer und Festigkeit“
Das Riesige und auch das Prächtige wird ein Vorrecht auf die Bewunderung haben
Im fiktiven Gespräch mit Jacob Burckhardt
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Die schönste Baukunst auf Erden
Kurt E. Becker im Gespräch mit Jacob Burckhardt
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Der überbaute Raum ist das Wesen des Hauses
Kurt E. Becker im Gespräch mit Carl von Clausewitz
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine.
Kurt E. Becker im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Vielleicht hat die Baukunst ihren Luxus niemals höher getrieben
Kurt E. Becker im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Die Baukunst - die vegetabilische unter den Künsten
Kurt E. Becker im Gespräch mit Joseph Görres
KEB: Herr Görres, dass Sie sich als politischer Publizist auch mit dem Themenkomplex Architektur auseinandergesetzt hatten, hat mich denn doch sehr überrascht. Im Ansatz hatten Sie einen Vergleich mit der Malerei gewählt. Lassen Sie uns den Gedanken aufgreifen.
Görres: Und wie die Malerei in der Ruhe der Materie den Wechsel des Lebens und den Fluß der Zeiten bildet, so wird hingegen die Baukunst die starre Ruhe der Natur, und das stille Ausgespanntsein des Äthers darstellen müssen. Ein Tempel ist das weite Universum im kleinen nachgebildet, in die Kuppel hat das unermeßliche Firmament sich zusammen gezogen, und wie die Berge den Himmel stützen, so die Säulenreihen jene Kuppel; ein alter römischer Zirkus, spiegelt er nicht den ganzen Erdkreis wieder, wenn auf seiner Arena die Kämpfer mit gewaltiger Kraft sich den Preis abringen, und die Wagenrenner in wilder Eile nach dem fernen Ziele fliegen, und auf zirkelförmigen Sitzen das Volk teilnehmend dem Kampfe zusieht, und sich für und wider in Parteien teilt?
KEB: Was konkret ist Ihnen die Baukunst?
Görres: ...die Baukunst kann man gleichsam die vegetabilische unter den Künsten nennen; die verschiedenen Säulenordnungen sind nämlich nichts als plastische Nachbildungen des Baumes und seiner Krone, idealisiert gleichsam zum Universalen hin, nach dem Zwecke der Kunst, in sofern das Gebäude selbst eine kleine Welt vorstellen soll. In der indischen Baukunst finden wir daher die dortige Palmen-Vegetation auch wieder; in der entgegen gesetzten gotischen das Nadelholz des Nordens, Tannen und Fichten stellen die schlanken, dünnen, in vielfach gespaltenes Astwerk auslaufenden Säulen vor, und überall treten noch in den vielen Spitzen und durchbrochenen Verzierungen der Gebäude die Nadeln selbst hervor.
KEB: Architektur und Malerei in ihrem konkreten Verhältnis zueinander?
Görres: Nur der griechischen Architektur ist die höhere Idealisierung, die in jenen beiden angedeutet ist, vollständig gelungen, sie hat den Charakter der Pflanzengattung vertilgt, und nur den des Geschlechtes übrig gelassen. Die Malerei wird hingegen vorzüglich das in sich freie und nur von oben her beherrschte Leben bilden, wie es sich in seinen verschiedenen Äußerungen als willkürlich sich selbst bestimmend, oder auch von außen hinein bedingt, tätig wirksam erscheint; das Geistige also, in sofern es der materiellen Natur entgegen steht, und als lebendige Kraft in sie hinüber greift, fällt daher in ihre Sphäre. Doch mag sie eben ihres höheren Ranges über die Baukunst, und ihres weiten Umfanges wegen, auch in die Region der Materie bildend einwirken, die großen Szenen der Natur mag sie ergreifen, und auf eine lebendigere Art sie wiedergeben, als die Architektur es vermag; sie wird dann als Landschaftsmalerei erscheinen, die nichts als die höhere Dignität und das Element der Baukunst ist.
