„Unsichtbar unerfasslichen Gewalten unterworfen“
Der Mensch im Stadium völliger Unsicherheit
Kurt E. Becker im Gespräch mit Hermann Broch
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Ein harmonisches Gesamtbild der Häuslichkeit
Kurt E. Becker im Gespräch mit Hedwig Dohm
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Die Zeit der Wohnungsnot
Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Engels
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Wohnen im Wertewandel
Kurt E. Becker im Gespräch mit Martin Greiffenhagen
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021

Ein helles sonniges Absteigequartier
Kurt E. Becker im Gespräch mit Ernst Kossak
Das Gespräch findet sich in „OIKOS 1“, Lindemanns Bibliothek 2026.
Die Fenster sind gemacht, daß man sie öffne, die Thüren, daß man sie schließe
Kurt E. Becker im Gespräch mit Florence Nightingale
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Der Akt des Grüßens
Kurt E. Becker im Gespräch mit José Ortega y Gasset
KEB: Im Zusammenhang mit dem Behaustsein von uns Menschen haben Sie sich unter anderem mit dem Thema „Grüßen“, dessen „Kultur“ sozusagen, befasst. Was hat es damit auf sich?
José Ortega y Gasset: Jeder von uns macht dann und wann Besuch bei einem Bekannten in dessen Haus er weitere, ihm ebenfalls bekannte Personen beisammen finden wird. Es ist gleichgültig, welches der allgemeine Anlass, der Beweggrund zu dieser Zusammenkunft sein mag; genug, dass sie der privaten, nicht der offiziellen Sphäre angehört. Es kann sich um einen simplen Namenstagsbesuch, eine Cocktailparty, einen festlichen Abend im geselligen Kreise handeln, aber auch um eine private Diskussion über irgendein Thema. Zu dieser Zusammenkunft gehe ich aus freiem, eigenem Entschluss, getragen von der Absicht, dort etwas zu tun, das mich persönlich interessiert.
KEB: Worum kann es sich dabei handeln?
Ortega y Gasset: Dieses Etwas kann eine einzelne Handlung, kann aber auch eine ganze, verzwickte Reihe von Handlungen sein. In unserem Zusammenhang ist dies nebensächlich. Beachtet sein will nur, dass all das, was ich dort tun werde, mir selbst eingefallen, meiner eigenen Eingebung entsprungen ist und für mich einen Sinn hat. Und selbst dann, wenn ich etwas tue, das schon andere vor mir getan haben, so werde ich es nun ganz auf meine eigene Rechnung tun, es initiieren oder doch re-initiieren. Meinem Handeln eignen also die beiden hervorstechendsten und bezeichnendsten Merkmale menschlichen Verhaltens: Es entspringt meinem eigenen Willen, ich bin sein ausschließlicher Initiator, und es ist mir begreiflich, ich verstehe, was ich tue, und weiß, weshalb und wofür ich es tue.
KEB: In Bezug auf den Gruß heißt das konkret was?
Ortega y Gasset: Nun aber kommt das Verblüffende. Wenn ich im Haus meines Freundes den Raum betrete, in dem die Gäste versammelt sind, was tue ich dann als erstes? Was ist meine einleitende Handlung, die ich allen übrigen, gleichsam als Auftakt zur Melodie meines gesamten ferneren Verhaltens, voranstelle? Nun, etwas ziemlich Sonderbares: Ich ertappe mich nämlich dabei, dass ich auf jeden Anwesenden zugehe, seine Hand ergreife, sie drücke, schüttle und dann wieder loslasse. Die Handlung, die ich da ausführe, nennt man den Gruß.
KEB: Welche Bedeutung messen Sie dem Gruß zu?
Ortega y Gasset: Bin ich deswegen in dieses Haus gekommen, bin ich gekommen, um den anderen die Hände zu drücken und meine eigene von ihnen drücken und schütteln zu lassen? Nein. Diese Handlung stand sicherlich nicht auf dem Aktionsprogramm, das ich von mir aus verwirklichen wollte. Sie ist nicht von mir vorbedacht. Sie interessiert mich nicht. Es liegt mir nichts an ihrer Ausführung. Vielleicht ist sie mir sogar lästig. Sie ist also etwas, das ganz gewiss nicht von mir selbst stammt, wenn auch kein Zweifel besteht, dass ich der Ausführende bin.
KEB: Was aber ist dann der Gruß?
Ortega y Gasset: Das Gesagte … lässt in aller Klarheit erkennen, dass der Akt des Grüßens weder eine Beziehung zwischen Individuen noch zwischen Menschen darstellt, obgleich wir beide, die wir uns die Hände reichen, Menschen und auch Individuen sind. Ein Jemand, ein Etwas, ein X, der mit keinem von uns beiden, weder mit mir noch dem anderen, identisch ist, sondern uns beide wie eine Hülle umgibt, ist das für den Gruß verantwortliche Subjekt, das Subjekt, das ihn geschaffen hat. Individuelles kann es beim Gruße nur in Gestalt winziger Kleinigkeiten geben, die ich dem allgemeinen Schema anfüge, die aber nicht eigentlich zu ihm zählen, sondern gewissermaßen hineingeschmuggelt werden und darum auch nicht in ihm zutage treten: zum Beispiel der mehr oder minder starke Druck, die Art, wie ich die Hand ergreife, mein besonderer Rhythmus beim Schütteln, Halten und Freigeben; denn es kommt niemals vor, dass wir zwei Hände in völlig gleicher Weile drücken. Aber diese minimale Zutat von Gefühlsmäßigem, Heimlichem, Individuellem gehört gar nicht zum Gruße selbst. Es handelt sich da vielmehr um ein paar verschwindend kleine Verzierungen, die ich dem bereits fertigen Gruße von mir aus hinzufüge. Der Gruß ist die starre, in ihrem Grundschema stets identische, allgemein bekannte und übliche Umgangsform, die darin besteht, dass man die Hand eines anderen ergreift, beliebig stark drückt, einen Augenblick lang schüttelt und dann loslässt.
