„Um des bloßen Lebens willen entstanden“
Ökonomie ist - Hauswirtschaft
Kurt E. Becker im Gespräch mit Aristoteles
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Wesenhafter Umbruch der Wirtschaft
Kurt E. Becker im fiktiven Gespräch mit Hermann Broch
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Die „guten alten Zeiten" waren keine guten alten Zeiten
Kurt E. Becker im Gespräch mit Andrew Carnegie
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Das Freigeld und die Investition in Immobilien
Kurt E. Becker im Gespräch mit Silvio Gesell
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Verfall unsrer Cultur
Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Albert Lange
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Grundbesitz – ein Handelsartikel
Kurt E. Becker im Gespräch mit Karl Marx
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Die soziale Frage
Kurt E. Becker im fiktiven Gespräch mit Vilfredo Pareto
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
In Pandoras Büchse: Das Eigentum
Kurt E. Becker im Gespräch mit Jochen Heinrich Pestalozzi
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.

Verflüchtigung der Substanz des Eigentums
Kurt E. Becker im Gespräch mit Joseph A. Schumpeter
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Das Transzendentwerden des goldenen Kalbes
Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Großstädtisches Leben
Kurt E. Becker im Gespräch mit Georg Simmel
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Lob der nützlichen Investition
Kurt E. Becker im Gespräch mit Adam Smith
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

… das Haus besitzt ihn, nicht aber er das Haus
Kurt E. Becker im Gespräch mit Henry David Thoreau
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Ein geheimes inneres Gesetz der Stadtentwicklung
Kurt E. Becker im Gespräch mit Alfred Weber
KEB: Herr Professor Weber, lassen Sie uns heute über die verschiedenen Arbeitsmärkte und ihren Zusammenhang mit der Stadtentwicklung und dem in den Städten hausenden und arbeitenden Menschen miteinander sprechen. Was hat es damit auf sich?
Weber: Wir können heut nicht übersehen, wie weit der Unterbau mittlerer und kleinerer Arbeitsmärkte in Gebieten, wo er nicht durch die alte Städtebildung historisch gegeben ist, wirklich nachwächst … In Europa … bietet die mittelalterliche Städtegliederung das geografische Netz der möglichen kleineren Arbeitsmärkte und schafft dadurch die standortsmäßige Fixierung der kleineren und mittleren Wanderungs- und Zustromplätze. Die ganze standortsmäßige Fixierung der solche Märkte suchenden Industrie ist in Deutschland, England, Frankreich und anderwärts derart geschaffen durch die alte Städtebildung.
KEB: Wie sieht es mit den größeren Märkten und deren Bedeutung aus?
Weber: Die geographische Fixierung der größten Märkte aber, auf die der Strom der Arbeitskräfte im letzten Grunde zugeht, ergibt sich, soweit man heute sehen kann, in zwiefacher Form, die zwei Arten solcher zentralen Attraktionsstellen schafft. Erstens: Es entsteht in jedem Land, vielfach auch wieder in jeder politisch und historisch selbständigen Gegend ein hauptstädtischer Markt, der seine Attraktionskraft einfach aus der Tatsache seiner zentralen Stellung im gesellschaftlichen Leben überhaupt, der dadurch bedingten primären Größe zieht und aus den reichen Verwertungsmöglichkeiten, die er so jedweden Arbeitskräften bietet (Metropolbildung): London, Paris, Berlin, auch München, Stuttgart, Dresden usw. Zweitens: Es gewinnen solche in alten und neuen Gebieten arbeitsorientierter Industrie gelegene Märkte, die in der Nähe Kohlenbezirke haben und dadurch als attrahierende Arbeitsstellen gleichzeitig vorzugsweise günstige Bedingungen der Materialorientierung für die sich mechanisierende Industrie bieten, das Übergewicht über die in anderen Gebieten allein arbeitsorientierter Produktion historisch gewachsenen (Industriebezirksbildung). Sie werden die arbeits- und kohlenorientierten Zentren, die, wie das rheinisch-westfälische bei uns, eine größere regionale Attraktionsbedeutung bekommen als andere alte Arbeitsgebiete, zum Beispiel das württembergische oder oberelsässische.
KEB: Nun ein Wort zur eigentlichen Stadtentwicklung, bitte.
Weber: Der moderne Städteaufbau weist ein sehr merkwürdiges gesetzmäßig abgestuftes Wachstum der verschiedenen Größenklassen der historisch vorhandenen Städtetypen auf. Die Kleinstädte wachsen stärker als die Land-, die Mittelstädte stärker als die Kleinstädte und das Wachstum findet in den Groß- und Hauptstädten seinen Gipfel. Das gibt das Bild einer Stufenagglomeration, die kein Zufall sein kann, sondern irgendein geheimes inneres Gesetz in sich tragen muss. Und dies innere Gesetz dürfte kein anderes sein als eben jener von genannten beiden Kräften bestimmte Strömungs- und Aufstauungsvorgang der Arbeitskräfte, von dem hier gesprochen wird. Mit dieser Annahme stimmt überein, dass die Metropolbildung heute zunimmt, während die Wachstumstendenzen der Mittelstädte vor allem steigen: Die Abwanderungstendenz ist eben dort am größten, wo die Grundrentenwirkung am stärksten ist, während auf der anderen Seite der Zustrom der Arbeitskräfte doch weiter zu den großen Märkten führt und dadurch vor allem Dingen in der vorletzten Etappe der Mittelstädte Aufhäufungen schafft.
KEB: Ich danke für dieses Gespräch.