KEB: Ich danke für das Gespräch.
war bereits als Schüler eines Jesuitengymnasiums ein Anhänger der Französischen Revolution und begeistert von der demokratischen Bewegung, die im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts immer stärker wurde. Görres war einer der einflussreichsten politischen Publizisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Architektur Ausdruck der Seele
Kurt E. Becker im Gespräch mit Gerhart Hauptmann
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Architektur – die der Existenz nach erste Kunst
Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.

Die Baukunst – das große Buch der Menschheit
Kurt E. Becker im Gespräch mit Victor Hugo
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Architektur setzt einen Zweck voraus
Kurt E. Becker im Gespräch mit Harry Graf Kessler
KEB: Graf, Sie haben eine dezidierte Meinung zum Thema Architektur...
Graf Kessler: Architektur setzt auch immer einen Zweck voraus, der über den Architekten und über das Architekturwerk hinausliegt.
KEB: Ihre Interessen sind vieldimensional. Dementsprechend auch Ihr Nachdenken über Architektur auch hinein ins Religiöse.
Graf Kessler: … die Liturgie berücksichtigte von Anfang an die Durchkreuzung des religiösen Gefühls durch das am Sinnesreiz haftende Sinnesgefühl; und in dem Maße, in dem ihr die organische und klare Verkettung dieser verschiedenen Seelenvorgänge gelang, erreichte sie einerseits die von ihr erstrebte Reinheit der religiösen Gefühlsfarben, näherte sie sich aber andererseits auch der Poesie. Ihr Triumph, in dem die Verschmelzung zum ersten Mal ganz und untrennbar gelang, war der christliche Dom.
KEB: Mit dem christlichen Dom hat es konkret welche Bewandtnis?
Graf Kessler: Beim Dom konnte sich das von der Liturgie geschaffene Gewebe von Phantasie und Gefühlsfarben einer poetischen Konzeption einfügen, die ganz ausgebildet war, die also auch bestimmte und klare Sinnesgefühle einschloss. Denn gleichzeitig mit der Ausbildung der liturgischen Symbolik verwandelte sich die rhythmisch-harmonische Architektur der antiken Basilika aus praktischen, nicht liturgischen Ursachen in eine poetische, das heißt in eine Architektur, die durch die Phantasiereize der Masse und des Gleichgewichts wirken will.
KEB: Die christliche Architektur im Vergleich zur griechischen hat ihre Besonderheiten und vice versa.
Graf Kessler: Die griechische Architektur hatte diese poetische Wirkung auf die Phantasie zurücktreten lassen hinter der rhythmisch-harmonischen auf das Auge; sie kannte als konstruktive Glieder nur die Säule und die aus ihr folgenden Bauteile, die bestenfalls den Sinn der Säule verdeutlichen; der Aufbau sagte deshalb zur Phantasie bei jeder Verwendung dasselbe. – Es spricht für die Tiefe der durch die Gotik herbeigeführten Veränderung des architektonischen Gesichtspunkts, dass feine und geistreiche Ästhetiker wie Burckhardt und Schopenhauer dem beweglichen Geist der Griechen vertrauten, er habe sich immer wieder bei dieser für ihn selbstverständlichen Einfachheit des Stützens aufgehalten.... Man braucht nur an die Berliner Wachen zu denken, die nichts weiter als den Reiz des strammen Stützens haben, diesen aber auch künstlerisch mit voller Ausdrücklichkeit, um die verbreitete ästhetische Einschätzung des griechischen religiösen Monumentalgeschmacks als sachte Komik zu genießen.
KEB: Und dann die Verwandlung der Kirchenarchitektur...
Graf Kessler: Der Wunsch, die Schiffe der antik-christlichen Kirche einzuwölben, ist es gewesen, der die Verwandlung der Kirchenarchitektur in eine poetische einleitete. Er veränderte die Struktur des Baus gerade in den Jahrhunderten, in denen die hellenischen, rhythmisch-harmonischen Formen Reiz und Verständnis verloren; an die Stelle des Säulenrhythmus, der das Auge von Bogen zu Bogen zum Mosaikglanz des Bischofsthrons und der Apsis leitet, rückte deshalb in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit das Gleichgewicht der Gewölbe zwischen den Rippen und Widerlagern und Strebebogen, die wie lauter lebendige und verschieden beschäftigte Glieder die Wölbungen über den Schiffen emporhalten.