KEB: Ich danke für dieses Gespräch.
„Dies ist mein“
Kurt E. Becker im Gespräch mit Jean-Jaques Rousseau
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Herr der Erde
Kurt E. Becker im Gespräch mit Friedrich Schleiermacher
KEB: Herr Professor, Sie gelten als einer der vielseitigsten Gelehrten Ihrer Zeit und als einer der ersten soziologischen Denker überhaupt. Ihre „Soziologie“ geht von der Überlegung aus, dass der Mensch der Herr der Erde sei. Was hat es damit auf sich?
Schleiermacher: Mit Recht rühmt der Mensch sich dieser Herrschaft jetzt so, wie er es noch nie gekonnt; denn wie viel ihm auch noch übrig sei, so viel doch ist nun gethan, dass er sich fühlen muss als Herr der Erde, dass ihm nichts unversucht bleiben darf auf seinem eigenthümlichen Boden, und immer enger der Unmöglichkeit Gebiet zusammenschwindet. Die Gemeinschaft, die hierzu mich mit Allen verbindet, fühle ich in jedem Augenblick des Lebens als Ergänzung der eigenen Kraft.
KEB: Mit welcher Konsequenz? Eine erste Art der Arbeitsteilung im globalen Behaustsein?
Schleiermacher: Ein jeder treibt sein bestimmtes Geschäft, vollendet des Einen Werk, den er nicht kannte, arbeitet dem Andern vor, der nichts von seinen Verdiensten um ihn weiss. So fördert über den ganzen Erdkreis sich der Menschen gemeinsames Werk, Jeder fühlet fremder Kräfte Wirkung als eigenes Leben, und wie elektrisches Feuer führt die kunstreiche Maschine dieser Gemeinschaft jede leise Bewegung des Einen durch eine Kette von Tausenden verstärkt zum Ziele als wären sie alle seine Glieder, und alles, was sie gethan, sein Werk, im Augenblick vollbracht. Ja dies Gefühl gemeinsam erhöhten Lebens wohnt noch lebendiger wohl und reicher in mir, als in Jenen, die so laut es rühmen. Mich stört nicht täuschend ihre trübe Einbildung, dass es so ungleich die geniessen, die doch Alle es erzeugen und erhalten helfen. Denn nur durch Gedankenleere, durch Trägheit im Betrachten verlieren sie Alle; von Allen fordert Gewohnheit ihren Abzug, und wo ich immer Beschränkung und Kraft vergleichend berechne, ich finde überall dieselbe Formel, nur anders ausgedrückt, und gleiches Maass von Genuss verbreitet sich über Alle. Und doch auch so achte ich dieses ganze Gefühl gering; nicht etwas besser noch in dieser Art wünschte ich die Welt, sondern es würde mich peinigen wie Vernichtung, wenn dies sollte das ganze Werk der Menschheit sein, und nur daran unheilig ihre heilige Kraft verschwendet.
KEB: Aber das Sinnhafte menschlichen Lebens ist mit der Bewältigung der äußeren Welt noch nicht definiert.
Schleiermacher: Nein, meine Forderungen bleiben nicht bescheiden stehen bei diesem besseren Verhältniss des Menschen zu der äussern Welt, und war es auf den höchsten Gipfel der Vollendung schon gebracht! Wofür denn diese höhere Gewalt über den Stoff, wenn sie nicht fördert das eigene Leben des Geistes selbst? was rühmt ihr euch jener äusseren Gemeinschaft, wenn sie nicht fördert die Gemeinschaft der Geister selbst? Gesundheit und Stärke sind wohl ein hohes Gut: aber verachtet ihr nicht jeden, der sie nur braucht zu leerem Gepränge? Ist denn der Mensch ein sinnlich Wesen nur, dass auch das höchste Gefühl des leiblichen Lebens, denn sein Leib ist ja die Erde, ihm alles sein darf? Genügt es dem Geiste, dass er nur den Leib bewohne, fortsetzend und vergrössernd ihn ausbilde, und herrschend seiner sich bewusst sei? Und darauf allein geht ja ihr ganzes Streben, darauf gründet sich ihr ungemessner Stolz. So hoch nur sind sie gestiegen im Bewusstsein der Menschheit, dass von der Sorge für das körperliche Leben und Wohlsein des Einzelnen sie zur Sorge für das gleiche Wohlbefinden Aller sich erheben.
KEB: Ich danke für das Gespräch.
Gemeinschaft und Gesellschaft
Kurt E. Becker im Gespräch mit Ferdinand Tönnies
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Es gibt alles, nur keine Wohnungen
Kurt E. Becker im Gespräch mit Kurt Tucholsky
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Architektonische Unglücksfälle
Kurt E. Becker im Gespräch mit Thorstein Veblen
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021
Fünfhundert im Jahr und ein Zimmer für sich allein
Kurt E. Becker im Gespräch mit Virginia Woolf
Das Gespräch findet sich in „Der behauste Mensch“, Patmos Verlag 2021