Nicht bloß ein „Irgendwie“, sondern auch ein „Irgendwo“ des Vorsichgehens
Kurt E. Becker im Gespräch mit Alfred Weber
KEB: Herr Professor Weber lassen Sie uns heute bitte über den sogenannten „Standort“ miteinander sprechen. Was hat es mit diesem Standort des arbeitenden und hausenden Menschen auf sich?
Weber: Die Frage des Standorts der Industrien ist ein Teil des allgemeinen Problems der lokalen Verteilung der menschlichen Wirtschaftstätigkeit überhaupt. In jeder Wirtschaftsform und auf jeder Stufe der technischen und ökonomischen Evolution muss es für Produktion, Zirkulation, Konsumtion nicht bloß ein „Irgendwie“, sondern auch ein „Irgendwo“ des Vorsichgehens geben, muss es auch immer Regeln geben, die nicht nur das Erstere, sondern auch das Letztere bestimmen.
KEB: Was sind denn die Rahmenbedingungen dieser Industriestandorte? Und wovon werden sie geprägt?
Weber: Wir sind heute Zeugen von einfach ungeheuren örtlichen Verschiebungen der Wirtschaftskräfte, von Kapital- und Menschenwanderungen, wie sie niemals ein früheres
Zeitalter gesehen hat. Wir sehen „Reiche stürzen, Reiche sich erheben“ scheinbar als Folge solcher Wirtschaftsortveränderungen. Wir verfolgen diese Dinge mit dem leidenschaftlichen
Gefühl der Bedeutung, die sie für uns haben, stellen Prognosen auf über die Tendenzen zukünftiger Anhäufung und Verteilung, über Industriestaatsentwicklung und Zusammenbruch derselben. Ja wir greifen durch unsere Handelspolitik in diese Dinge ein und suchen sie zu meistern. Kurzum, wir tun tausend Dinge unaufhörlich, die wir im Grunde nur auf der Basis einer klaren Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten, die da wirken, tun dürften.
KEB: Was für den Standort gilt, gilt das nicht naturgemäß auch in größeren geografischen und wirtschaftlichen Kontexten des hausenden Menschen?
Weber: Wir sehen ähnliche ungeheure Verschiebungen auch im nationalen Rahmen wirken, sehen auch dort Gegenden rasch an Menschen und Kapital verarmen, andere übersättigt werden. — Ungeheure städtische Zusammenballungen sehen wir anscheinend ohne Ende vor uns wachsen. Wir philosophieren über diese Dinge, reden von den Vorteilen, Nachteilen, die sie haben, von der „Asphaltkultur“, die sie uns schaffen oder dem „Kulturverfall“. Wir sind auch da selbstredend längst Partei. Dem einen „rennt“ die Bevölkerung nur zum „Vergnügen“ in die großen Städte, um dort sich und ihre Nachkommenschaft zu ruinieren; dem anderen folgt sie dabei notwendigen Gesetzen, zum Beispiel dem der Strömung nach dem „Ort“ des niedersten sozialen Drucks usw.
KEB: Zum Schluss vielleicht noch ein Wort zur Relevanz und Bedeutung der Städte in diesem Zusammenhang.
Weber: Jeder, der in die großen Städte zieht, geht dahin unter anderem doch auch, um dort zu „wirtschaften“. Können wir nun über seine höher-psychologischen, kulturellen und sozialen Gründe, die ihn treiben, streiten, solange wir nicht wissen, ob er dabei nicht einfach eben an der ehernen Kette des engsten ökonomischen Zwanges hängt? Es kann ja sein, die ungeheuren Agglomerationen, die wir vor uns haben, sind einfach notwendige Standortserscheinungen einer bestimmten Stufe ökonomischer und technischer Entwicklung; – oder auch: Sie sind nicht dies, aber notwendige Standortsfolgen einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung unserer Wirtschaft usw. Das alles müssten wir im Grund doch wissen. Und in jedem Fall: Wir können doch nicht so verfahren, als ob es bei der geographischen Bewegung der Bevölkerung Gesetze des Wirtschaftsorts überhaupt nicht gebe, als ob die Menschen, die wir bei der Wirtschaftsart in feste Regeln eingeschlossen wissen, bei der Wahl des Wirtschaftsorts, sich einfach von Vergnügen oder wer weiß welchen anderen irrationalen Motiven leiten lassen könnten. — Hier klaffen recht gewaltige Lücken.
KEB: Herr Professor, ich danke Ihnen für dieses erhellende Gespräch. Es bleibt auch heute noch viel zu tun. Vielleicht noch mehr als zu Beginn der zwanziger Jahre im letzten Jahrhundert, als sie begannen, sich mit dieser Thematik und ihren Lücken zu befassen.
Alfred Weber, der jüngere Bruder Max Webers, geboren 1868 in Erfurt, gestorben 1958 in Heidelberg. Er wuchs in Berlin auf und empfing im Hause seines Vaters, des nationalliberalen Politikers Max Weber sen., die entscheidenden geistigen Eindrücke, die sein Leben prägten. Weber studierte Jura und Nationalökonomie, promovierte und habilitierte bei Gustav Schmoller, wurde 1899 Privatdozent an der Berliner Universität. 1904 wurde er als Ordinarius für Staatswissenschaft an die deutsche Universität Prag, drei Jahre später an die Universität Heidelberg berufen. Hier lehrte er, nur mit Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg und die NS-Zeit, bis zu seinem Tod Nationalökonomie und Soziologie.
Die Bändigung der Gewinnsucht
Kurt E. Becker im Gespräch mit Max Weber
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.