KEB: Innen- und Außen-Wahrnehmung des Doms haben ihre spezifischen Besonderheiten?
Graf Kessler: Aus diesem ersten Appell an die Phantasie folgte ein zweiter. Denn die ganze Domstruktur lässt sich nirgends mit einem Blick übersehen. Draußen fassen die Glieder und schließen zusammen, ohne zu zeigen, was sie fassen; das Innere aber wird von Kräften, die hier zum größeren Teile unsichtbar sind, geheimnisvoll emporgehalten. Der Dom entfaltete sich zu einer Konzeption, die daher nicht nur poetisch, sondern sozusagen dramatisch ist; sein Äußeres gleicht einer Exposition; die sichtbar tragende Kraft seiner Widerlager und Strebebogen reizt die Phantasie, ohne sie draußen durch sichtbar Gewölbtes, das den aufgetürmten Kräften widerstrebt, zu befriedigen; aber die Spannung löst sich in der schwebenden Majestät des Inneren.
KEB: Schließlich die poetische Konstruktion des Doms?
Graf Kessler: ...deshalb ist, was hier entstand, eine neue, eigene Konzeption. Diese Konzeption ist weder mit der Poesie erschöpft, die aus der Architektur allein sprechen würde, noch mit dem, was die Liturgie ursprünglich gibt. Dem liturgischen Gewebe von Phantasie und Gefühlsfarben fehlt zur Kunst die Form; durch die Architektur des Domes ergänzt es sich zur Poesie.
KEB: Ich danke für das Gespräch, Graf Kessler.
Architektur - die am wenigsten geschätzte Kunst
Kurt E. Becker im Gespräch mit Ellen Key
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Geplagte Sklaven der drei M
Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Nietzsche
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Vom Nutzen, der Dauerhaftigkeit und der Schönheit
Kurt E. Becker im Gespräch mit Andrea Palladio
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Gebäude im Charakter der Landschaft
Kurt E. Becker im Gespräch mit Hermann Fürst von Pückler-Muskau
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Versailles: Ein Eiland der Trübsal und Hässlichkeit
Kurt E. Becker im Gespräch mit dem Herzog von Saint-Simon
KEB: Hoheit, aufgrund Ihrer Stellung hatten Sie einen sehr intimen Einblick in das Leben am Hof von Ludwig XIV. von Frankreich. Ihre zu Recht berühmten Memoiren geben darüber reichlich und kritisch Aufschluss – auch über die Bauaktivitäten ihres Königs. In diesem Zusammenhang bezeichnend: Ihr Urteil über die Lage des Herrschaftssitzes…
Saint-Simon: Versailles ward erwählt. Der trübseligste, undankbarste aller Orte, aussichts-, wald- und wasserarm, wo der Boden Sand oder Sumpf und die Luft infolgedessen ungesund war.
KEB: Ihr Urteil über die Baukünste Ludwig XIV. ist eindeutig.
Saint-Simon: Es gefiel ihm, auch die Natur gewaltsam zu beherrschen, sie der Kunst und dem Gelde zu unterwerfen. Planlos reihte er ein Gebäude neben das andere, Hässliches und Schönes, Großartiges und Kleinliches, alles bunt durcheinander. Eng und unbequem, finster und ohne Aussicht sind sogar seine und der Königin Räume. Die Gärten verraten erstaunliche Prachtliebe. Aber sie sind geschmacklos und laden nicht zum Aufenthalt ein. Man erreicht den Schatten der Bäume erst, nachdem man ein großes Stück Sandwüste durchquert hat. Dann steht man auf dem Hügel – und hier ist das Ende der Gärten. Die Wege sind mit Kies bedeckt. Man zerschneidet sich beinahe die Sohlen darauf, würde aber ohne ihn bald im Sand, bald im Schlamm versinken.
Überall ist die Natur vergewaltigt worden, und man mag wollen oder nicht: man wird davon abgestoßen und angewidert. Das Wasser, das man von allen Seiten herbeigeleitet und angesammelt hat, ist grün, dick, schlammig. Es steigt eine fühlbar ungesunde, feuchte Luft daraus empor. Die spielenden Wasserkünste freilich bieten einen unvergleichlichen Anblick. Es hat alles zwei Seiten. Daher wird man einesteils angezogen, andernteils abgestoßen.
KEB: Und das Gebäude-Ensemble an sich?
Saint-Simon: Nach dem Hofe zu ist alles erstickend eng und zusammengedrängt. Von der Gartenseite aus hat man von dem Schloss einen Gesamteindruck. Aber es sieht aus wie ein Schloss nach einem Brande, oder wie eins, dem Oberstock und Dach fehlen. Es wird von der Kapelle erdrückt. … Sie sieht düster aus wie ein Riesensarg. Die Einzelarbeit daran ist erlesen, während das Ganze nichts taugt. Am besten ist der Chor, denn ins Schiff hinunter ging der König kaum. Wozu noch weiter von den ungeheuerlichen Fehlern des Riesenpalastes reden, der Unsummen verschlungen hat, mit allem, was dazu gehört: Gewächshäusern, Obstgärten, Hunde- und Pferdeställen, den zahllosen Gesindehäusern? Das ist eine ganze Stadt, wo ehedem nur ein elendes Wirtshaus stand, eine Windmühle und jenes Gartenschlösschen, das Ludwig XIII. hatte bauen lassen.
Mit einem Wort: das Versailles Ludwigs des Vierzehnten ist ein geschmackloses Machwerk, dazu unvollendet. Trotz der großen Menge der Säle gibt es nicht einen einzigen wirklich großen Theater-, Bankett- oder Ballsaal. Überall bleibt noch sehr viel zu tun. Park und Alleen stehen so dichtgedrängt voller Bäume und Sträucher, dass sie keine Luft haben. Beständig muss neues Wild ausgesetzt werden. Wassergräben, vier bis fünf Meilen lang, gibt es im Überfluss, ebenso dicke Mauern, die das Ganze wie ein Eiland der Trübsal und Hässlichkeit umschließen.
KEB: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Werke der Baukunst gewinnen doppelte Schönheit im vollen Sonnenschein
Kurt E. Becker im fiktiven Gespräch mit Arthur Schopenhauer
KEB: Als bedeutendes Thema bei Ihrem Nachdenken über die Baukunst im Allgemeinen, Herr Schopenhauer, haben Sie die Wirkung des Lichts ausgemacht. Was hat es damit auf sich?
Schopenhauer: Eine ganz besondere Beziehung haben … die Werke der Baukunst zum Lichte: Sie gewinnen doppelte Schönheit im vollen Sonnenschein, den blauen Himmel zum Hintergrund, und zeigen wieder eine ganz andere Wirkung im Mondenschein. Daher auch bei Aufführung eines schönen Werkes der Baukunst immer besondere Rücksicht auf die Wirkungen des Lichtes und auf die Himmelsgegenden genommen wird.
KEB: Worauf sind diese Phänomene zurückzuführen und was sind die Konsequenzen?
Schopenhauer: Dieses alles hat seinen Grund zwar großenteils darin, dass helle und scharfe Beleuchtung alle Teile und ihre Verhältnisse erst recht sichtbar macht: Außerdem aber bin ich der Meinung, dass die Baukunst, sowie Schwere und Starrheit, auch zugleich das diesem ganz entgegengesetzten Wesen des Lichtes zu offenbaren bestimmt ist. Indem nämlich das Licht von den großen, undurchsichtigen, scharf begrenzten und mannigfach gestalteten Massen aufgefangen, gehemmt, zurückgeworfen wird, entfaltet es seine Natur und Eigenschaften am reinsten und deutlichsten, zum großen Genuss des Beschauers, da das Licht das Erfreulichste der Dinge ist, als die Bedingung und das objektive Korrelat der vollkommensten anschaulichen Erkenntnisweise.
KEB: Was schlussfolgern Sie daraus?
Schopenhauer: Weil nun die Idee in, welche durch die Baukunst zur deutlichen Anschauung gebracht werden, die niedrigsten Stufen der Objektivität des Willens sind und folglich die objektive Bedeutsamkeit dessen, was uns die Baukunst offenbart, verhältnismäßig gering ist; so wird der ästhetische Genuss beim Anblick eines schönen und günstig beleuchteten Gebäudes, nicht so sehr in der Auffassung der Idee, als in dem mit dieser Auffassung gesetzten subjektiven Korrelat derselben liegen, also überwiegend darin bestehen, dass an diesem Anblick der Beschauer von der Erkenntnisart des Individuums, die dem Willen dient und dem Satz vom Grunde nachgeht, losgerissen und emporgehoben wird zu der des reinen willensfreien Subjekts des Erkennens; also in der reinen, von allem Leiden des Wollens und der Individualität befreiten Kontemplation selbst. In dieser Hinsicht ist der Gegensatz der Architektur und das andere Extrem in der Reihe der schönen Künste das Drama, welches die allerbedeutsamsten Ideen zur Erkenntnis bringt, daher im ästhetischen Genuss desselben die objektive Seite durchaus überwiegend ist.
KEB: Herr Schopenhauer, ich danke für dieses aufschlussreiche Gespräch.
Stütze und Last
Kurt E. Becker im Gespräch mit Arthur Schopenhauer
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
„Profanbauten mit Geist und Seele“
Kurt E. Becker im Gespräch mit Alphons Silbermann
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Stimmung des Friedens
Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Diese Brücke aus Holz, ein Meisterstück ihrer Art
Kurt E. Becker im Gespräch mit Karl Simrock
KEB: Herr Professor, lassen Sie uns über den Brückenbau als besondere Weise des Behaust-Seins miteinander sprechen. Der Ort der Brückenkonstruktion ist Schaffhausen am Rhein in der Schweiz.
Simrock: Schaffhausen selbst ist als Geburtsstadt Johannes von Müllers berühmt. In seinem Münster hängt die große, 1486 gegossene Glocke, welche die aus Schillers Gedicht berühmte Umschrift führt: „Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.“ Was der sogenannte große Gott von Schaffhausen, der nach dem rheinischen Antiquarius 22 Fuß lang war, eigentlich für ein Heiliger gewesen ist, wird vielleicht noch auszumitteln sein. Der gleich benannte Schweizer Kanton, der einzige, der nach Graubünden noch auf der rechten Rheinseite liegt, bildet gleichsam den Brückenkopf zwischen Deutschland und der Schweiz.
KEB: Vom Brückenkopf zur Brücke...
Simrock: Um so weniger dürfen wir die merkwürdige Brücke vergessen, welche ehemals die Stadt mit dem jenseits liegenden Züricher Flecken Feuerthalen verband. Diese Brücke... war zwar nur aus Holz, aber ein Meisterstück in ihrer Art, ein Hängewerk, das, außer an den Ufern, nur auf einem einzigen Pfeiler ruhte oder vielmehr auch auf diesem nicht einmal ruhte, wenigstens ist darüber gestritten worden. Man behauptet nämlich, des Künstlers Plan wäre gewesen, nur einen einzigen Bogen über den Fluß zu legen; da er aber von der Stadtobrigkeit angewiesen worden war, sich jenes von einer ehemaligen steinernen Brücke noch vorhandenen Pfeilers zu bedienen, so hätte er zum Schein dem Befehl sich gefügt, aber seine Baueinrichtungen auf eine Art gemacht, daß in der Tat gleichwohl kein Teil durch denselben getragen worden sei.
KEB: Was wissen wir von diesem Brückenkünstler?
Simrock: Dieser Künstler war nur ein gewöhnlicher Zimmermann von Tuffen im Kanton Appenzell, Hans Ulrich Grubenmann mit Namen, und man muß gestehen, daß in dieser Hinsicht, auch angenommen, daß durch den gedachten Pfeiler wirklich zwei Bogen entstanden wären, die Brücke dennoch Bewunderung verdient hätte, denn immerhin wären, da diese in ihrer Ausdehnung 364 englische Fuß betrug, auf die Öffnungen der beiden Bögen folgende Maße gekommen: auf die des größten 193 und auf die des kleinsten 171 Fuß. Ein einzelner Fußgänger, der über dieselbe hinschritt, fühlte das Gerippe unter seinen Füßen zittern, und dennoch trug sie schwerbeladene Lastwagen wie jede andere.
KEB: Ein Wort zur Brücke, deren Kosten und Geschichte.
Simrock: Ihr Bau, der von 1754 an in drei Jahren vollendet wurde, hatte über 60 000 Reichstaler gekostet; ein einziger Tag vernichtete sie, da sie in dem Krieg zwischen Österreich und Frankreich zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einem Rückzug der Franzosen in Brand gesteckt wurde.
KEB: Ich danke für das Gespräch.
Anthroposophische Architektur – Formen des organischen Lebens
Kurt E. Becker im Gespräch mit Rudolf Steiner
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Säulen wirken auf mich in der Architektur, wie die Melodie in der Musik
Kurt E. Becker im Gespräch mit Stendhal
KEB: Herr Stendhal, lassen Sie uns über Kunst und zunächst vor allem Architektur als wesentliche Komponenten kulturellen Behaust-Seins miteinander sprechen. Während Ihrer Militärzeit waren Sie lange Jahre in Italien. Was waren Ihre Impressionen?
Stendhal: Was der Italiener am allermeisten liebt, das ist die Architektur seines Hauses. Nach der Musik ist es die Architektur, die seine Seele am tiefsten berührt. Ein Italiener hält vor einer schönen Thür, die man an einem neuen Hause baut, eine Viertelstunde an und geht davor hin und her. Ich begreife diese Leidenschaft.
KEB: In Mailand hatte Ihnen was am besten gefallen?
Stendhal: Was mir in Mailand am besten gefällt, das sind die Höfe im Innern der Gebäude. Ich finde da immer eine Menge Säulen, und Säulen wirken auf mich in der Architektur, wie die Melodie in der Musik.
KEB: Die Blume Florenz hatte Sie in besonderer Weise beeindruckt.
Stendhal: Mit großen weißen Steinblöcken gepflastert, ist Florenz von seltener Reinlichkeit. Man riecht die Reinlichkeit förmlich in seinen Straßen. Wenn man einige holländische Flecken ausnimmt, so ist Florenz vielleicht die sauberste Stadt der Welt. Jedenfalls ist es eine der elegantesten. Seine griechisch-gothische Architektur hat alle Sauberkeit und Peinlichkeit der Ausführung wie ein schönes Miniaturbild. Zum Glück für die materielle Schönheit von Florenz verloren seine Bewohner, mit der Freiheit, auch alle zum Bauen im großen Stil notwendige Thatkraft. So wird das Auge hier nicht beleidigt durch jene unwürdigen Fassaden eines Piermarini, und nichts stört die schöne Harmonie dieser Straßen, wo die ideale Schönheit des Mittelalters atmet. An hundert Orten in Florenz kann sich der Reisende im Jahre 1500 wähnen. Aber trotz der seltenen Schönheit so vieler von Größe und Melancholie erfüllter Straßen und Plätze, kann doch nichts dem Palazzo Vecchio verglichen werden. Die strenge Wirklichkeit des Mittelalters im Palazzo Vecchio, rings umgeben von Werken der großen Kunst, bildet einen erschütternden Kontrast zu der Unbedeutendheit der modernen »Marchesini«. Mit Staunen und Bewunderung steht man vor den Meisterwerken der alten Zeit, gezeugt von der Kraft der Leidenschaften, und dann sieht man, wie später alles unbedeutend wird, kleinlich, verrenkt, sobald der Sturm der Leidenschaften aufhört das Segel zu schwellen, das die menschliche Seele vorwärts treiben muß, jene Seele, die nichtig und armselig wird, wenn sie ohne Leidenschaften ist, das heißt, ohne Laster und Tugenden
KEB: Ein Wort zu Sankt Peter und seinen Baumeistern, insbesondere zu Michelangelo..
Stendhal: Nichts läßt in der Architektur von St. Peter die Anstrengung merken; alles scheint groß von Natur zu sein. Die Gegenwart des Genies eines Bramante und Michelangelo macht sich so fühlbar, daß Lächerlichkeiten hier nicht mehr lächerlich sind, sie sind nur bedeutungslos. Michelangelo kannte die Griechen, wie Dante den Virgil. Sie bewunderten beide, aber sie kopierten nicht. Darum spricht man von ihnen noch nach Jahrhunderten..Im Charakter Michelangelo's lag zu viel Stolz, seine Verachtung für die Steinverhunzer, wie er die zeitgenössischen Architekten nannte, war zu aufrichtig, er war darum kaum danach angethan, einen nennenswerten Einfluß auf die jungen Leute auszuüben, die reichen Greisen den Hof machten und von ihnen beauftragt wurden, Kirchen zu bauen. Aber diese Künstler, heute längst vergessen, glaubten alle Michelangelo nachzuahmen. Und so pflegte er zu sagen: Mein Stil ist bestimmt, viele Dummköpfe zu machen.
KEB: Sie haben ein einprägsames Urteil zum Schönen.
Stendhal: Der Unterschied zwischen dem modern Schönen und dem antik Schönen entspricht genau dem Unterschied, der besteht zwischen dem Salon und dem Forum.
KEB: Höchst interessant Ihre ironisierende Kritik an Immanuel Kants philosophischer Ästhetik.
Stendhal: Man braucht keine Gründe, um ein Kunstwerk schön zu finden. Es macht einfach dem Auge Vergnügen. Ohne diese instinktive oder wenigstens unbewußte Freude des ersten Augenblicks giebt es weder Malerei noch Musik. Dennoch habe ich in Königsberg Leute kennen lernen, die auf dem Weg des Verstandes und durch metaphysische Vernunftgründe hindurch zum Genuß der Kunst gelangen wollten. Die Nordländer urteilen auch in der Kunst nach vorgefaßten Schul-Meinungen, die Südländer aber darnach, ob etwas ihren Sinnen augenblicklich eine Lust und eine Freude ist.
KEB: Last not least Ihre Einsichten zum Künstler an sich.
Stendhal: Er ist weit entfernt, den groben Vergnügungen nachzugehen, er flieht sie vielmehr; sie würden seine geistigen Fähigkeiten zerstören und seine Kraft, das Erhabene zu empfinden und darzustellen, abschwächen. Er opfert dem Durste nach unsterblichem Ruhme alles, Leben und Gesundheit. Das wirkliche Dasein ist ihm nur das gemeine Gerüst, durch welches er seinen Ruhm erheben will, er lebt nur in der Zukunft. Man sieht ihn die Menschen fliehen, sich in Einsamkeit vergraben, sich kaum die nötigste Nahrung gestatten. Zum Lohn für soviel Sorgen, wenn er der Sohn eines heißen Himmels ist, wird er Extasen haben, wird er Meisterwerke schaffen, wird er halb wahnsinnig in der Mitte seiner Laufbahn sterben. Und von solch einem Mann verlangt unsre ungerechte Gesellschaft, daß er weise, maßvoll und klug sei? Wenn er klug wäre, würde er dann sein Leben dahingeben, um euch zu gefallen, euch braven und mittelmäßigen Tröpfen?
KEB: Ich danke für das Gespräch.
Den Aufwand bei Gebäuden angemessen machen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Vitruv
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Unsere Lebensweise hat die Uniformität unserer Wohnhäuser zur Folge
Kurt E. Becker im Gespräch mit Otto Wagner
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021




